Forschungsprogramm

Ziel des vorliegenden Promotionskollegs ist es, die Entwicklung, Bildung und Partizipation von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf und mehrfachen Risikobelastungen zu untersuchen. Förderschwerpunktübergreifend werden Fragestellungen adressiert, die sich auf Kinder und Jugendliche mit einem hohen Risiko für einen negativen schulischen und psychosozialen Entwicklungsverlauf bis hin zu Absentismus und Dropout aus der Schule beziehen. Die förderschwerpunktübergreifende Untersuchung der Entwicklung, Bildung und Partizipation von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf und mehrfachen Risikobelastungen gründet sich auf einer ökosystemisch ausgerichteten, an der ICF-Klassifikation der WHO orientierten Sonder- und Inklusionspädagogik. Die Wechselwirkungen der verschiedenen Entwicklungsbereiche, die zusätzlich von Wirkfaktoren in den Meso-, Exo- und Makrosystemen des Individuums beeinflusst werden, sollen durch entwicklungspsychopathologische Kaskadenmodelle erklärt werden und die Identifikation und Beschreibung von sonderpädagogischen Unterstützungsbedarfen ermöglichen, um Risiken für einen negativen schulischen und psychosozialen Entwicklungsverlauf bis hin zu Absentismus und Dropout aus der Schule entgegen zu wirken/abzumildern.

Mehrfache Risikobelastungen im inklusiven Bildungssystem: Soziale Ausgrenzung, Bullying und sonderpädagogisches Handeln im Kontext von Absentismus und Dropout

Hartmann, Hillenbrand und Börnert-Ringleb (Universität Hannover)

Nationale und internationale Studien zur sozialen Integration zeigen, dass Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischen Diagnosen in den Schwerpunkten Lernen und/oder der emotionalen & sozialen Entwicklung entweder bereits mit der Einschulung oder im Verlauf der Schulzeit zunehmend dem Risiko ausgesetzt sind, sozial ausgegrenzt zu werden, negative Werte in Bezug zu ihrem soziometrischen Status in ihrer Klassen zu erhalten oder Bullyingerfahrungen zu machen (Bosse, Henke & Spörer, 2018; Bilz et al., 2018; Flynt & Morton, 2007; Krull et al., 2014; Rose & Espelage, 2012; Sciberras, Ohan & Anderson, 2012; Wells et al., 2019).

Das Dissertationsprojekt erforscht die Prozesse sozialer Ausgrenzung und des Bullyings in inklusiven Schulklassen, die zu Absentismus und Dropout beitragen. Das Ziel besteht darin, die Zusammenhänge von sozialer Ausgrenzung und Bullying mit Absentismus und Dropout zu analysieren. Von besonderer Relevanz sind dabei u.a. die Fragestellungen, in welchem Ausmaß Schüler*innen mit Risikobelastung von Ausgrenzung im inklusiven Setting betroffen sind und welche Bedingungen zu Ausgrenzung und Bullying im inklusiven Setting dazu beitragen.

Das Studiendesign fokussiert einen quantitativen Ansatz, der mit qualitativen Methoden kombiniert werden kann.

Motive, Ursachen, Lebenslagen und Mehrfachbelastungen bei Absentismus von Schüler*innen mit sonderpädagogischem Förderbedarf

Feldhaus, M., Speck, K., Ricking, H., Licandro, U. und Schulze, G.

In der bisherigen Forschung konnten vielfältige Einflussfaktoren für den Schulabsentismus nachgewiesen werden. Die Befunde sind sehr vielfältig und weisen auf unterschiedliche Faktoren (wie Persönlichkeit, Gesundheit, familiale Lebenslagen, Peerbeziehungen, Migrationshintergrund) hin, die sich jedoch stark entlang unterschiedlicher Schulformen und regionaler Kontexte unterscheiden (Ricking & Dunkake, 2017; Hagen, Spilles & Hennemann, 2017; Speck & Olk 2012; Ricking, Schulze & Wittrock, 2009; Weiß, 2007). Zwar konnten aktuelle Studien zeigen, dass der Absentismus bei Schüler*innen mit Förderbedarfen in der sprachlichen, emotional-sozialen oder körperlich-motorischen Entwicklung und bei Hauptschülern im Vergleich zu anderen Schulformen deutlich höher ist, zu den Bedingungen und Ursachen liegen jedoch deutlich weniger Befunde für den deutschsprachigen Raum vor.

Das Dissertationsprojekt untersucht entsprechend die Verbreitung und die zugrundeliegenden Ursachen, die vermehrt zu einem Schulabsentismus unter Schülerinnen und Schülern mit Förderbedarfen führen. Hierbei werden ausgehend vom PPCT-Model (Bronfenbrenner/Morris 1990; Feldhaus 2015) und der Person-Umfeld-Analyse (Schulze 2002) die individuellen Lebenslagen und die umgebenden Kontextfaktoren sowie die sich daraus ergebenden Wechselwirkungen untersucht.

Das Erhebungsdesign fokussiert einen quantitativen Ansatz, der um qualitative Analysen ergänzt werden soll.

Schulische Partizipation und Kombinierte Risikobelastung körperlich-motorischer und emotional-sozialer Entwicklung (KokE)

Problemaufriss: Das geplante Projekt soll die Emotionalität und das Verhalten von Kindern und Jugendlichen mit körperlichen Behinderungen aus einer bio-psycho-sozialen Perspektive heraus untersuchen. Dabei werden psychische Risikobelastungen im Rahmen einer körperlichen Beeinträchtigung nicht linear als Kausalkette angenommen, sondern als Produkt weitgehend sozialer Interaktionsprozesse angesehen. Im Hinblick auf Schülerinnen und Schüler mit körperlich-motorischen Beeinträchtigungen können Bezugspersonen auf das ungewohnte Erscheinungsbild oder auf erwartungswidrige Verhaltensweisen mit Verunsicherung reagieren, was zu Problemen wie sozialer Isolation und zu weiteren Verhaltensauffälligkeiten führen kann (Leyendecker, 2004).

Ziel der Studie: Das Ziel des Forschungsprojekts besteht in der Erhebung der Prävalenz psychosozialer Risikobelastungen bei Schüler*innen mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf im Bereich der körperlich-motorischen Entwicklung sowie der Dimensionen ihrer schulischen Partizipation. Es soll eine differenzierte Erfassung und detaillierte Beschreibung der Population und deren schulischen Partizipation erfolgen, um auf dieser Grundlage Maßnahmen zur Prävention emotional-sozialer Risikobelastungen für Kinder und Jugendliche mit körperlich-motorischen Beeinträchtigungen empirisch fundiert ableiten zu können.

Zielgruppe: Schüler*innen mit einer körperlich-motorischen Beeinträchtigung  

Quantitatives Studiendesign: Nicht-experimentelle Querschnittstudie

Beteiligte Wissenschaftler*innen:

Annett Thiele, Blanka Hartmann, Clemens Hillenbrand

Kombinierte Beeinträchtigungen bei Kindern in der sprachlichen, emotional-sozialen und motorischen Entwicklung. Erfassung von Formen und Ausprägungen sowie Belastungen und Schutz- und Risikofaktoren bei Kindern und deren Sorgeberechtigten

Sprachlich-kommunikative, sozial-emotionale und (fein)motorische Kompetenzen sind von zentraler Bedeutung für Bildungsprozesse, eine möglichst erfolgreiche Lebensbewältigung sowie gesellschaftliche Teilhabe von Kindern (Rausch, 2013; Hurrelmann, 2016). Kombiniert auftretende Entwicklungsbeeinträchtigungen in diesen Bereichen stehen in einem reziproken Abhängigkeitsverhältnis, aber wurden bisher kaum beforscht. Das Promotionsprojekt soll vor dem Hintergrund des ökosystemischen Entwicklungsmodells von Bronfenbrenner (1990) und dem weiterführenden Modell der produktiven Realitätsverarbeitung von Hurrelmann und Bauer (2018) drei Ziele verfolgen:

Die Erfassung der Formen und Ausprägungen, Belastungen sowie Schutz- und Risikofaktoren von kombinierten Beeinträchtigungen in der sprachlichen, emotional-sozialen und körperlich-motorischen Entwicklung bei betroffenen Kindern im Primarbereich sowie ihren jeweiligen Sorgeberechtigten.

  • Die Erweiterung der bestehenden Kenntnisse über kombinierte Beeinträchtigungen in der sprachlichen, emotional-sozialen und motorischen Entwicklung bei Kindern im Primarbereich, die sich durch eine hohe sprachlich-kulturelle Heterogenität auszeichnen.
  • Die forschungsbasierte Ableitung von Empfehlungen für die Diagnostik und Förderung bei Kindern sowie die Unterstützung der Sorgeberechtigten.

Die forschungsmethodische Anlage ist quantitativ; eine Ergänzung um qualitative Zugänge ist möglich.

Beteiligte Wissenschaftler*innen:

Ulla Licandro, Karsten Speck, Annett Thiele, Anna-Maria Hintz

Interaktions- und Kommunikationsprozesse von Schüler*innen mit Autismus Spektrum Störung im inklusiven Schulsystem unter Berücksichtigung von Absentismus und Drop-Out

Wenngleich Schulverweigerung, Schulabsentismus und Drop-Out-Prozesse als schwerwiegende Probleme im Zusammenhang mit ASS diskutiert werden, sind sie bisher selten systematisch untersucht worden (Kurita, 1991; Munkhaugen, Gjevik, Pripp, Sponheim & Diseth, 2017).

Daher soll im Rahmen eines ersten Promotionsvorhabens eine deutschlandweite Online-Befragung von Schülerinnen und Schülern mit ASS (in Anlehnung an die DSM5®) durchgeführt werden, um die Reichweite des Phänomens Schulabsentismus zu identifizieren. Dazu sollen Schülerinnen und Schüler mit ASS ab der vierten Klasse mittels eines Fragebogens befragt werden, der die Häufigkeit, die Dauer und Gründe für Schulverweigerung, Absentismus und Drop-Out erfasst. Zur Entwicklung des Fragebogens sind zunächst qualitative Experteninterviews von Lehrkräften und Therapeuten geplant, in denen kindbezogene Faktoren, schulische Situationen sowie Interaktions- und Kommunikationsprozesse identifiziert werden sollen, die Schulverweigerung, Absentismus und Drop-Out begünstigen. Anschließend erfolgt die Fragebogenentwicklung und im Rahmen einer Pilotstudie eine erste Validierung des Instruments.

Die forschungsmethodische Anlage des ersten Vorhabens ist überwiegend quantitativ, wird aber um qualitative Zugänge ergänzt.

Beteiligte Wissenschaftler*innen:

Teresa Sansour, Tanja Jungmann, Andrea Erdélyi, Ute Koglin

Kooperation der Lehr- und Fachkräfte und Eltern bei der Reduzierung des Absentismus von Schüler*innen mit sonderpädagogischem Förderbedarf

Karsten Speck, Heiner Ricking, Ulla Licandro, Gisela Schulze, Michael Feldhaus

Die multiprofessionelle Kooperation unterschiedlicher Berufskulturen und die Zusammenarbeit mit den Eltern hat im Zuge der Ganztagsbildung und der inklusiven Bildung an Bedeutung gewonnen (Hopmann & Lütje-Klose 2018; Speck 202; Hopmann et al. 2017; Kielblock Gaiser & Stecher 2017; Lütje-Klose 2014; Lütje-Klose & Urban 2014; Arndt & Gieschen 2013; Olk et al. 2011). Eine differenzierte Analyse des komplexen Kooperationsgefüges bei Schülerinnen und Schülern mit Förderbedarf steht jedoch noch aus. Dies gilt nicht zuletzt für schulabsente Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf.

Im Fokus des Dissertationsvorhaben steht daher Analyse a) der multiprofessionellen Kooperation von Lehr- und Fachkräften sowie b) der Kooperation der Lehr- und Fachkräfte mit den Eltern bei schulabsenten Schülerinnen und Schü­lern mit Förderbedarf in den Förderschwerpunkten emotional-soziale Entwicklung, Sprache und Lernen. Das qualitative ausgerichtete Dissertationsvorhaben zielt auf die Durchführung qualitativer Fallstudien und die Analyse fallbezogener Triaden ab (1. Schülerinnen und Schüler, 2. Eltern, 3. Lehr- und Fachkräfte). Analyseleitend sind kooperations- und professionstheoretische Ansätze. Die Erhebung und Auswertung der Fallstudien erfolgen mittels der Person-Umfeld-Analyse in Verbindung mit problemzentrierten Interviews (Witzel, 1982) und der Grounded Theory (Strauss & Corbin 1996) sowie Verfahren der Netzwerkanalyse (Hollstein & Straus 2006). Das Dissertationsvorhaben soll Erkenntnisse und Empfehlungen zur multiprofessionellen Kooperation und zur Kooperation der Lehr- und Fachkräfte mit den Eltern liefern.

In dem Dissertationsvorhaben ist eine enge Kooperation mit dem Teilprojekt A vorgesehen. Zusammen mit den Teilprojekten B, D und G ist darüber hinaus eine gemeinsame, standardisierte Befragung bei Schülerinnen und Schülern geplant.

Veränderte Organisationsstruktur und -kultur durch Inklusion?
Gelingensbedingungen und Hemmnisse bei der nachhaltigen Implementierung und
Durchführung der Inklusion in Schulen

Die Inklusion wurde im Schulbereich wurde oftmals unter enormen Zeitdruck, mit wenig Fortbildungsangeboten und unter ungünstigen Rahmenbedingungen (z.B. fehlende Doppelbesetzung, zu wenig Förderstunden pro Kind, mangelnde Inklusion von Schüler*innen aus den Förderschulen in die Regelschulen, verzögerte Integration des Themas in die Lehrerbildung) implementiert und traf zum Teil auf Vorbehalte und Ängste in den Regelschulen. Bisher relativ wenig beforscht sind die Folgen der inklusionsbezogenen Aktivitäten für die langfristige Veränderung der Organisationsstruktur und Organisationskultur der Schulen (vgl. Foltin et al. 2018). In dem geplanten Promotionsprojekt soll der Prozess der Implementierung und Umsetzung der Inklusion im Kontext ausgewählter Einzelfallschulen rekonstruiert und analysiert werden. Das leitende Erkenntnisinteresse besteht darin, sowohl die Gelingensbedingungen als auch potenzielle Hemmnisfaktoren bei der Implementierung und Umsetzung der Inklusion und vor allem deren Auswirkungen auf die nachhaltige Veränderung der formalen und informellen Organisationsstrukturen und -kultur in der Schule zu untersuchen. Mögliche Forschungsfragen lauten:

  • Wie kann es gelingen, die vom Routinebetrieb der Schule teilweise abgekoppelte Implementierung der Inklusion in langfristige Struktur- und Kulturveränderungen zu überführen?
  • Welche Faktoren begünstigen oder hemmen eine nachhaltige Implementierung der Inklusion im „Normalbetrieb“ der Schule?
  • Inwieweit verändert die Inklusion die personellen, programmatischen und kommunikationsbezogenen Rahmenbedingungen den Regelbetrieb der Schulen?
  • Inwieweit greifen formale Veränderungen der Inklusion mit informellen Praktiken der Schule (Organisationskultur) ineinander?
  • Welche Inszenierungen für die Schauseite der Organisation lassen sich beobachten und wie lassen sich diese produktiv für einen Kulturwandel nutzen?

Die theoretische Grundlage bilden die Theorie der temporären Organisation von Lundin und Söderholm (1995) und der Ansatz der Entscheidungsprämissen von Niklas Luhmann (2011).

Das Forschungsprojekt soll im Rahmen einer vergleichenden, qualitativen Fallstudie in einer Regelschule und einem Regionalen Bildungs- und Beratungszentrum (ReBBZ) in Hamburg durchgeführt werden.

Beteiligte Wissenschaftler*innen:

Heinke Röbken & Karsten Speck

Diagnostik sozial-emotionaler Kompetenzen bei Schüler*innen der 7. bis 10. Klassenstufe

Ute Koglin, Dietmar Grube & Ulrike Krause

Dass Projekt hat das Ziel, ein Instrument zur Erfassung sozial-emotionaler Kompetenzen für Schüler*innen der 7. bis 10. Klassenstufe im inklusiven Schulsystem zu konstruieren und psychometrisch zu überprüfen. Sozial-emotionale Kompetenzen stellen für Schüler*innen eine zentrale Ressource zur erfolgreichen Bewältigung entwicklungsphasenspezifischer Herausforderungen dar. Sie unterstützen planvolles selbstreguliertes und zielorientiertes Verhalten und fördern die Persönlichkeits- und Autonomieentwicklung sowie die Aufrechterhaltung von positiven Beziehungen zu den Eltern und zur Peergroup. Sie ermöglichen im Unterricht die Regulation von Emotionen und Beziehungen und bilden damit eine Basis für erfolgreiches Lernen. Zudem stellen sie wichtige Prädiktoren für einen erfolgreichen Übergang in den allgemeinen Arbeitsmarkt sowie den beruflichen Erfolg dar. Um eine individuelle Förderung im inklusiven Bildungssystem zu ermöglichen, ist eine differenzierte Diagnostik eine notwendige Voraussetzung. Aktuell liegen im deutschen Sprachraum keine Instrumente zur differenzierten Erfassung sozial-emotionaler Kompetenzen im Jugendalter für die Schule vor. Vorhandene Instrumente erfassen meist einzelne Facetten und beziehen sich in der Regel nicht auf den Schulkontext. Im geplanten Projekt soll daher ein schulbezogener Fragebogen entwickelt werden, der mehrere Facetten in den Blick nimmt und der als Basis für förderdiagnostisches Handeln im inklusiven Schulsystem dienen kann.

(Stand: 09.06.2021)