Unabhängige Messstelle

Unabhängige Messstelle

Unabhängige Radioaktivitätsmessstelle

Zur Bedeutung unabhängiger Radioaktivitätsmessstellen für die Umgebungsüberwachung

H. Helmers, J. Pade

(aus: Köhnlein, W., Nussbaum, R. H. (Hrsg.): "Die Wirkung niedriger Strahlendosen", Gesellschaft für Strahlenschutz, Bremen, 2001, S. 396-406)

Abstract

For a time period of little less than 20 years the Physics Department of the Carl von Ossietzky University at Oldenburg has been running a laboratory for environmental radioactivity, where students are familiarized with the methods of radiation measurement and dosimetry with an environmental approach.

After the disaster of Chernobyl on 26 April 1986 the Physics Department used the laboratory for measuring the radioactive load resulting from the reactor accident. Organizing a lot of public information events and with the support of the local media we succeeded in informing the regional population extensively about the existing load. This met with a special response mainly because the official measurement stations did not publish or only very hesitantly pub­lished their data. Our experience has shown that objective information about the existing load as well as about the way of how to deal with it took away unfounded fears instead of stirring up panic for which the Physics Department was reproached by the former Land Government and some authorities.

In addition to the representation of the previous and current measuring programme, the public relations work as well as the public response, some current results of selected measurement campaigns, especially concerning soil pollution, are presented. The response on the publica­tion and assessment of those results also outside scientific journals demonstrates how impor­tant independent measurement stations still are today for informing the population.

Zusammenfassung

Der Fachbereich Physik der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg betreibt seit knapp 20 Jahren ein Labor für Umweltradioaktivität, in dem Studierende unter umweltanalytischen Ge­sichtspunkten mit Methoden der Kernstrahlungsmesstechnik und der Dosimetrie vertraut ge­macht werden. 

Nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl am 26.4.86 hat der Fachbereich Physik das Labor auch für die Messung der aus dem Unfall resultierenden radioaktiven Belastung genutzt. Durch eine Vielzahl öffentlicher Informationsveranstaltungen sowie mit Unterstützung der lokalen Medien gelang es, die Bevölkerung in der Region umfassend über die vorliegende Belastung zu unterrichten. Dies stieß vor allem deshalb auf breite Resonanz, weil die offiziel­len Messstellen ihre Messdaten der Öffentlichkeit gar nicht oder nur sehr zögerlich zur Verfü­gung stellten. Die Erfahrung zeigte, dass eine sachliche Infor­mation über die vorliegende Belastung und über Möglichkeiten zum prakti­schen Umgang damit einige unbegründete Ängste nahm - und nicht Panik schürte, wie es dem Fachbe­reich von der damaligen Landesre­gierung und manchen Behörden vorgeworfen wurde.

Neben der Darstellung des damaligen und heutigen Messprogramms, der Öffentlichkeitsarbeit sowie der öffentlichen Resonanz darauf werden einige aktuelle Ergebnisse ausgewählter Messkampagnen vorgestellt, insbesondere zur radioaktiven Belastung des Bodens. Die Reso­nanz auf die Veröffentlichung und Bewer­tung dieser Ergebnisse auch außerhalb wissen­schaftlicher Zeitschriften macht die große Be­deutung deutlich, die unabhängigen Messstellen bei der Information der Bevölkerung auch heute noch zukommt.

1  Einleitung

Die Universität Oldenburg ist 1974 aus der ehemaligen Pädagogischen Hochschule Oldenburg hervorgegangen. Die Gründungsphase stand unter dem Motto des Friedensnobelpreisträgers Carl von Ossietzky, dem späteren Namensgeber der Universität: "Wissenschaft und Technik waren in erster Linie da zu helfen. Sie schufen Werkzeuge der Vernichtung, Werkzeuge gräss­lichen Mordes. Wir müssen die Wissenschaft wieder menschlich machen." Diesem Motto fühlte sich auch der Fachbereich Physik verpflichtet, als er vor etwa 20 Jahren den Ausbau der Physik planen konnte. In dieser Zeit gab es eine breite öffentliche Debatte um Nutzen und Risiken der Kernenergie, die auch in Oldenburg mit dem Kernkraftwerk Unterweser in direk­ter Nähe heftig geführt und natürlich auch in die Universität getragen wurde. Der Fachbereich beschloss daher, in seinen neuen Räumen ein Labor für Umweltradioaktivität einzurichten. Es sollte unter ande­rem der Bevölkerung in der Region als unabhängige Anlaufstelle für den Bereich der Um­welt­radioaktivität zur Verfügung stehen und damit einen kleinen Beitrag zur "menschlichen Wis­senschaft" leisten.

Die Einrichtung des Labors begann im Jahre 1984. Anfänglich standen zwei low-level-g‑Spektrometer (HP-Ge, NaJ), Gaszähler und Dosimeter zur Verfügung. Später kamen ein weiteres g‑Spektrometer (HP-Ge), ein a‑Spektrometer, ein low-level-b‑Messplatz, zusätzliche Dosimeter, Kontaminationsmonitore und eine Schrittfilteranlage zur kontinuierlichen Luft­überwachung hinzu.

Neben dem Dienstleistungsangebot für die Menschen in der Region war und ist das Labor von Beginn an in die Lehre am Fachbereich Physik eingebunden. Studierende lernen hier in Fortge­schrittenenpraktika die Grundlagen der angewandten Kernphysik, der Kernstrahlungs­mess­technik und der Dosimetrie. Im Rahmen von Physik-Examensarbeiten unterschied­licher Dauer (6-wöchige Studienarbeiten, 6-monatige Staatsexamensarbeiten, 12-monatige Diplom­arbeiten) werden aktuelle Fragen und Probleme der Messtechnik bearbeitet. Dadurch wird gewährleistet, dass das Labor auf dem aktuellem Stand von Wissenschaft und Technik gehal­ten wird, eine unabdingbare Voraussetzung für eine unabhängige Messstelle, deren Ergebnisse in der öffentli­chen Debatte besonders kritisch hinterfragt werden. Darüber hinaus wer­den interdisziplinäre Projekte zusammen mit anderen Fachbereichen durch­geführt. Hierzu zählen z.B. Untersu­chungen zum Verhalten von Radionukliden im Boden mit dem Fachbereich Biologie oder Fra­gen der Messdatenaufbereitung mit dem Fachbereich Infor­matik.

2  Tschernobyl - eine erste Bewährungsprobe

Der Reaktorunfall von Tschernobyl am 26. April 1986 stellte das Labor, das fortan in der Öf­fentlichkeit nur noch "Radioaktivitätsmessstelle" genannt wurde, vor die erste harte Bewäh­rungsprobe. Der morgendliche Blick auf die Wetterkarte am 2. Mai 1986 machte deutlich, dass die radioaktive Wolke im Laufe des Tages auch Oldenburg erreichen würde. Die Zielset­zung der Messstelle war daher: die radioaktive Belastung der Umgebung kontinuierlich mes­sen und die Bevölkerung über die gemessenen Daten und ihre Bewertung sachlich informie­ren. Die Bewertung orientierte sich dabei an folgenden Vorgaben, die mit jeder öffentlichen Empfeh­lung auch genannt wurden:

  • dem Minimierungsgebot der Strahlenschutzverordnung, nach der die Strahlenbelastung "auch unterhalb der in dieser Verordnung festgesetzten Grenzwerte so gering wie möglich zu halten" ist (/8/, § 28);
  • der Empfehlung der Strahlenschutzkommission vom 2.5.86, nach der "aus Gründen der Vorsorge dennoch jede mit einfachen Mitteln vermeidbare Strahlenexposition durch geeig­nete und praktikable Mittel vermieden werden" sollte /2/;
  • der Tatsache, dass es "keine Schwellendosis gibt, bei deren Unterschreitung stochastische Strahlenschäden nicht auftreten" /1/;
  • den aus diesen Geboten und Fakten abgeleiteten Grenzwertempfehlungen der vom Natur­schutzverband BUND eingesetzten Strahlen­kommission.

Auf dieser Basis hat die Radioaktivitätsmessstelle ihre vielen tausend Messdaten zur Radioak­ti­vi­tät in Luft, im Regenwasser, im Boden und in Lebensmitteln ab Mai 1986 kontinuierlich veröf­fentlicht. Sie stieß dabei auf große öffentliche Resonanz, da die amtlichen Stellen ihre Messdaten gar nicht oder nur sehr zögerlich preisgaben und in der Regel mit derart be­schwich­tigen­den Bewertungen versahen, dass sie von vornherein unglaubwürdig erschienen. Mit Äuße­run­gen wie "Die Bundesregierung stellt fest, dass eine Gefahr für die Bundesrepu­blik Deutschland nicht besteht und auch nicht eintreten wird" (Norbert Schäfer, Sprecher der Bun­desregierung am 30.4.86) oder "Obwohl wir über keine genauen Informationen verfügen, ist die Lage bei uns unter Kontrolle" (Bundesinnenminister Zimmermann am 7.5.86) wurde jegli­che Glaub­würdigkeit gegenüber der Bevölkerung verspielt. Die Menschen waren bei dieser Art von Desinformationspolitik auf Informationen unabhängiger Messstellen angewie­sen und nah­men sie mit großem Interesse auf. Einige Zahlen:

  • mehr als 55.000 Personen nutzen den telefonischen Ansagedienst der Radioaktivitätsmess­stelle, über den aktuelle Daten und Bewertungen verbreitet wurden (die Bundespost hatte ihre Servicenummer 1166 zur Verfügung gestellt);
  • mehr als 4.500 Menschen nahmen die Möglichkeit der telefonischen Einzelberatung wahr;
  • in mehr als 200 öffentlichen Informationsveranstaltungen wurde auf die wichtig­sten Fragen und Sorgen der Bevölkerung eingegangen;
  • die regionale Presse veröffentlichte kontinuierlich die Daten und Empfehlungen der Mess­stelle.

Diese Serviceleistungen der Radioaktivitätsmessstelle gegenüber der Bevölkerung konnten nur erbracht werden, weil viele Mitglieder des Fachbereichs Physik in der damaligen Zeit be­reit waren, sich in der herrschenden Ausnahmesituation für die Aufklärung der Bevölkerung über die tatsächlich vorliegende Belastung zu engagieren. Darüber hinaus ermöglichten Spen­den von Firmen und Einzelpersonen in Höhe von etwa 100.000 DM die Bezahlung vor allem von Personal, um das Labor über viele Monate rund um die Uhr in Betrieb zu halten.

Die Öffentlichkeitsarbeit der Radioaktivitätsmessstelle hat gezeigt, dass es durchaus möglich ist, mit vertretbarem Aufwand an Zeit und Geduld auch Laien über die Folgen radioaktiver Bela­stung soweit aufzuklären, dass sie in die Lage versetzt werden, selber Risiken einschätzen zu können /5/. Genau das war das Ziel der Messstelle, das sie mit ihrer offenen und deshalb glaub­würdigen Informationspolitik erreicht hat. Gerade daran haben es Regierungen und Be­hörden fehlen lassen. Ihre mangelhafte Informationspolitik war es, die die Menschen in Unsi­cherheit und teilweise sogar Panik versetzt hat - sachliche Information hätte dies verhindern können. 

Dazu zwei Beispiele aus der Vielzahl durchgeführter Messungen. Eltern von Kleinkindern wa­ren damals besonders besorgt über die mögliche radioaktive Belastung von Muttermilch und Babynahrung (Trockenmilch und -brei, Fertignahrung). Die Untersuchung von über 250 Pro­ben in der Zeit von Mai 1986 bis Mai 1987 durch die Radioaktivitätsmessstelle hat jedoch erge­ben, dass die überwiegende Zahl der Proben nur eine sehr geringe Belastung aufwies (Abb. 1). Die sachliche Information der Bevölkerung über diese Ergebnisse verbunden mit der "Ent­warnung" hat in der Folge maßgeblich zur Beruhigung der Betroffenen beigetragen. - An die­ser Stelle soll daran erinnert werden, dass 1997 in der näheren Umgebung Tschernobyls bei lediglich 11 % der stillenden Mütter die Belastung der Muttermilch mit Cs‑137 unter 37 Bq/l liegt, bei allen anderen darüber /7/.

Babynahrung

Abb. 1: Cäsium-Belastung von Babynahrung in der Zeit von Mai 1986 bis Mai 1987

Zur sachlichen Aufklärung und damit zur Möglichkeit eigener Risikoabschätzung diente auch die Information über die vorliegende Bodenbelastung in der Region im Vergleich zur radioak­tiven Belastung durch die oberirdischen Kernwaffenversuche in den 50‑er und 60‑er Jahren. Viele Menschen konnten sich 1986 noch gut an die damalige Zeit erinnern, als in den Zeitun­gen regelmäßig Daten über Luft-, Regen- und Lebensmittelbelastungen erschienen. Ein ver­gleichender Blick auf die Bodenbelastung durch Tschernobyl (Abb. 2) machte deutlich, dass für die Region Oldenburg der Gesamteintrag an Cs-137 durch alle oberirdischen Atombom­benver­suche zusammen etwa die gleiche Größenordnung hatte, wie der einmalige Eintrag durch den Tschernobyl-Unfall. Das hieß, die Belastung war, wenn auch nicht akut bedrohlich, so doch ernst zu nehmen.

Als sich die Presse aus der regelmäßigen Veröffentlichung von Messdaten langsam zurück­zog, waren viele Menschen dennoch weiter an Informationen über aktuelle radioaktive Be­lastungen interessiert. So wurde die Möglichkeit eines Abonnements von Messlisten geschaf­fen. Bis zu 500 Einzelpersonen, Initiativen, Gemeinden, Ämter, Verbände, Vereine, Parteien, Ärzte usw. wollten regelmäßig Informationen der Messstelle zugesandt bekommen - ein wei­terer Beleg für ihre Verankerung in der Region. Die Einnahmen aus den Abonnementgebüh­ren (30 DM pro Vierteljahr) konnten für die Finanzierung von Personal genutzt werden, so dass dieser Service über mehrere Jahre aufrecht erhalten werden konnte.

Bomben-Caesium

Abb. 2: Bodenbelastung durch oberirdische Atombombenversuche und durch Tschernobyl (Region Oldenburg i.O.)

3  Der Konflikt mit amtlichen Stellen

Durch die offene, sachliche und verantwortungsbewusste Öffentlichkeitsarbeit der Radioakti­vitätsmessstelle gab es nicht nur einen guten Kontakt zur Presse, sondern auch zu Gesundheits­ämtern, Firmen, Verbänden, Ärzten usw. sowie zur Stadt Oldenburg insgesamt, die sich in einer Eingabe bei der niedersächsischen Landesregierung für den Ausbau der Messstelle ein­setzte. Dort war man jedoch auf den Fachbereich Physik nicht gut zu sprechen, dessen Infor­mationspolitik die Desinformationspolitik des Landes massiv störte. So kritisierte der damals zuständige Minister Hasselmann, die Messstelle habe "maßgeblich zur Verunsi­cherung der Be­völkerung insbesondere im Bereich Oldenburg beigetragen" und sein Nachfol­ger, Minister Remmers, ergänzte später: "Die Messergebnisse des Fachbereichs wurden nicht in Frage ge­stellt. Zu kritisieren sind aber seine Beratungs- und Informationstätigkeit, sowie seine Empfeh­lungen zum Verzehr- und Lebensverhalten. Sie widersprechen denen der Lan­des- und Bundes­regierung." - Tatsächlich wurden viele Empfehlungen der Messstelle später von der Landesre­gierung übernommen; einige Beispiele seien genannt: vorübergehend kein Austrieb von Milch­kühen auf die Weiden, kein Verzehr von Schafsmilch, Frischgemüse nicht verzehren, falls es dem radioaktiven Regen ausgesetzt war, Kinder vorübergehend nicht auf Grünflächen spielen lassen usw.

Eine Fortsetzung fand diese Kontroverse bei der Beantragung von ABM-Stellen für die Radio­aktivitätsmessstelle. Zur Begutachtung des Antrags wurden Stellungnahmen der Landes­regie­rung und der in Oldenburg ansässigen amtlichen Messstelle der Landwirtschaftlichen Untersu­chungs- und Forschungsanstalt (LUFA) eingeholt. Während das Land "keinen Bedarf für die Durchführung eines Messprogramms durch nichtamtliche Messstellen" sah, versteifte sich der Leiter der LUFA-Messstelle mit Hinweis auf das inzwischen erlas­sene Strahlen­schutzvorsor­gegesetz, das die Aufgaben amtlicher Messstellen regelt, gar auf die Aussage: "So gesehen ist das, was die machen, gegen das Gesetz" - und: "Es trifft nicht zu, dass jede Strahlung schädlich ist." Klar, dass das Arbeitsamt Oldenburg den Antrag vor diesem Hinter­grund ablehnte und zur Begründung außerdem ausführte: "das Projekt liegt nicht im öffentli­chen Interesse", einer be­kanntermaßen wichtigen Voraussetzung für die Förderung von AB-Maßnahmen.

4  Die Förderung der Radioaktivitätsmessstelle

Nach Ablösung der CDU-Regierung durch eine rot/grüne Koalition im Jahr 1990 wurde im Jahr 1992 ein Antrag auf Förderung der Radioaktivitätsmessstelle durch die niedersächsische Landesregierung genehmigt. Diese zunächst auf vier Jahre befristete Förderung gab der Ein­richtung einen Schub nach vorn. Erstmals konnten ein Physiker und eine chemisch-technische Assistentin ausschließlich für Aufgaben im Bereich der Messstelle eingestellt werden. Dar­über hinaus war es möglich, den Bereich Radioaktivität auszubauen (zweites HP‑Ge‑g-Spektrome­ter, PC´s, Analyse-Software) und vor allem um den Bereich Luftschadstoffe (Ozon, Stickoxide, Benzol, Staub) zu ergänzen.

Nach dem abermaligen Regierungswechsel 1994 von rot/grün zu einer SPD-Alleinregierung gelang es trotz massiver, parteiübergreifender Unterstützung durch alle im niedersächsischen Landtag vertretenen Parteien, durch den Landtagspräsidenten, durch die Stadt Oldenburg und viele andere nicht, die Finanzierung der Messstelle über das Jahr 1996 hinaus fortzusetzen. Das Messprogramm musste daher im Bereich Radioaktivität auf ein Minimum zurückgefah­ren wer­den. Im Bereich Luftschadstoffe können lediglich Ozonmessungen in den Sommermo­naten kontinuierlich fortgeführt werden; die Kosten hierfür trägt die Stadt Oldenburg.

5  Die Bedeutung unabhängiger Messstellen für Bürgerinitiativen

Seit ihrem Bestehen hat die Radioaktivitätsmessstelle in vielfältiger Hinsicht mit Bürgeriniti­ati­ven aus unterschiedlichen Regionen und Ländern zusammengearbeitet. Dabei hatten diese Ini­tiativen oftmals schlechte Erfahrungen mit amtlichen Messstellen gemacht. Entweder wur­den sie mit ihren Sorgen und Wünschen nach Messungen nicht ernst genommen, oder ihnen wur­den Messdaten vorenthalten oder sie trauten den offiziellen Verlautbarungen einfach nicht.

Aus all diesen Gründen entstand bei manchen Initiativen der Wunsch, eigene Messkapazitäten (vor allem g‑Spektrometer) aufzubauen. Hierzu war eine kompetente Beratung erforderlich, die die Radioaktivitätsmessstelle als universitäre Einrichtung geben konnte: bei Auswahl und Kauf der Geräte, ihrer Installation und Kalibrierung, der Schulung des Personals und beim laufenden Betrieb. Dabei stand im Vordergrund sicherzustellen, dass verlässliche Daten ge­mes­sen wurden. Zum anderen ging es jedoch auch darum, mit möglichst sparsamem Einsatz müh­sam eingeworbener Spendengelder möglichst viel zu erreichen. So wurde z.B. eine einfa­che Luftüberwachungsanlage für aerosolgebundene Aktivität auf der Basis eines gewöhnli­chen Haushaltsstaubsaugers und einer Gasuhr konzipiert. Deren Wirkungsgrad wurde mit Hilfe ei­ner vorhandenen professionellen Anlage kalibriert und sie erwies sich in dieser Hin­sicht als ähnlich effektiv. Ein weiteres Beispiel war die Herstellung von Kalibrierlösungen aus Cä­sium‑belasteten Grasproben und KCl, mit denen die Nachweiswahrscheinlichkeit der Gam­maspektrometer für Cs-137 und K-40 kalibriert werden konnte.

Neben dieser Unterstützung beim Aufbau eigener Messkapazitäten hat die Radioaktivitäts­messstelle auf Bitten von Bürgerinitiativen und Gemeinden, von Verbänden und Einzelperso­nen eine Vielzahl von Messungen bzw. Messkampagnen durchgeführt. Im folgenden seien ei­nige Beispiele genannt:

5.1  Bodenbelastung auf dem Gebiet der ehemaligen DDR

Nach der Öffnung der Grenze zur ehemaligen DDR hat die Radioaktivitätsmessstelle in Ko­ope­ration mit der dortigen Bürgerbewegung "Neues Forum" die Bodenbelastung mit Cä­sium ge­messen und in einer Karte zusammengestellt (Abb. 3, aus /6/). Insbesondere interes­sierte die Menschen die Frage, ob in der Umgebung der ehemaligen kerntechnischen Anlagen der DDR eine übermäßige Kontamination des Bodens vorlag. Deshalb wurden im Zuge der Messkampagne die Messpunkte in der Nähe von Greifswald und Rheinsberg besonders dicht gelegt. Es wurde dort jedoch keine gegenüber dem übrigen Gebiet erhöhte Umgebungsstrah­lung festge­stellt.

Caesium-DDR

Abb. 3:  Bodenkontamination des Gebietes der ehemaligen DDR mit Cs-134 und Cs-137 (Stand Mai 1986; aus /6/)

5.2  Cäsium-Tiefenprofile

Nach dem Tschernobyl-Unfall wurde insbesondere Kleingärtnern und Gemüsebauern die Empfehlung gegeben, die oberste Bodenschicht von einigen Zentimetern Dicke abzutragen, um im Sinne des obersten Strahlenschutzgrundsatzes die Strahlenbelastung des angebauten Gar­tengemüses so niedrig wie möglich zu halten. In diesem Zusammenhang ist von den Be­troffe­nen vielfach der Wunsch geäußert worden, das Tiefenprofil von Cäsium in typischen Böden Norddeutschlands zu vermessen. In Kooperation mit dem Fachbereich Biologie wurde darauf­hin im Jahr 1986 eine entsprechende Messkampagne gestartet und zu Vergleichs­zwecken 1996 wiederholt (Abb. 4). Die Messungen bestätigen insgesamt das vom Bodentyp abhängige, lang­same Wanderungs­verhalten von Cäsium im Boden; weitere Einzelheiten zur Interpretation der Daten sind /3, 4/ zu entnehmen.

Caesium-Tiefenrofil-Oldenburg

Abb. 4: Tiefenverteilung von Cs-137 in typischen Böden Norddeutschlands

Eine ähnliche Tiefenverteilung wurde auch in Bodenproben aus Weißrussland (Belarus) gefun­den. Abb. 5 zeigt Ergebnisse einer Untersuchung, die auf Bitten einer Initiative aus Leltschizy, einem kleinen Ort etwa 130 km westlich von Tschernobyl, durchgeführt wurde. Die absoluten Belastungsdaten von bis zu 156.000 Bq/m2 Cs‑137 machen allerdings nochmals den dramati­schen Unterschied zur Situation in Norddeutschland deutlich, wo die Belastung mit Cs‑137 bei etwa 1 bis 2 % dieses Wertes lag.

Caesium-Tiefenprofil-Ukraine

Abb. 5: Tiefenverteilung von Cs-137 im Jahr 1997 in drei Bodenproben aus Belarus mit unterschiedlicher Gesamtbelastung (82 kBq/m2 ‑ 156 kBq/m2)

5.3  Umgebungsüberwachung Kernkraftwerk Krümmel

Die Ursache der erhöhten Leukämierate in der Umgebung des Kernkraftwerks Krümmel ist nach wie vor ungeklärt. Ein Zusammenhang mit Emissionen des Kraftwerks kann nicht ausge­schlossen werden. Eine auf Bitten einer Bürgerinitiative durchgeführte Untersuchung von ca. 30 Bodenproben entlang der Elbe in der Umgebung des Kraftwerks ergab zwar einen mög­lichen Hinweis auf Ce‑141, aber keinen eindeutigen Befund. Eine kontinuierliche Immis­sions­überwachung in der Umgebung des Kraftwerks könnte u.U. mehr Klarheit über Emissio­nen der Anlage bringen. Hierzu versucht die Radioaktivitätsmessstelle einen Beitrag zu leisten. Zu­sammen mit einer Bürgerinitiative vor Ort wurden in  120°‑Geometrie um das Kraftwerk in 1.5 bis 2.5 km Entfernung drei Regensammler mit je ca. 0.7 m2 Sammelfläche aufgestellt. Das Re­genwasser wird Kanistern von 20 l Volumen gesammelt, vor Ort von Mitgliedern der Bür­gerinitiative durch Eindampfen auf ca. 1 l reduziert und dann zur Endaufbereitung und Ana­lyse an die Messstelle geschickt. - Die Messungen laufen kontinuierlich seit Anfang Mai 1997. Bis­lang wurde keine erhöhte künstliche Aktivität festgestellt.

5.4  Umgebungsüberwachung Oldenburg

Auch in Oldenburg, knapp 50 km südwestlich vom Kernkraftwerk Unterweser gelegen, findet eine regelmäßige Umgebungsüberwachung durch die Radioaktivitätsmessstelle statt. Neben der Niederschlagsüberwachung wird eine kontinuierliche Überwachung der aerosolgebunde­nen, langlebigen Luftaktivität durchgeführt. Aus Kostengründen wird hierfür jedoch nicht die vor­handene Schrittfilteranlage eingesetzt. Statt dessen wird Luft mit einer Durchsatzrate von ca. 3 m3/h durch ein Glasfiberfilter von ca. 13 cm Durchmesser gesaugt, das nach einer Bestau­bungszeit von 2 bis 3 Tagen gammaspektrometrisch untersucht wird. Im Falle einer erhöhten künstlichen Aktivität kann dann die Schrittfilteranlage umgehend in Betrieb ge­nommen werden und Daten über die Gesamt‑b‑ und Gesamt‑a‑Aktivität im 10 min‑Rhythmus liefern.

Informationen über weitere Messkampagnen der Radioaktivitätsmessstelle finden sich im In­ter­net unter https://uol.de/physik/forschung/ehemalige/uwa/rad/.

6  Die Notwendigkeit unabhängiger Messstellen vor dem Hintergrund des Strahlen­schutz­vorsorgegesetzes

Das am 19.12.1986 erlassene Strahlenschutzvorsorgegesetz /9/ hatte und hat vor allem ein Ziel: im Fall einer nuklearen Katastrophe soll es sicherstellen, dass Informationen über eine vorliegende radioaktive Belastung und ihre Bewertung nur aus einem Munde erfolgen, näm­lich dem der Bundesregierung. Dazu werden alle Messstellen des Bundes (§ 2) und der Länder (§ 3) verpflichtet, ihre Messdaten an den Bund weiterzuleiten. Dort werden sie vom Bundesmi­nister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit zentral bewertet (§ 5). Diese Bewertung wird sich jedoch nicht ausschließlich am größtmöglichen Schutz der Bevölkerung orientieren, son­dern auch daran, was der Bundesregierung "angemessen" erscheint, denn in § 1 des Geset­zes heißt es: "Zum Schutz der Bevölkerung ist die Strahlenexposition der Men­schen...unter Be­rücksichtigung aller Umstände durch angemessene Maßnahmen so gering wie möglich zu hal­ten". 

Die Erfahrungen mit dem Tschernobyl-Unfall lassen befürchten, dass die Informationspolitik amtlicher Stellen in einer Unfallsituation nach Verabschiedung dieses Gesetzes noch zurück­hal­tender sein wird. Amtliche Messstellen werden mit Hinweis auf die gesetzlichen Vor­schriften vermutlich weder Daten herausgeben, noch zu einer Einschätzung und Bewertung der Situa­tion vor Ort bereit sein. Um so wichtiger wird es daher für die Bevölkerung sein, sich an unab­hängige Messstellen in ihrer Nähe wenden zu können, von denen sachliche Informa­tionen über die Lage zu erhalten sind.

7  Literatur

  1. Bundesminister des Innern [Hrsg.]: "Umweltradioaktivität und Strahlenbelastung - Jahres­be­richt 1977", Bonn
  2. Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit [Hrsg.]: "Auswirkungen des Reaktorunfalls in Tschernobyl in der Bundesrepublik Deutschland - Empfehlungen der Strahlenschutzkommission", (Veröffentlichungen der Strahlenschutzkommission, Band 5), Gustav Fischer Verlag, Stuttgart u.a., 1986
  3. Giani, L.; Gebhardt, H.; Gusy, W.; Helmers, H.: "Verhalten einiger radioaktiver Nuklide (freigesetzt durch den Reaktorunfall in Tschernobyl) in typischen Böden Norddeutsch­lands", Z. Pflanzenern. Bodenk. 150 (1987) 103-107
  4. Giani, L.; Helmers, H.: "Migration of Cesium-137 in typical soils of North Germany ten years after the Chernobyl accident", Z. Pflanzenern. Bodenk. 160 (1997) 81-83
  5. Jaeckel, K.; Pade, J.: "Zur Bedeutung naturwissenschaftlichen Wissens im Alltag - Unter­suchung des Abonnentenkreises der Radioaktivitätsmessstelle der Carl von Ossietzky Uni­versität Oldenburg", Agis-Texte Band 8, Oldenburg, 1995
  6. Lengfelder, E.: "Strahlenwirkung - Strahlenrisiko - Daten, Bewertung und Folgerungen aus ärztlicher Sicht", Ecomed Verlagsgesellschaft mbH, Landsberg, 1990
  7. Nesterenko, W. B.: "Strahlenmonitoring der Bevölkerung und der Nahrungsmittel in der Tschernobyl-Zone von Belarus", Verlag Pravo i economica, Minsk, 1997
  8. Strahlenschutzverordnung, in: Eder, E. [Hrsg.]: "Vorschriftensammlung zum Vollzug des Strahlenschutzes - Stand 1.8.1990", R. König Verlags-GmbH, München, 1990
  9. Strahlenschutzvorsorgegesetz, in: Eder, E. [Hrsg.]: "Vorschriftensammlung zum Vollzug des Strahlenschutzes - Stand 1.8.1990", R. König Verlags-GmbH, München, 1990
(Stand: 21.08.2020)