1914 erscheint im Westermann-Verlag in Braunschweig die reformpädagogisch beeinflusste „Hansa-Fibel“ des Hamburger Pädagogen Otto Zimmermann (1874-1944). Das Niederdeutsche wird in dieser Fibel nach der Vermittlung grundlegender hochdeutscher Lesekompetenzen sukzessive eingeführt. Bis 1933 erscheint die „Hansa-Fibel“ in ca. 35 verschiedenen regionalen Varianten, sogen. „Heimatausgaben“, für den gesamten norddeutschen Raum und darüber hinaus (vgl. Weßels 2022, 1; Bartnitzki 2024, 3). 1935 wird die von Zimmermann selbst an die Ideologie der Nationalsozialisten angepasste Version „Hand in Hand fürs Vaterland“ offiziell für den Schulunterricht zugelassen und ihrerseits zur Grundlage regionaler Varianten. Im selben Jahr erscheint in Hamburg das „Plattdüütsch Kinnerbook: Geschichten un Rimels för dat eerste Lesen in de School“, herausgegeben von der Gausachberatungsstelle für Niederdeutsch im NS-Lehrerbund. Auch das „Kinnerbook“ wird in den folgenden Jahren mehrfach in verschiedenen Dialektvarianten aufgelegt. Während die „Hansa-Fibel“ regionale Aspekte integriert, um die kindliche – und damit häufig auch niederdeutsche – Erfahrungswelt didaktisch für einen kindgerechten (hochdeutschen) Leseerwerb nutzbar zu machen, ist das „Kinnerbook“ dezidiert auf einen Erwerb niederdeutscher Sprachkompetenzen ausgerichtet. Das „Kinnerbook“ wird 1939 letztmalig aufgelegt, die „Hansa-Fibel“ erscheint noch in den ersten Jahren nach 1945 in „Notausgaben“, die auf ideologisch unbelastete Vorkriegsausgaben zurückgehen. Mit der Zentralisierung und De-Lokalisierung insbes. des Landschulwesens in beiden deutschen Staaten ab den 1950er Jahren wird das Niederdeutsche als Teil der kindlichen Lebenswelt in Erstlesebüchern nicht mehr berücksichtigt. Zudem verliert die Familie als Ort des ungesteuerten Niederdeutscherwerbs zusehends an Bedeutung. Niederdeutsch wird als Bildungshemmnis wahrgenommen.
Im Rahmen der Anschubförderung von der Hanse University Alliance ist ein Arbeitstreffen der Projektbeteiligten aus Greifswald (PD Dr. Birte Arendt, Sprachwissenschaft, Didaktik), Rostock (Prof. Dr. Andreas Bieberstedt, PD Dr. Klaas-Hinrich Ehlers, beide Sprachwissenschaft) Prof. Dr. Wenke Mückel, Grundschulpädagogik) und Oldenburg (Prof. Dr. Doreen Brandt, Literaturwissenschaft; Dr. Franziska Buchmann, Sprachwissenschaft, Didaktik) geplant. Ziel ist die Sichtung der bislang zusammengetragenen Materialien (Hansa-Fibeln, Kinnerbook, ggf. pädagogische Begleitmaterialien dazu, Forschungsliteratur) und der Austausch darüber, um am Schnittpunkt von niederdeutscher Sprach- und Literaturwissenschaft, Grundschulpädagogik und Didaktik ein gemeinsames Erkenntnisinteresse zu eruieren und methodische Herangehensweisen zu diskutieren. Mittelfristig ist ein Drittmittelprojekt zum Thema geplant.