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Forschung

Schwerpunkte in Forschung und Lehre

  • Systematisch: Geschichte der Philosophie, Sozialphilosophie, Politische Philosophie, Philosophische und Historische Anthropologie, Deutscher Idealismus
  • Historisch: Hegel, Nietzsche, Benjamin, Arendt, Blumenberg
  • Interdisziplinär: Theorien der Gewalt, Ideengeschichte, Subjektivierungsforschung, Sportphilosophie

 

Aktuelle Forschung (Habilitationsvorhaben)

Distanznahme. Von einer notwendigen Bedingung kritischer Vernunft

Kant hat Aufklärung als ‚Ausgang des Menschen aus selbstverschuldeter Unmündigkeit’ bezeichnet. Der frühe Foucault stellte umgekehrt die Schattenseiten dieses Aufklärungsprozesses als Bedingungen seiner Möglichkeit dar. Das Licht der Aufklärung wie der Schatten, den es wirft und ohne den es nicht zu haben ist, lassen sich als Ergebnis einer besonderen Entwicklung begreifen, die als ‚kopernikanische Wende’ der Emanzipation des Denkens im abendländischen Kontext beschrieben werden kann. Mit der Loslösung bzw. der Befreiung aus dem Eingebundensein in religiöse, kosmologische wie alltagsmythologische Ordnungskonzepte wird die Vernunft – zumindest dem Programm  nach – zum Werkzeug wie zur allbestimmenden Urteilsinstanz der Erfahrungswirklichkeit zugleich: zum Alleinentscheider in Sachen Emanzipation. Man kann diese Emanzipation als Krisenphänomen deuten: als Reaktion auf Verlusterfahrungen, die Akte der Selbsterhaltung (Henrich) und / oder der Selbstbehauptung (Blumenberg) hervorrufen. All diesen Diagnosen (Krisenphänomen, Selbsterhaltung, Selbstbehauptung wie anderen diagnostizierenden Krisenmarkern) liegt als unausgesprochene Bedingung ihrer Wirklichkeit der Abstand eines Beobachten(wollen)s zugrunde, das sich aus dem Beobachteten herausgelöst hat. In dieser Abstandnahme gewinnt das reflektierende Subjekt Distanz zu seinen Gegenständen, wie auch zu sich selbst. Dies lässt sich insbesondere anhand von Hegels Phänomenologie des Geistes deutlich machen. Was aber bedeutet es, daß sich in der Konstitution von Subjektivität in bewußtseinsstruktureller Hinsicht maßgeblich Distanznahmen zeigen?

Die Bedeutung, die der Distanz für das zukommt, was modern Subjektivität genannt wird, soll in diesem Projekt nachgezeichnet werden. Zugrunde liegt dabei die schon erwähnte These, daß zunehmende Distanznahme eine implizite Bedingung wissenschaftlicher und, darin impliziert, kritischer Subjektivität ist. Das setzt mit einem Paradigmenwechsel ein, der selbst als Verlust- und Distanzerfahrung beschrieben werden kann. Galten (mit der Ausnahme Augustinus) bis ins 12./13. Jahrhundert jene antiken Ordnungsvorgaben, die Erkenntnisgewinn durch theoria und mimesis im Eingebundensein in geschlossenen kosmologischen Zusammenhängen versprachen und entsprechend verorteten, so mussten nach den Krisen des 14. Jahrhunderts neue Wege der Erkenntnissicherung gewonnen werden. Das ‚Selbst‘ fand sich auf sich selbst zurückgeworfen: auf Selbsterhaltung und Selbstbehauptung wie die Notwendigkeit, Wissen durch Selbstverhältnisse und in Selbstverständnissen zu erlangen wie zu begründen. Das setzt Abstandnahme – Distanz – nicht nur voraus, sondern ist ihr Ausdruck. Zudem sind die Entdeckung der Möglichkeit von Fernwirkungen (actio per distans) die Entdeckung fremder Kontinente und nicht zuletzt die Erfindung des Buchdrucks Innovationen, die es dem naturwissenschaftlich inspirierten Denken ermöglichen, Prozesse beobachten und Wirkung entfalten zu können, ohne unmittelbar zugegen oder involviert zu sein.

Geht man von dieser Beobachtung aus, lassen sich Entwicklungslinien erschließen, die von der Freisetzung eigenständiger und theologisch unabhängiger Vernunft in Mittelalter und Neuzeit hin zu den Diskussionen über den Status und die Freiheit des „Ichs“ als selbstbestimmter Subjektivität im Deutschen Idealismus und über die folgenden Betonungen von Entfremdungserfahrungen im 19. Jahrhundert schließlich – mit Nietzsches Forderung eines „Pathos der Distanz“ als Herold – zu der Vorstellung diagnostischer Distanzierung von den als „krankend“ diffamierten Gesellschaften des 20. Jahrhunderts reichen, in denen das Selbst sich verschwinden macht. Im 21. Jahrhundert dann, wird Distanz endgültig zu einem grundlegenden Begriff, der nicht nur in den entstehenden Sozialwissenschaften eine tragende Rolle spielt (so z.B. bei Simmel), sondern der ausgehend von Alsberg zur Grundlage der Bestimmung des Menschen in den Theorien der Philosophischen Anthropologie (Scheler, Plessner, Gehlen) erklärt wird. Wie Gesellschaften von hier aus verstanden und bewertet werden, in welche Formen der Distanznahme sich jeweilige Beobachter oder mit Arendt Zuschauer zu ihrer Gegenwart setzen, ist die grundlegende Bedingung dafür, welche Formen der Kritik sie hervorbringen und/oder problematisieren.

Damit hat die philosophische Kritik bewußtseinsgeschichtliche wie bewußtseinsstrukturelle Voraussetzungen, die das Projekt präsent zu machen sucht. Zeichnet die Semantik diagnostischer Kritik die Dialektik von Distanz, die Überblick erlaubt, und Nähe, derer die analytische Kenntnis bedarf, aus, so bedarf genau diese Semantik oder ‚Natur‘ des Diagnostischen ihrer Erschließung. Das Projekt soll sie mit Hilfe des begrifflichen Indikators ‚Distanznahme‘ leisten.

Weblefmomaster (annrwqhja.2tplzxader5hs59@uol.dey64sz) (Stand: 21.08.2020)