Navigation

Jennifer Tadge

Gefördert von der Volkswagenstiftung, 2018-2021

Jennifer Tadge

Das Dissertationsprojekt ist Teil des Forschungsvorhabens „Provenienzforschung an außereuropäischen Sammlungen und der Ethnologie in Niedersachsen“ (PAESE ), welches von der VolkswagenStiftung finanziert wird (Laufzeit 2018-2021). Das Projekt ist am Landesmuseum Natur und Mensch Oldenburg angesiedelt.  
 Wie die Mehrzahl der musealen Sammlungen in Deutschland und Europa, haben auch Teile der Bestände des 1836 gegründeten Landesmuseum Natur und Mensch Oldenburg ihre Ursprünge in der Kolonialzeit (v.a. in der deutschen Kolonialzeit 1884-1918/19). Es ist die moralisch-ethische und (kultur)politische Verpflichtung der Museen, diese Bestände und ihre Herkunft zu erforschen und die Herkunftsgesellschaften der Objekte dabei zu involvieren.  

Das PAESE-Projekt am Landesmuseum Natur und Mensch Oldenburg untersucht die Herkunft – die Provenienz – und die Erwerbsumstände der ethnologischen Objekte aus kolonialen Kontexten. Der Fokus liegt dabei auf Objekten aus ehemaligen deutschen Kolonialgebieten, da sie den Hauptteil der kolonialen Kontexte bilden, aus denen die Objekte im Landesmuseum stammen. Daraus ergibt sich ein regionaler Schwerpunkt auf den heutigen Ländern Tansania, Kamerun und Papua-Neuguinea. 

Ein Fokus des Oldenburger Teilprojektes liegt auf der Sammlung der Langheld-Brüder (Wilhelm, Johannes und Friedrich, angelegt in einem Zeitraum von 1889 und 1901). Das Landesmuseum Natur und Mensch Oldenburg verfügt über mehr als 1000 Objekte dieser Sammlung  (v.a. Alltags- und Gebrauchsgegenstände, sowie Waffen). Bei dem Oldenburger Teil der Sammlung handelt es sich primär um Objekte aus dem Gebiet des heutigen Tansania. Gegenstände der Sammlung sind Keramiken, Korbwaren, Waffen, Schmuck, Kleidung, Pfeifen, figürliche Darstellungen und Gefäße aus verschiedenen Materialien. Anhand der Sammlung der Brüder Langheld lässt sich das Spektrum an Erwerbs- und Sammlungsumständen in kolonialen Kontexten (Geschenk, Raub, Kauf) untersuchen und aufzeigen. Die Auseinandersetzung mit den Biografien der Sammler und die Analyse der konkreten Sammlungskontexte und -umstände soll eine erste Annäherung an Wahrnehmungen, Denkmuster und Einstellungen der Sammler geben, die exemplarisch Rückschlüsse auf die Motivation und die Haltung von Sammlern zu den Objekten und Menschen in ihren Herkunftskontexten erlauben. Damit verbunden ist die Frage, inwieweit sich daraus Unrechtskontexte rekonstruieren lassen. 

Durch den Fokus auf die Sammlung der Langheld-Brüder soll dabei auch analysiert werden, inwiefern die militärischen Strukturen, in denen die Langheld-Brüder in Kolonien eingebunden waren, sich spezifisch auf ihre Sammeltätigkeiten auswirkten. Dabei sind beispielsweise folgende Aspekte zu berücksichtigen: Nutzung der asymmetrischen Machtverhältnisse gegenüber der lokalen Bevölkerung, Möglichkeit der Durchführung/Mitwirkung/Anordnung von militärischen Aktionen, Unterscheidung zwischen Befehlsumsetzungen und dem Nutzen eines eigenen Entscheidungsrahmens vor Ort, Nutzung von militärischer (und kolonialer) Infrastruktur (z.B. zum Transport von Objekten zu Land und zu Wasser), Zusammenarbeit mit kolonialen Ämtern, Auswirkungen der Kolonialpolitik, Wechselwirkungen zwischen den lokalen Bevölkerungen und den Langhelds in ihrer Funktion als Militärangehörige, finanzielle Mittel, die aus ihrer Anstellung resultieren, etc.  

Die Arbeit möchte daher sowohl die Rekonstruktion der Sammlungs- und Erwerbskontexte anhand der – vornehmlich deutschen – Archivquellen versuchen, die Einordnung und Kontextualisierung jedoch nicht ohne Einbindung von Vertreterinnen und Vertretern der Herkunftsgesellschaften durchführen. Über das PAESE-Promotionsprojekt werden Kontakte zu Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Tansania, Kamerun, Namibia und Papua-Neuguinea geknüpft, welche die Basis für den weiteren Austausch und die zukünftige Zusammenarbeit bieten.  

Die Auswertung der Langheld-Quellen wird auch dazu beitragen, lokale Akteure zu identifizieren. Hier können Möglichkeiten entstehen, die Geschichte dieser Akteure vor Ort zu erforschen, Kooperationen anzustreben und aufzuzeigen, dass die Geschichte von kolonisierenden und kolonisierten Akteuren nicht zu trennen ist. Wie die Arbeit mit den musealen Sachzeugen und den sammlerbiographischen Quellen dabei vermeiden kann, koloniale Machtverhältnisse zu reproduzieren und die Deutungshoheit nicht allein zu beanspruchen, ist auch eine Frage des Projekts, ebenso wie die der shared/joint custody der Objekte. 

Die Untersuchung soll die Basis bieten für zukünftige Prozesse der Restitution, Kooperation, 

Transparenz und für die zukünftige Gestaltung der Arbeit mit und an der ethnologischen Sammlung des Landesmuseum Natur und Mensch Oldenburg. Die genaue Form der Zusammenarbeit und des Austauschs wird dabei – gemeinsam mit VertreterInnen der Herkunftsgesellschaften – im Prozess definiert.  
Grundlage der Arbeit bleibt nichtsdestotrotz die Langheld-Sammlung, allein schon aufgrund der Quellenlage (bezogen auf Materialfülle, Sprache, Zugänglichkeit) und die Chance, durch die Auswertung zu einem grundlegenden Verständnis der Handlungsweisen von Militärangehörigen in den Kolonien zu gelangen. 

Webmasternn (sa.3gneumau7nn@uoe3l.dexhw8) (Stand: 24.06.2020)