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Rotifera

Rotifera (Rädertiere)

 

"Nicht weit von Clifton liegt ein kleiner Hügel, an seinem Fuße ein alter Fischteich. Die Abhänge sind mit Fichten und Buchen bedeckt, so dass der Teich von drei Seiten her geschützt ist; nur eine Lücke bleibt offen für die weichen Südwestwinde und die Nachmittagssonne.

Auf der Hügelkuppe entspringt ein klarer Quell, von dem ein dünner Wasserstrahl zwischen Weidengebüsch hinab fließt in das obere Ende des Teiches. Eine breite Steinmauer führt quer über das Tälchen, um das Wasser anzustauen, und in einer Ecke befindet sich eine Aussparung, durch die das überschüssige Wasser in einer kleinen Kaskade abfließt in den tieferen Wiesengrund.

Der stille Spiegel des Teiches ist bestickt mit den grünen Blättern der vielen Wasserpflanzen und wird beschattet von drei stattlichen Buchen, die am Ufer wurzeln. Doch bezaubernder als dies alles ist für das Auge des Naturforschers der alte Stein wall. Der Zahn der Zeit hat den Mörtel in der Höhe des Wasserspiegels zerfressen und tausend Risse und winzige Höhlungen geschaffen. In ihnen wuchern üppig die Algenfäden, und sie sind der Schlupfwinkel für unzählige lebende Wesen.

Nähern wir uns dem Teich auf dem Pfade des Wildhüters und treten leisen Schrittes an die Mauerecke, so können wir den Teich mit einem Blick überschauen, ohne das Getier auf ihm aufzuscheuchen. Drüben am anderen Ufer führt ein Wasserhuhn die kleine Brut unter den Weiden entlang; auf einem ins Wasser gestürzten Baumstamm sitzt eine Wasserratte und kratzt sich ihr rechtes Ohr, und das Aufklatschen einer Buchecker gerade vor uns verrät uns ein Eichhörnchen, das irgendwo in der dichten Baumkrone seine Mahlzeit hält.

Aber da! Die Ratte hat uns erspäht und taucht nach ihrer Uferhöhle, und nur ein leichtes Kräuseln des Wassers zeugt von ihrer stillen Flucht. Das Wasserhuhn ist in Deckung gegangen, und das Eichhörnchen wirft keine Schalen mehr herab. Es ist ein wahrhaft ,Stilles Wasser', ohne das geringste Lebenszeichen. Wenn wir aber - unter Bewahrung von Seh- und Empfindungsvermögen - zusammenschrumpften zu lebender Zwerggestalt und untertauchten in das Wasser, welch eine Wunderwelt würde sich uns da auftun! Wir würden eine Märchenwelt seltsamster Kreaturen erblicken, von Kreaturen, die mit Hilfe feinster Wimpern dahin schwimmen, die tief in ihren Nacken rubinrote Augen hervorleuchten lassen, fernrohrartige Füße in ihren Leib ziehen und sie wieder zur vollen Länge ausstrecken. Dort liegt eines von ihnen vor Anker, von feinen Fäden gehalten, die sie mit ihren Zehen spinnen; und dort sind wieder andere, blitzend in glashellen Panzern, die von scharfen Dornen starren und mit Buckeln und fließenden Kurven geschmückt sind. Dort ist eines befestigt auf einem grünen Stengel, es zieht einen nicht endenden Strom von kleinen Opfern in seinen aufgesperrten Schlund, um sie tief unten in seinem Leibe mit Hakenkiefern in Stücke zu zerreißen.

Nicht weit davon ist etwas, das einem glasigen Stiefmütterchen gleicht. Ein merkwürdiges Räderwerk läuft rund um seine vier ausgebreiteten Lappen. Eine Kette kleinster lebender und toter Dinge schlängelt sich zu einer Grube im Nacken der ,Blume'. Was mit ihnen geschieht, vermögen wir nicht mehr zu erkennen, denn das Blumenrädertier in seiner Röhre aus goldbraunen Kugeln wird gestört. Irgendein fremdes Geschöpf stößt es an, und wie der Blitz verschwindet die Blume in ihrer Röhre.

Wir sinken noch tiefer hinab, und wir erblicken nun auf dem Grunde eine langsam dahingleitende Gallertmasse, die formlose Arme ausstreckt wohin sie will, um eine Beute zu ergreifen und zu umfließen, um daran ein Mahl zu halten. Sie kriecht dahin ohne Füße, greift ohne Hände, isst ohne Mund und verdaut ohne Magen.

Zeit und Platz würden mir fehlen, sollte ich alle Wunder dieser Unterwasserwelt erzählen. Sie würden sich wie die Phantasien von  Kindermärchen anhören, und doch wären sie buchstäblich wahr. Wahr ist auch die Welt der Rädertiere, die ich hier beschreiben will ..."

Mit diesen Worten leiten Hudson und Gosse ihr 1886 erschienenes großes Rädertierwerk (The Rotifera "Wheel-Anirnalcules") ein, das alle bis dahin entdeckten Rädertiere aufs genaueste beschrieb und in farbigen Bildern vorführte. Wir fühlen, die Verfasser leben noch in der Gedankenwelt der großen Naturforscher des 19. Jahrhunderts, ihr Stil entspricht der damals angestrebten "sinnigen Naturbetrachtung". Inzwischen hat die Generation der "Naturalisten" dem heute herrschenden "Naturwissenschaftler" Platz gemacht, und an Stelle der "Naturbeschreibung" ist die "Biologie" getreten, um sich tieferen Fragen zuzuwenden. Aber die Begeisterung der Alten sollte uns auch heute noch ein Ansporn sein.

  • aus Wulfert (1969) Rädertiere.

 

Rädertiere heute

Rotiferen sind eine  ungemein artenreiche und vielgestaltige Gruppe aquatischer Mikrometazoa. Sie leben in marinen Habitaten, Süßgewässern und sogar in semiterrestrischen Lebensräumen wie feuchten Moospolstern und dem Porensystem des Bodens. Trotz ihrer erstaunlichen Formenvielfalt und ökologischen Bedeutung sind sie aufgrund ihrer Größe und damit verbundenen Schwierigkeiten in der Präparation und Darstellung bisher wenig untersucht worden. Mit der Entwicklung neuer mikroskopischer Technikenhat sich diese Situation entscheidend gewandelt.

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