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Dar i žertva

Internationale Tagung „Gabe und Opfer (Dar i žertva) in der russischen Literatur (und Kultur) der Moderne“, Oldenburg, Dezember 2004

Die von Herrn Prof. Dr. Rainer Grübel und Frau Dr. Gun-Britt Kohler organisierte und durch die DFG geförderte literaturwissenschaftliche Tagung zielte darauf ab, eine der kaum noch in Zweifel gezogenen Grundvorstellungen ge­genwärtiger Kulturentwürfe, die kalkulierte, realisierte und kontrollierte Symmetrie aller Handlungen der am Kulturgeschehen Beteiligten mit einem eher verdrängten alter­nativen Entwurf asymmetrischen Selbstverständnisses der Förderer und Hersteller, Vermittler und Erhalter von Kultur, insbesondere aber von Literatur, zu konfrontieren. Das Kunstwerk als vor allem oder gar ausschließlich dem Markt unterworfene Ware ist so tief in das mittel- und westeuropäische Allgemeinverständnis eingedrungen, dass Konzepte, Verhaltensformen und Hervorbringungen, die einen anderen Entwurf implizieren oder auch explizieren, dem Verdikt des Archaischen, Anormalen, wenn nicht Abnormalen verfallen. Die Vorstellung einer kulturellen Tat als Geschenk, das keine Gegengabe fordert, scheint im öffentlichen Bewusstsein weitgehend auf das Mäzenentum in Gestalt der viel geforderten Stiftung durch Kapitalgabe respektive Besitzübertragung reduziert zu sein, obgleich Mäzene – gemäß dem Symmetriemo­dell – immer mehr auf Gegengaben spekulieren.

Da in der christlichen Tradition Gabe und Opfer oft religiöse Motivationen haben, ist gerade auch nach dem säkularisierten Charakter solchen Gabe- und Opferver­ständnisses zu fragen.

In der russischen Literatur lassen drei Gesichtspunkte eine Untersuchung von Gabe-Opfer-Modellen besonders aussichtsreich erscheinen: 1. Die Vorstellung von der Pro­duktion kultureller Objekte gegen Bezahlung hat sich wegen eines von der Ikone ge­prägten religiösen Bild- und Kunstverständnisses, das dem Maler das Selbstverständnis namenlosen Dienstes nahe legt, erst sehr spät in den russischen Kulturen eingenistet; 2. Der Adel als Kultur produzierende Schicht hat sich im 18. und 19. Jahrhundert ge­gen ein Selbstverständnis gewehrt, das Schriftstellern, Malen oder Komponieren als bezahlten Akt entwarf; 3. Im 20. Jahrhundert hat das den Markt auch im öffentlichen Bewusstsein weitgehend außer Kraft setzende totalitäre Wirtschaftssystem des realen Sozialismus den Vormarsch und die Dominanz des Gedankens vom Tausch als obers­tem Regulativ des Geschehens in der Kultur abgewehrt oder doch zumindest gemil­dert.

Der begleitende Tagungsband Gabe und Opfer in der russischen Literatur und Kultur der Moderne ist als Band 13 der Reihe Studia Slavica Oldenburgensia erschienen.

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