Karrieren verlaufen heute selten linear. Deshalb wird Selbstwirksamkeit wichtiger als der perfekte Karriereplan.
Viele Lebensläufe wirken im Rückblick erstaunlich geradlinig. Wenn wir sie erzählen, klingt es oft so, als hätten Entscheidungen logisch aufeinander aufgebaut. Ausbildung, Job, nächste Position. Schritt für Schritt. Die Realität fühlt sich währenddessen allerdings meist ganz anders an. Berufliche Wege entstehen häufig situativ. Möglichkeiten ergeben sich, Türen öffnen sich, neue Aufgaben kommen dazu. Man wächst in Rollen hinein, übernimmt Verantwortung und bewegt sich weiter. Und irgendwann taucht eine Frage auf, die man sich im Alltag selten stellt: Gestalte ich meinen Weg eigentlich bewusst oder lasse ich mich treiben?
Diese Frage hat mich selbst immer wieder beschäftigt. Ich habe mich scheiden lassen. Ich habe meine berufliche Orientierung neu ausgerichtet, als mein Sohn geboren wurde. Und ich habe mehrfach Entscheidungen getroffen, die nicht aus einem fertigen Plan entstanden sind, sondern aus dem Wunsch heraus, mein Leben bewusst zu gestalten. Was mir dabei immer wieder geholfen hat, ist eine Überzeugung, die in der Psychologie als Selbstwirksamkeit beschrieben wird.
Selbstwirksamkeit beschreibt die Überzeugung, schwierige Situationen bewältigen und das eigene Leben aktiv beeinflussen zu können. Das bedeutet nicht, alles unter Kontrolle zu haben. Und auch nicht, immer genau zu wissen, wie der nächste Schritt aussehen soll. Vielmehr geht es um eine grundlegende Haltung: Ich kann Entscheidungen treffen. Ich kann Dinge verändern. Ich kann meinen Weg gestalten. Diese Haltung entsteht nicht durch Theorie oder Motivation. Sie entsteht durch Erfahrung. Durch Momente, in denen wir merken, dass unser Handeln tatsächlich einen Unterschied macht.
Eine Arbeitswelt, die immer mehr Gestaltung verlangt
Unsere Arbeitswelt verändert sich derzeit in rasantem Tempo. Digitalisierung, neue Organisationsformen und flexible Arbeitsmodelle führen dazu, dass berufliche Wege weniger vorhersehbar werden. Karrieren verlaufen heute selten linear. Viele Menschen wechseln Rollen, Branchen oder Arbeitsformen. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Eigenverantwortung und Anpassungsfähigkeit.
In diesem Zusammenhang wird häufig von sogenannten Future Skills gesprochen. Gemeint sind Kompetenzen, die Menschen befähigen, sich in einer dynamischen Arbeitswelt zu orientieren und handlungsfähig zu bleiben. Neben fachlichem Wissen gehören dazu vor allem überfachliche Fähigkeiten. Dazu zählen Reflexionsfähigkeit, Lernbereitschaft, Resilienz und die Fähigkeit, den eigenen Weg aktiv zu gestalten. Selbstwirksamkeit bildet dafür eine zentrale Grundlage. Denn wer überzeugt ist, Einfluss auf die eigene Situation nehmen zu können, geht mit Veränderungen anders um. Nicht passiv, sondern gestaltend.
In meiner Arbeit als Gründerberaterin begleite ich Menschen in beruflichen Übergängen. Viele stehen an Punkten, an denen sie ihren bisherigen Weg hinterfragen. Dabei begegnen mir häufig sehr kompetente und engagierte Menschen. Menschen mit Erfahrung, Fachwissen und Ideen. Und trotzdem höre ich immer wieder ähnliche Sätze: Ich habe das Gefühl, nur noch zu funktionieren. Ich weiß gar nicht mehr genau, was ich eigentlich möchte. Irgendwie hat sich mein Weg einfach so ergeben. Diese Situationen entstehen selten plötzlich. Meistens entwickeln sie sich über längere Zeit. Ein Job, der sich anbietet. Eine Verantwortung, die übernommen wird. Eine Rolle, in die man hineinwächst. Und irgendwann stellt sich die Frage: Passt dieser Weg eigentlich noch zu mir?
Selbstwirksamkeit als Future Skill
Solche Fragen sind kein Zeichen von Unsicherheit. Im Gegenteil. Sie zeigen, dass Menschen beginnen, ihre Situation bewusst zu reflektieren. Und genau hier beginnt Selbstwirksamkeit. Diese entsteht selten durch große Entscheidungen. Oft beginnt sie mit einem Moment des Innehaltens. Mit der Bereitschaft, sich ehrlich mit Fragen auseinanderzusetzen wie: Was ist mir wirklich wichtig? Welche Fähigkeiten möchte ich einsetzen und weiterentwickeln? Welche Rolle soll Arbeit in meinem Leben spielen? Im Alltag nehmen wir uns für solche Fragen erstaunlich selten Zeit. Berufliche Anforderungen, familiäre Verantwortung und alltägliche Routinen lassen wenig Raum für grundlegende Reflexion. Gerade deshalb kann ein strukturierter Rahmen hilfreich sein, in dem solche Fragen bewusst betrachtet werden.
Vor diesem Hintergrund ist das Kompetenztraining „Selbstwirksamkeit und Vereinbarkeit in einer dynamischen Arbeitswelt“ am C3L der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg entstanden. Das Training begleitet Teilnehmende über mehrere Wochen dabei, ihre persönlichen Werte, Stärken und Ziele zu reflektieren und mit den Anforderungen einer sich wandelnden Arbeitswelt in Verbindung zu bringen. Ziel ist es, eine individuelle Zukunftsstrategie zu entwickeln, die sowohl berufliche Entwicklung als auch private Lebensbereiche berücksichtigt.
Methodisch verbinden wir wissenschaftliche Perspektiven mit praktischer Selbstreflexion. Dazu gehören unter anderem Ansätze aus der Positiven Psychologie, das sogenannte Ikigai-Modell sowie verschiedene Methoden zur persönlichen Standortbestimmung. Im Mittelpunkt steht jedoch eine einfache, aber zentrale Frage: Wie kann ich mein Leben bewusst gestalten, statt nur auf äußere Anforderungen zu reagieren?
Entscheidungen bewusst treffen
Die Erfahrung zeigt, dass bereits kleine Veränderungen in der Perspektive einen großen Unterschied machen können. Wer sich seiner eigenen Werte, Stärken und Prioritäten bewusst ist, trifft Entscheidungen oft klarer. Veränderungen wirken weniger bedrohlich, weil sie nicht nur als äußere Anforderungen erlebt werden, sondern auch als Gestaltungsmöglichkeiten. Selbstwirksamkeit bedeutet deshalb nicht, dass der eigene Weg vollständig planbar wird. Aber sie schafft die Grundlage dafür, Entscheidungen bewusst zu treffen und Verantwortung für die eigene Entwicklung zu übernehmen.
Die Frage, wie wir arbeiten und leben wollen, wird in Zukunft eher wichtiger als unwichtiger. Viele Menschen wünschen sich heute nicht nur beruflichen Erfolg, sondern auch Sinn, Gestaltungsspielraum und Vereinbarkeit mit ihrem persönlichen Leben. Diese Fragen lassen sich nicht mit allgemeinen Karriereempfehlungen beantworten. Sie sind immer individuell. Was jedoch für viele Menschen einen Unterschied macht, ist die Erfahrung: Ich kann mein Leben gestalten. Und genau diese Erfahrung steht im Zentrum des Future Skills Trainings am C3L.
Madleen Frommholz, Autorin dieses Blogbeitrags, ist Gründungsberaterin für Eltern und lehrt im Future-Skills-Training „Selbstwirksamkeit“.