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Volker Schindel

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„Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“

Mit solchen und anderen Feststellungen provoziert die Dreigroschenoper von Kurt Weill und Bertolt Brecht seit der Uraufführung in Berlin 1928 das Publikum. Mit einer Mischung aus provozierender, oft disharmonischer Musik, vielen Elementen der Populären Musik der Zwanziger Jahre, vielen Parodien auf die klassische Oper und einer lässig erzählten Geschichte eine nie dagewesene Sensation: gesellschaftlicher Zynismus, provokativ dargestellt durch das Unterhaltungstheater. Die Geschichte von Verbrechern, die das ganze System zusammenhalten, von einer Gesellschaft, die auf solch einem System beruht: „Denn wovon lebt der Mensch? Der Mensch lebt nur von Missetat allein!“ Ein Kampf aller gegen alle. Verrat, Lug, Trug, Hinterhalt, und ein bisschen Liebe. Mit Musik.
Der Erfolg von 1928 ist Grund genug, dass berühmte Werk neu in Szene zu setzen. Aber wie? Wie stellt man das Stück erneut dar, macht es interessant für die heutige Generation? Inszeniert es „modern“, ohne den alten Charakter zu verlieren? Oder wurde die Dreigroschenoper etwa schon zu oft interpretiert, analysiert, inszeniert und kritisiert? Etwas Neues musste her.
Wie etwa durch eine Kooperation zwischen Musik- und Kunststudenten der Universität Oldenburg und Musikstudenten der Towson University in Baltimore, USA. Das Neue daran ist der Plan einer zweisprachigen Aufführung: englisch – deutsch. Die Amerikaner ackern sich an den deutschen Liedtexten ab, während die Oldenburger Studenten tagelang die englischen Dialoge pauken. Doch nicht wie früher mit Stift und Papier und einer amerikanischen bzw. deutschen Lehrperson – sondern durch moderne Technik. Via Skype, einem Programm für Videotelefonie im Internet, sitzen die Studenten hier in Oldenburg und fernab in Towson gewappnet mit Headset, Kamera und ihren Textbüchern vor ihren Laptops und tragen sich ge-genseitig die Lied- bzw. Textzeilen vor. Denn Zeilen wie „Und der Haifisch, der hat Zähne, und die trägt er im Gesicht. Und Macheath, der hat ein Messer, doch das Messer sieht man nicht“, bedürfen nicht nur für die Deutschen, sondern vor allem für die Amerikaner etwas Übung – man vergesse nicht das zu rollende „r“.

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Das Ensemble in Towson

Eins ist garantiert: Ob im Schattenbild von einem „Toten am Strand“, oder bei zwanzig, männlichen als auch weiblichen „Huren“, die über die Unibühne flanieren – Spaß an der Sache. Auf Kommando schlüpft ein Student etwa zwischen der Rolle eines Bettlers, Polizisten, oder einer Hure hin und her, je nachdem, was gerade gebraucht wird. Mit vollem Körpereinsatz und dem gewünschtem Ernst an der Sache.
Im Mittelpunkt Brecht und Weill. Weill… – ein deutscher oder amerikanischer Komponist? Ein kleiner Streitpunkt zwischen den deutschen und amerikanischen Studenten, doch das wird bei solch einer Inszenierung nicht der einzige blieben. Immerhin sollen sich fünf Lehrende und 51 Studierende auf ein gemeinsames Konzept einigen. Sei es bezüglich der Kostüme, den Lichteffekten, des Gesangsstils oder des Schauspielens.
Die Aufführungen vom 27 bis 29.05 in Oldenburg und vom 30.09 bis 02.10 in Towson finden in gemischten Gruppen statt: Amerikaner und Deutsche stehen gemeinsam auf der Bühne. Wie es genau aussieht, wenn beispielsweise ein deutscher Macheath die Liebesszene mit einer amerikanischen Polly spielt, zeigt sich dann. Aber bis dahin steht noch eine Menge Arbeit auf dem Programm. Denn natürlich müssen die Szenen exakt identisch geprobt werden, immerhin sollen die Schauspieler nach Belieben tauschen können ohne wochenlange gemeinsame Proben.
Neben der Herausforderung dieser Kooperation stehen die Studierenden aus Oldenburg und Towson aber auch vor dem Reiz des Brechtschen Stoffs und der Musik Weills. Da fragt man sich immer wieder: Ist die Dreigroschenoper veraltet? Oder findet die einmalige Musik und die „Moral von der Geschicht“, die Kritik an der Gesellschaft, auch heute noch Einzug in die Köpfe der Zuschauer? Ist dieser Brechtsche Pessimismus an der Welt altmodisch und realitätsfern oder deutlicher als erwünscht? Entstanden kurz vor der Weltwirtschaftskrise von 1929 ist die Dreigroschenoper vielleicht gerade in der heutigen Zeit so aktuell wie nie zuvor. Denn: „Die Welt ist arm, der Mensch ist schlecht. Da hab ich eben leider recht!“

Maria Ostermann

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Die Oldenburger Gruppe mit den amerikanischen Kollegen.

Musiu1tk-kn5s0Wezbudbbmasqrnter (musixjk@uo/ngl.h4de) (Stand: 07.11.2019)