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Abstracts

Robin Bauer: Donna Haraways Konzept des Situierten Wissen: Wissensproduktion als verkörpert und verortet

Auf der Suche nach einem alternativen Verständnis wissenschaftlicher Objektivität hat die feministische Naturwissenschaftskritikerin Donna Haraway bereits in den 1980ern ein äußerst produktives erkenntnistheoretisches Konzept erarbeitet, das ethische und politische Aspekte der Wissensproduktion stark macht, ohne sie darauf zu reduzieren. Haraway bezeichnet die positivistische Ideologie des Forschers als neutral als „Gottestrick“ (alles von oben/nirgendwo sehen können) und als Illusion, da wir alle schon immer mittendrin sind und nur als verkörperte Wesen, verortet in komplexen Machtverhältnissen, Wissen produzieren können. Daher sind alle Wissen notwendig partiell und verortet, unabhängig von „eigener Betroffenheit“ oder vermeintlicher „Neutralität“. Von zentraler Bedeutung in ethischer Hinsicht ist daher, die eigene Verortung zu reflektieren, transparent zu machen und Verantwortung für die Wissen, die man generiert, zu übernehmen.

Aufgrund der Betonung, dass jegliches Wissen verkörpert, partiell, parteiisch, verortet und politisch ist, eignet sich meines Erachtens nach Haraways Ansatz auch als Einstieg in eine kritische Diskussion innerhalb der Inter* und Trans* Forschung über die Frage, wer was für ein Wissen wie mit welchen Konsequenzen produziert. Vor allem ermöglicht Haraways Perspektive gleichzeitig die Entlarvung vermeintlich neutraler Forschung als situiert und parteilich, sowie die Verabschiedung von der naiven Vorstellung, selbst Betroffene wären automatisch die besseren Forschenden, ohne dabei so zu tun, als sei es nicht von Bedeutung, wer von welcher Positionierung aus forscht. Offen bleibt bei Haraway jedoch, wie Forschende, die sich ein Outing (welcher Art auch immer) nicht leisten wollen oder können, die eigene Verortung dennoch kritisch in ihre Arbeit einfließen lassen können. 

Uta Schirmer: Positionierungen zwischen wissenschaftlicher Distanz und Nähe/Betroffenheit: Zum Umgang mit spezifischem Verwickeltsein

In das eigene Forschungsthema politisch und persönlich involviert zu sein, wird immer wieder zum Anlass genommen, derartige Forschung als „unwissenschaftlich“ zu delegitimieren (so auch in den jüngsten antifeministischen Angriffen auf die Geschlechterforschung). Nicht nur in der Geschlechterforschung wurde demgegenüber ein Wissenschaftsverständnis entwickelt, das jede Möglichkeit interesseloser, ‚neutraler‘ Forschung grundsätzlich bestreitet. Geltungsansprüche  stattdessen auf Identität zu gründen (d.h. der Anspruch, etwa ‚als Frau‘, ‚als Trans*person‘…  über einen privilegierten Zugang zu ‚besserer‘ Erkenntnis zu verfügen), wird hier allerdings ebenfalls mit guten Gründen problematisiert.

Auch wenn die Debatten zu diesem Spannungsfeld alles andere als neu sind, scheint es mir sinnvoll, sie bezüglich des „Verhältnisses der zu Trans* oder Inter* arbeitenden Personen zu ihrem Gegenstand“ nochmals aufzugreifen. Dies will ich im Vortrag nicht allgemein-abstrakt, sondern ausgehend von eigenen Erfahrungen im Kontext soziologischer zweigeschlechtlichkeitskritischer Forschung tun (v.a. zu trans*-queeren Geschlechterpraxen im Kontext von Drag Kinging, aber auch im Rahmen einer Abschlussarbeit zu „Cross-Dressing Women“ in der Frühen Neuzeit). Ich möchte zunächst Beziehungen zu "Forschungsgegenständen" beschreiben, die weder als Identität/Identifikation noch als fundamentale Differenz oder Distanz zu fassen sind, und danach fragen, welche Erkenntnismöglichkeiten, welche Ausblendungen und welche Bewegungen mit einem solchen spezifischen Verwickeltsein mit dem Forschungsthema verbunden sein können. In einem zweiten Schritt möchte ich darüber nachdenken, was es im Kontext von Anerkennungsstrukturen im wissenschaftlichen Feld bedeuten kann, durch dieses Verwickeltsein in besonderer Weise sichtbar und/oder markiert zu werden. Mit derartigen vorläufigen Überlegungen hoffe ich, zu einer Diskussion möglicher Bedeutungen von Positioniertheiten und Verortungen anzuregen, in der unterschiedliche Erfahrungen und Haltungen zur Sprache kommen können.

Josch Hoenes: Teilnehmende Lektüre: Überlegungen zur Objektivierung des Forschersubjekts und einer Kritik wissenschaftlicher Vernunft

»Stepping in front of the class we become laboratory rats, frogs in the dissection tray, interactive multimedia learning experiences«. Mit diesen Worten beschreibt Jamison Green Situationen, in denen Trans*aktivisten Aufklärungsarbeit an Universitäten und Schulen machen. Die metaphorische Verwendung von Frosch und Laborratte verdeutlicht herrschende epistemologische Machtverhältnisse und kann als eine Kritik an Formen positivistischer Objektivität gelesen werden, wie sie vor allem aus feministischen und dekolonialen Perspektiven formuliert wurde. Green setzt in seiner in seiner Aufklärungsarbeit auf die Singularität des Menschlichen, die einer pathologisierenden Sichteise wirkungsvoll entgegenwirkt. Aus wissenschaftlicher Perspektive stellt sich jedoch darüber hinaus die Frage, wie sich kritisches Wissen produzieren lässt, das darauf verzichtet Trans*menschen auf reine Erkenntnisobjekte zu reduzieren ohne dabei in einen ästhetischen Eskapismus oder puren Subjektivismus zu verfallen?

In meinem Vortrag werde ich ein Verfahren der Objektivierung zur Diskussion stellen, das auf der doppelten Teilhabe/nahme trans*geschlechtlicher und wissenschaftlicher Wissenskulturen beruht. Kulturelle und künstlerische Artefakte fungieren dabei sowohl als Denkbilder, die eine „Objektivierung des Subjekts der Objektivierung“ (Bourdieu) ermöglichen als auch als Forschungsobjekte: mittels teilnehmender Lektüre lassen sie sich als Verdichtungen transgeschlechtlichen (zuweilen impliziten) Wissens lesen, das heteronormative Denk- und Klassifikationsmuster aufzudecken vermag.

Adrian de Silva: Negotiating the Borders of the Gender Regime

In der Dissertation „Negotiating the borders of the gender regime“ untersuche ich anhand von medizinischer und rechtswissenschaftlicher Fachliteratur, Gerichtsurteilen sowie Parlamentsdebatten, wie sexualwissenschaftliche und rechtliche Diskurse und Praktiken zu Transsexualität seit den 1960er Jahren sich wechselseitig und vermittelt durch den Gesetzgebungs- und Reformprozess zum Transsexuellengesetz (TSG, 1981) zu normativem Wissen über Trans und Geschlecht und Geschlechterregime verdichtet, aber auch verändert haben. 

Leitende Fragen sind:
1.) Wie sind Transsubjekte in Medizin, Recht und Politik in Relation zu konventionell vergeschlechtlichten Subjekten im genannten Zeitraum konstruiert worden?
2.) Welche Dynamiken entstanden dabei zwischen Medizin, Recht und Politik?
3.) Welche Verschiebungen fanden innerhalb der hegemonialen zweigeschlechtlichen Ordnung statt?
Die Untersuchung erfolgt mit einem diskursanalytischen Verfahren und aus dekonstruktivistischer Perspektive. Meine Arbeit zeigt in historisch-spezifischer Weise und innerhalb obengenannter Parameter die komplexe (Re-)Produktion hegemonialer Zweigeschlechtlichkeit und Heteronormativität und die damit einhergehende Minorisierung, Objektivierung und Homogenisierung von Transsubjekten auf sowie den sich in jüngerer Zeit andeutenden allmählichen Wandel dieser starren Haltung.

In meinem Vortrag stelle ich wesentliche Ergebnisse meiner Arbeit vor und lege dabei dar, wie ich methodisch, analytisch und wissenschaftsethisch mit den Herausforderungen der Transdisziplinarität, der Komplexität des Themas – vor allem angesichts einer bisher weitgehend fehlenden systematischen Erfassung von Trans in der Sexualwissenschaft, der Bundespolitik und der Transbewegung – und der gebotenen gesellschaftlichen Relevanz der Arbeit umgegangen bin.

Tamás Jules Fütty: Systemisch-normative sowie intersektional verstärkte Gewalt gegen Trans Menschen im Kontext von Biopolitik

Mein Vortrag widmet sich “normativen und intersektionalen Gewaltverhältnissen gegen Trans(gender) Menschen” in Deutschland und Europa. Hierfür werden erstens gegenwärtige und sich konstant ändernde medizinische Rahmungen von Trans(gender) Menschen unter der psychiatrischen Diagnose von ‚Geschlechtsidentitätsstörung’, maßgeblich ‚Transsexualismus’ und ‚Transvestismus’, in dem internationalen Krankheitsklassifikationskatalog der Weltgesundheitsorganisation International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems (ICD-10) sowie dem Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-V) der American Psychiatric Association kritisch erörtert. Zweitens werden juristische Regularien zu Trans(gender) Menschen des ebenfalls konstant veränderten deutschen Transsexuellengesetz (TSG) analysiert. Das TSG fordert die Pathologisierung von Trans Menschen unter den obigen Diagnosen als Zugangsvoraussetzung für die rechtlich anerkannte Vornamens- und Personenstandsänderung.

Es wird begründet, dass die juristische und medizinische Regulierung von Trans Menschen im ICD-10 und Transsexuellengesetz eine normativ-systemische Gewalt darstellt: durch die darin institutionalisierte Pathologisierung und Abjektivierung verfügen Trans Menschen über ungleiche Lebenschancen, da sie vom Status her als nicht-pathologische gleichberechtigte staatsbürgerliche Subjekte ausgeschlossen und verstärkt für Gewalt exponiert werden. Die Auswirkungen von medizinischen und juristischen Normierungen, Pathologisierungen und Objektivierungen reflektieren sich dabei insbesondere in der starken Betroffenheit von Trans Menschen für gesamtgesellschaftlichen Ausschluss, Arbeitslosigkeit und damit einhergehender Armut und sozialer Isolation.

Die systemisch-normative Exponierung von Trans Menschen für Gewalt (durch die Zweigeschlechternorm) wird weiterführend innerhalb intersektionaler Machtverhältnisse beleuchtet. Auf der Grundlage der Analyse von deutschen und internationalen Diskriminierungs- und Gewaltstudien und Berichten wird ein erweitertes Gewaltverständnis vorgeschlagen: als normativ-systemische Gewalt gegen Trans Menschen, die in intersektionalen Machtverhältnissen insbesondere mehrfach-diskriminierte Trans Menschen für lebensbedrohliche Gewalt und vorzeitigen Tod exponiert. Die verstärkte Gewaltexponierung durch rassifizierte und ökonomische Gewalt zeigt sich insbesondere darin, dass 75% der registrierten Morde an Trans Menschen weltweit an (migrantischen) Sexarbeiter_innen (of color) sowie Trans Menschen of color verübt wurden. Gleichzeitig sind mehrfach diskriminierte Trans Menschen besonders stark für vorzeitigen Tod durch HIV-Infektion und verwehrten Zugang zu dem (Trans) Gesundheitssystem betroffen.

Die medizinisch-juristische Pathologisierung und spezifische Regulierung von Trans(gender) Menschen werden weiterführend im Kontext von biopolitischen Kontinuitäten der Bevölkerungsregulierung kontrovers diskutiert: als partielle zweigeschlechtliche Normalisierung und rechtliche Anerkennung von bestimmten zweigeschlechtlich re-integrierbaren Trans Menschen, und gleichzeitige Aufrechterhaltung der normativen Zweigeschlechterordnung, maßgeblich durch reproduzierte Pathologisierungs- und Objektivierungsprozesse. Im Kontext von Biopolitik wird erörtert, dass sich die Bevölkerungsregulierung von Menschen, die von der heteronormativen Zweigeschlechtlichkeit abweichen, verlagert hat von der historischen Pathologisierung sowie Kriminalisierung von Homosexuellen, hin zu der Pathologisierung sowie spezifischen medizinischen und rechtlichen Regulierung von Trans(gender) und Inter(sex) Menschen.

Wie durch Recht und Medizin normative Gewalt sowie biopolitische Bevölkerungsregulierung an nicht-zweigeschlechtlichen Menschen ausgeübt und legitimiert wird, wird insbesondere dadurch deutlich, dass das deutsche Transsexuellengesetz bis zu dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 11. Januar 2011 die Zwangssterilisierung von Trans Menschen für die rechtlich anerkannte Personenstandsänderung legalisierte; als auch darin, dass die semi-legalen ‚geschlechtsangleichenden Operationen’ an Inter(sex) Menschen im Kleinkindalter im Bundestagsbeschluss vom 31.1.2013 nicht als verfassungswidrig verboten wurden.

Irina Schmitt: Trans*Jugendliche in der Schule. Ethische Fragen in der Forschung mit Trans*Jugendlichen

Wie verhandeln junge trans*Personen ihre Selbstverortungen mit den normativen, national kodierten Erwartungen in ihren Schulen? Welche Formen der Unterstützung erleben sie als nützlich, welche Hilfe hätten sie sich gewünscht? Mit diesen Fragen nähere ich mich einer ethnographischen Studie mit trans* Jugendlichen/jungen Erwachsenen in Schweden.

Forschung zu (seltener: mit) trans* Jugendlichen und jungen Erwachsenen steht meist im Kontext queer-feministischer Jugend- und Schulforschung oder in medizinisch-psychologischer Forschung. Ein häufiger Ausgangspunkt ist eine Problemformulierung von Diskriminierung und daraus folgenden Risikofaktoren (Darj & Nathorst-Böös, 2008; Sausa, 2005; Zethrin et al., 2010). Vielleicht stehen wir hier an einem wichtigen Punkt: während es noch immer notwendig ist, auf Diskriminierungen hinzuweisen um die zugrunde liegenden Mechanismen aufzuzeigen und zu verschieben, so ist es ebenso notwendig die teilweise damit einhergehende Viktimisierung zu hinterfragen.
Ein Ausgangspunkt meiner Forschung wird sein, dass nicht die Geschlechteridentifikationen und –präsentationen der Teilnehmenden im Zentrum steht, sondern die Erfahrungen mit und Analyse von dem zumeist höchst geschlechtsnormativen Kontext Schule. Damit schließe ich mich u.a. der schwedischen Ethnologin Signe Bremer an, die hervorhebt, dass Forschende kritisch mit der Struktur des Untersuchtwerdens arbeiten müssen, der trans*Personen häufig ausgesetzt werden (Bremer, 2011).  Gleichzeitig verorte ich dieses Projekt in meiner Forschung zu Institutionen/Organisationen und insbesondere Schulen als Orte/Kontexte, die Zugehörigkeiten produzieren.

Ich stehe noch ganz am Anfang mit dieser Arbeit, und möchte deshalb forschungsethische und methodologische Fragen ins Zentrum meines Beitrags stellen. Derzeit erlebe ich, als weisse mittelalte queerlesbischfeministische cis-Forscherin,  die Übergänge und Grenzziehungen Freundschaften/ Aktivismus/ Wissenschaft und Fragen zu Deutungshoheiten als geladen. Wie kann ich die Studie in den schwedischen trans*communities verankern (wo sich berechtigter Widerstand gegen das Beforschtwerden äußert)? Welche Strukturen für community feedback kann es geben? Mit diesen Fragen möchte die feministischen und queer-feministischen Methodologiedebatten aktualisieren und mich mit Forderungen an cis-Forschende in der Trans*Forschung auseinandersetzen (z.B. Green & dickey, n.d; Hale, 2009 [1997]).

René_ Hornstein: Was wünschen sich Trans*personen von Menschen in ihrer Umgebung?

Der Vortrag stellt die Ergebnisse meiner psychologischen Diplomarbeit, in der ich qualitative Interviews mit Trans*personen führe, vor. Die Wünsche der interviewten Trans*personen in Bezug auf Menschen in ihrer Umgebung, insbesondere auf unterstützendes Verhalten dieser Menschen sollen erfragt werden. Es wird versucht, bei der Auswahl der zu interviewenden Teilnehmender_innen auf unterschiedliche Privilegien und Diskriminierungserfahrungen zu achten. Die interviewende Person ist selbst weiß und nicht-binär trans* positioniert. Dadurch wird der in der Psychologie übliche cisprivilegierte, trans*feindliche wissenschaftliche Blick nicht bereits in der Anlage der Gesprächssituation reproduziert und Erkenntnisse neuer Qualität ermöglicht.  Möglicherweise berichten Trans*personen mit Diskriminierungserfahrungen aus rassistischen oder ableistischen Gründen oder mit eindeutig binär verorteten Geschlechtsidentitäten anderes als sie einer ähnlich positionierten Interviewperson berichtet hätten. Hierin liegt eine Einschränkung der Studie. Die gestellten Fragen in den strukturierten Interviews bewegen sich entlang der Wünsche an verschiedene Menschen in der Umgebung von Trans*personen, zum Beispiel an Fremde, Kolleg_innen, Bekannte, Familienmitglieder, Partner_innen und Freund_innen. 

Mascha Körner: Diskriminierung von Trans*Personen - Erklärungsansätze aus Sicht von Betroffenen

Nicht selten müssen Trans*Personen Diskriminierung in der Arbeitswelt, im Zusammenhang mit rechtlichen Regelungen oder dem Gesundheitssystem erfahren. Aber auch aufdringliche Fragen von Kolleg_innen, Witze aus dem Familien- oder Bekanntenkreis oder gar verbale bzw. körperliche Gewalt von Fremden können eine enorme psychische bzw. physische Belastung darstellen (vgl. Grant et al. 2011; Fuchs et al. 2012; Motmans 2010). Dass dieses Thema dennoch am Rande des (wissenschaftlichen) Interesses steht, zeigt die recht geringe Anzahl an Studien, die sich der Thematik meist nur aus quantitativer Perspektive nähern (vgl. Franzen & Sauer 2010).

Im Gegensatz dazu zielte das 2014/2015 an der Universität Vechta durchgeführte Forschungsvorhaben auf einen qualitativen Erkenntnisgewinn ab. In einem zweiteiligen Erhebungsprozess wurden Trans*Personen zunächst zu bisherigen Diskriminierungserfahrungen befragt, um im weiteren Verlauf vor allem mögliche Ursachen und Erklärungsansätze für die beschriebenen Diskriminierungsformen zu fokussieren. Im Rahmen der Untersuchung konnten dabei Wirkungszusammenhänge zwischen verschiedenen Benachteiligungen sowie wesentliche Erklärungsansätze für die erfahrene Diskriminierung herausgearbeitet werden, die im Vortrag nicht zuletzt mit Blick auf potenzielle Präventions- und Interventionskonzepte beleuchtet werden.

Inken Holtmann: Gender Studies und Inter* - Chancen und Hindernisse partizipativer empirischer Sozialforschung

Wie können heute innerhalb der Geschlechterforschung (und anderen Wissenschaften) verbündete selbstreflektierte Positionen im Kontext von empirischer partizipativer Forschung mit Inter*Personen aussehen? Als Beispiel möchte ich hier die reflexive Grounded Theory heranziehen. Dieser Ansatz stellt die Interaktion zwischen Forscher_in und dem ForschungsSubjekt in den Mittelpunkt und betont die Einflussnahme aller Forschenden im gemeinsamen Prozess. Hierdurch können empowernde und nicht fremd_bestimmte Forschungsprozesse entstehen, in denen die traditionellen Kriterien wie Objektivität, Neutralität und die hierarchische Beziehung zwischen Forscher_in und Befragten aufgebrochen werden. Wie können Befragte als handelnde Subjekte in einzelnen Schritten mit entscheiden, ergänzen und kritisieren? Wo liegen die Grenzen dieser Ansätze?

Wie können andere Diskriminierungsstrukturen, die gleichzeitig auf Personen wirken (Rassismus, Ableismus, Sexismus/Genderismus, Klassismus....) im ForschungsHandeln immer mit bedacht werden, ohne dass Inter*Forderungen, Lebensrealitäten und Diskriminierungen aus dem Fokus geraten? Dies möchte ich anhand meiner Dissertationsthemen und – fragen beispielhaft diskutieren.

Hierbei möchte ich auch auf die besondere historische Mitverantwortung der Gender Studies im Zusammenhang mit Intergeschlechtlichkeit eingehen und darauf, wie diese als nicht vereinnahmende und fremd bestimmende Wissenschaft zum Instrument - zum Baustein – für Menschenrechte und Gleichberechtigung in Inter*Kontexten genutzt werden kann. Als ehemalige Studierende und heute Promovierende der Gender Studies habe ich das Schweigen über - und/oder das Vereinnahmen von Inter*Themen innerhalb der Geschlechterstudien und auch in LGBTT*Q- Zusammenhängen häufig miterlebt. Um eine Verbündete im wissenschaftlichen Bereich zu werden, halte ich es für unumgänglich, dass nicht-Inter*verortete Personen, also auch ich, in ihrem Schreiben und Sprechen – in ihrem ForschungsHandeln ihre Positionierungen und Privilegien fortlaufend reflektieren und dabei ihre gelernten Theorien hinter Inter*Belangen und -Forderungen zurück stellen.

Partizipative Trans*Gesundheitsforschung in Deutschland: Möglichkeiten und Grenzen ethischer Forschung

Adrian de Silva, Erik Meyer, Arn Sauer, Uta Schirmer

Das wesentliche Merkmal partizipativer Forschungsansätze – die in Deutschland bisher erst wenig bekannt sind – ist die Beteiligung von Akteur_innen als Mit-Forscher_innen. In der Arbeitsgruppe Partizipative Trans*Gesundheitsforschung arbeiten seit 2013 zehn Expert_innen aus Wissenschaft, klinischer und psychosozialer Versorgung sowie Trans*Aktivismus in einem Netzwerk zusammen. In mehreren miteinander verbundenen Teilprojekten soll die psychosoziale und gesundheitliche Situation von Trans*Personen in Deutschland systematisch erforscht werden. Ziel ist, eine Wissensgrundlage zu geschaffen, um die Gesundheitsversorgung für Trans*Menschen auf möglichst vielen Ebenen nachhaltig verbessern zu können.

Im Vortrag sollen die Vorgehensweisen und Möglichkeiten partizipativer Forschung vorgestellt und in Bezug zu den Bedürfnissen der Trans*Community gesetzt werden. Im Anschluss werden erste Ideen und Planungen, wie dies umgesetzt werden könnte, mit den Teilnehmenden diskutiert.

Katarzyna Gorska: Schöne Töchter haben gute und schöne Mütter - Fotografie in medizinischen Ratgebern Anfang des 20. Jahrhunderts

"One is not born an organism. Organisms are made", schreibt Donna Haraway. Mit dieser Aussage antwortet Haraway auf die Beauvoirsche Feststellung „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es“ und markiert zugleich eine Wende zu einem neuen Verständnis der Materialität des menschlichen Körpers. Wenn man also annimmt, der menschliche Körper an sich besäße keine festen Formen und Eigenschaften, würde das bedeuten, dass jede Vorstellung von ihm eine Vision unter vielen ist. Als zentral erweist sich in diesem Fall die Frage, auf welchen Wegen er zu einer bestimmten Form kommt. Für Haraway ist ein Körper ein „materiell-semiotischer Erzeugungsknoten“, ein Gebilde, das einen, nicht nur im materiell-biologischen Sinne, komplexen Entstehungsprozess durchläuft. Denkt man einen lebendigen Körper als einen solchen Knoten, ist eine Analyse der Vielfalt der körperbildenden Elemente unter Berücksichtigung der eigenen Eingebundenheit von zentraler Bedeutung.

Um die Wende zum 20. Jh. lässt sich auf dem medizinischen Gebiet eine verstärkte Hinwendung zum Thema der Frau, zu weiblicher Körperlichkeit, Gesundheit und Schönheit beobachten. Neben strikt wissenschaftlichen Publikationen standen zahlreiche Veröffentlichungen, deren Ausrichtung sich eher als populärwissenschaftlich bezeichnen lässt, denn sie richteten sich an eine breite Laienleserschaft. Beispielhaft hierfür ist das Buch Die Schönheit des weiblichen Körpers des deutschen Gynäkologen Carl Stratz, das unter anderen den Müttern gewidmet ist. Die Frau wird in diesem Buch mit einer bestimmten Funktion als Mutter und als Trägerin der Nation versehen. Auf diese Weise wird „die Frau“, oder eher eine bestimmte Vision „der Frau“, dort als eine Ressource gedacht, meist wird diese Vorstellung zusätzlich mit dem Attribut der Schönheit gekoppelt. In Die Schönheit des weiblichen Körpers ist Schönheit eng mit den „Aufgaben der Frau“ verwoben. Neben dieser Zusammenführung gibt es noch einen weiteren Aspekt, der im Kontext der Reflektion des Makeovers des Körpers besonders relevant wird. Es handelt sich um die Art und Weise, wie der weibliche Körper der Mutter und vor allem seine schöne Form dort und in anderen zeitgleichen Publikationen ausgehandelt werden. Es ist nämlich das Medium Fotografie, das ein neues Einsatzgebiet fand, das dort als ein Instrument und zugleich auch als Gegenstand, mit dem argumentiert wird, auftritt.
Im Vortrag wird der Fokus auf die Rolle der Fotografie als eine Visualisierungstechnologie gerichtet, die zweifellos Anteil an der Entstehung und Formung dieser konkreten biologischen Körper hatte. Dabei ist nicht lediglich die Bildung der Vorstellung von ihm gemeint, sondern auch seine materielle Seite. Ich werde mich bemühen aufzuzeigen, dass in diesen Büchern neben diskursiven und tatsächlichen Eingriffen (wie etwa chirurgischen Operationen) in den Körper das Agieren mit fotografischen Bildern eine zusätzliche Ebene eröffnet, auf der sich Diskurs und Materie gegenseitig aktiv beeinflussen und formen und wo der weibliche Körper, seine Schönheit und Normalität, ausgehandelt werden. Fotografien sind dort nicht, wie oft behauptet wird, einfach Bilder, die Evidenzen beglaubigen. Vielmehr befinden sich diese Fotografien in ihrer Heterogenität des Ursprungs, der Verendung, der Bestimmung und der Form in einem Netz zwischen Medizin und Kunst, zwischen wissenschaftlichen, populären Diskursen und Alltagspraktiken. Dies hat wiederum schwerwiegende und bis heute wirkmächtige Folgen für das Verständnis dessen, was ein Körper ist und für das Ausleben dieses Körpers.

Michaela Koch: Vielgestaltige Allianzen: N.O. Body und Magnus Hirschfeld

Unter dem Pseudonym „N. O. Body“ veröffentlicht Karl M. Baer 1907 seine Memoiren Aus eines Mannes Mädchenjahren. Die Wahl des mehrdeutigen Pseudonyms markiert den Körper als relevante Kategorie des Textes und der Erzähler Norbert O. Body berichtet, wie er bei Geburt weiblich zugewiesen wurde, als Nora O. Body aufwuchs, studierte, arbeitete und erst mit 21 Jahren von einem Arzt als männlich ‚erkannt‘ wurde. Dieser Arzt war der Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld, der auch das Nachwort zu den Memoiren schreibt. Beide kooperieren nicht nur bei der Herausgabe der Memoiren, sondern arbeiten auch bei anderen Gelegenheiten zusammen: Hirschfeld schreibt das medizinische Gutachten für die Personenstandsänderung, wirbt für das Buch und Baer unterstützt Hirschfeld bei öffentlichen Vorträgen. Während Baers Männlichkeit und Heterosexualität durch den Wissenschaftler legitimiert wird, kann Hirschfeld die Geschichte vom verkannten Mann als Imagekampagne für die von ihm vertretene und oft diskreditierte Sexualwissenschaft nutzen.

Lena Eckert: Neo-Koloniale Wissensgenerierung über Inter*

In meiner Dissertation zu „Intervening in Intersexualization: The Clinic and the Colony“ habe ich 2010 die neoKoloniale Wissensgenerierung zur Inter*sexualität untersucht. Selbst nicht als Inter* kategorisiert möchte ich diese Art der Forschung gerne bei der Tagung thematisieren und zur Diskussion stellen. Als Forschende untersuche ich die Wissensproduktionen Anderer in nicht-westlichen Gefilden, hier: das „anthropologische Paradies“ Papua Neu Guinea, das noch lange nach der politischen Kolonisierung eine wissenschaftliche Kolonisierung durch westliche Anthropolog_innen und Mediziner_innen erfahren hat. So hat der Anthropologe Gilbert Herdt, bekannt durch seine Anthologie „Third Sex / Third Gender“ mehr als 30 Jahre lang in Papua Neu Guinea zu Homosexualität geforscht. Sein Konzept der „ritualisierten Homosexualität“ war u.a. wichtig für die Entwicklung einer heteronormativitätskritischen Anthropologie. Als er bemerkte, dass es bei den Sambia eine zusätzliche Geschlechtskategorie zu männlich und weiblich gab, begann er sich auch dafür zu interessieren. Er holte den Mediziner und Psychoanalytiker Robert Stoller (bekannt aus der Inter*sexforschung und Kontrahent von John Money) nach Papua Neu Guinea, um ein Interview mit Sakulambei, einem der Vertreter dieser angeblich dritten Geschlechtskategorie, zu führen. In meinem Vortrag möchte ich dieses Interview vorstellen und unter den Aspekten der neoKolonialen Wissensgenerierung, der zugrunde liegenden normativen Zweigeschlechtlichkeitsannahme sowie des normierenden epistemisch-­anthropologischen Blicks untersuchen. Herdt lud auch den Endokrinologien Julian Davidson aus den Staaten ein, um vor Ort in Papua Neu Guinea Blut-­ und Urintests zu untersuchen, und diese dritte Geschlechtskategorie nicht nur psychologisch, sondern auch biologisch festzuschreiben. Von besonderem Interesse ist für mich hier die transkulturelle Konstruktion des soziologischen sowie biologischen dritten Geschlechts.

Plenumsdiskussion: Wissenschaft und Aktivismus

Moderation: Ulli Klöppel & Josch Hoenes

Innerhalb der Wissenschaft wird häufig über Trans* und Inter* und selten mit Trans*- und Inter*personen gesprochen. Das betrifft häufig auch Wissenschaftler_innen, die selbst Trans* oder Inter* sind und in diesen Bereichen forschen. Anliegen, Bedürfnisse und politischen Forderungen von Inter*- und Trans*personen werden daher in der Wissenschaft nicht oder nur sehr am Rande wahrgenommen. Insofern ist es naheliegend und wichtig, Trans* und Inter*personen in der Wissenschaft zu Wort kommen zu lassen, Sprecher_innenpositionen für sie einzufordern und ihnen zuzuhören. Auch manche Allies in der Wissenschaft, die  einen engen politischen und lebensweltlichen Bezug zu Trans*- und Inter*personen haben, haben sich für diese Praxis eingesetzt. Gleichzeitig wirft auch eine solche Praxis vielfältige Fragen und Probleme auf:

Welche Trans* und Inter*personen werden eingeladen, dürfen und können sprechen? Wen oder was können sie legitimer Weise repräsentieren? Welcher Aufwand und welche Risiken bedeutet es aber auch, als Trans* oder Inter*person in der Wissenschaft zu sprechen?

Welche anderen politischen Praxen und Möglichkeiten gibt es, den Bedürfnissen und Forderungen von Trans*- und Inter*personen innerhalb wissenschaftlicher Diskurse Gehör zu verleihen?

Wollen, sollen oder müssten Trans* und Inter*personen in der Wissenschaft die Aufgabe übernehmen, politische Forderungen und Anliegen in der Wissenschaft zu vertreten? Wie verhält sich ein solcher Anspruch mit den Ansprüchen an die eigene Forschung?

Das Plenum diskutiert diese immer wieder auftretenden Fragen in Bezug auf die Besetzung von Sprecher_innenpositionen in der Wissenschaft. Soll und kann diese einer identitätspolitischen Logik folgen? Wann, wo und wieso kann dies sinnvoll/hilfreich sein? Oder sollte dies strikt vermieden werden? Was sind Alternativen? Und welche Gewinne, Risiken und Verluste verbinden sich mit verschiedenen Politikformen?

Diese Fragen möchten wir ausgehend von kurzen Inputs mit allen Interessierten diskutieren.

Elaine Lauwaert: Zwischen Identitätspolitik und Aufgehen in Zweigeschlechtlichkeit - Betrachtung von politischen Strategien von Trans*Bewegung in Deutschland in den 1980er Jahren

Die 1980er Jahre waren für Trans*-Menschen gekennzeichnet durch ein mehr an Möglichkeiten der gesellschaftlichen Anerkennung – z.B. Einführung des Transsexuellengesetzes 1981 -, Konflikten mit den Frauen*- und Lesben*bewegungen und damit verbunden Fragen, welche politischen Strategien erfolgversprechend sein würden, um Diskriminierungen abzubauen und gesellschaftliche Veränderungen zu erreichen. Sollte es darum gehen Wert auf ein „Passing“ zu legen, welches gesellschaftliche Anerkennung als Frau* oder Mann* verspräche, oder wäre es nicht notwendig, sich als Trans*- Menschen zu organisieren, ein gemeinsames „Wir“ zu bilden, und damit dann politisch als soziale Bewegung Gehör zu finden? Und wenn es eine solche gemeinsame Identität von Trans*- Menschen geben könnte, worauf würde diese aufbauen und wäre diese Basis stark genug, gesellschaftliche Veränderungen zu erreichen?

Im Rahmen dieses Beitrags soll der Versuch unternommen werden, an Hand der Analyse zweier Zeitungen – EZKU und TS Journal -, die Diskussionen über die Frage Identitätspolitik versus Aufgehen in Zweigeschlechtlichkeit nachzuzeichnen, welche die Grundlage dafür legten, dass sich ab Anfang der 1990er Jahre erste bundesweit agierende Interessensvertretungen von Trans* Menschen bilden konnten. Damit wird eine Basis gelegt zum besseren Verständnis der Geschichte und Herkunft heutiger Trans*- Organisationen und der Schwierigkeiten und Differenzen, die heute immer noch oft das Verhältnis zwischen verschiedenen Strömungen von Trans*- Bewegungen prägen.

Erik Meyer: Trans*beratung zwischen Selbsthilfe und Professionalisierung

Trans*menschen sind im binär ausgerichteten Geschlechtersystem vielfältigen Schwierigkeiten ausgesetzt und müssen, möglicherweise immer wieder neu, individuelle Entscheidungen über ihre Lebensweise treffen. Dies kann neben Unterstützung im persönlichen Umfeld und durch Selbsthilfegruppen auch professionelle Hilfen erforderlich machen. Trans*personen, die eine dauerhafte „Transition“ zu ihrem Identitätsgeschlecht anstreben und rechtliche und/oder medizinische Maßnahmen in Anspruch nehmen wollen, müssen sich psychiatrischen Begutachtungen, ggf. auch einer, von den davon betroffenen nicht immer gewünschten, Psychotherapie unterziehen. Diese „Hilfen“ werden, in Verbindung mit der Abhängigkeit von bürokratischen Entscheidungen, von vielen Trans* als zusätzlich belastend erlebt.

In den letzten Jahren haben sich innerhalb der Trans*-Community im deutschsprachigen Raum sehr unterschiedliche und wenig übersichtliche Hilfstrukturen entwickelt. Eine wichtige Rolle spielen dabei Selbsthilfe-Gruppen und trans*unterstützende Menschen, die so genannten „Allies“ (Angehörige oder Freund_innen). Darüber hinaus wird – in Abgrenzung zu den o.g. Begutachtungen und geforderten Therapien – an wenigen Orten Trans*affirmative Beratung (vgl. Meyer, im Druck) in Anlehnung an Konzepte des „Gay Counseling“ bzw. der „Gay Affirmative Therapy“ durch Fachleute aus dem psychosozialen Bereich angeboten, die selbst einen Trans*hintergrund haben oder sich als Allies engagieren. Inzwischen gibt es erste Bestrebungen von Professionalisierung der Selbsthilfe nach dem Peer-to-peer-Ansatz durch Weiterbildungsangebote im Sinne der qualifizierten Laienhilfe. 

Der Beitrag versucht einen systematisierten Überblick über trans*positive Unterstützungsangebote aus Selbsthilfe, Beratung und Therapie. Ziel ist, inhaltlich eine erhöhte Transparenz für die Ratsuchenden herzustellen.

Yv E. Nay: Affektiv strukturierter Trans*Aktivismus - Eine affekt-theoretische Perspektive auf Community

Seit einigen Jahren entstehen vermehrt politische Initiativen aus und für eine trans* Community. In meinem Forschungsvorhaben gehe ich den Politiken von und für Trans* nach und befrage deren affektive Implikationen. Dabei interessiert mich der Begriff der Community bzw. das Gefühl des Dazugehörens zu einer Community, das sich politisch-aktivistisch ausdrückt und, so meine Ausgangsthese, affektiv aufgeladen ist. Den Fokus lege ich auf Politiken im Rahmen von Interessensvertretungen in Organisationen von und für Trans*. Aus einer affekt-theoretischen Perspektive gehe ich der These nach, dass Trans*Aktivismus transnational zirkulierendes Wissen produziert, das affektiv als ein Gefühl des Dazugehörens zu einer Community strukturiert ist. Dieses affektive Zugehörigkeitsgefühl ist dabei durchaus ambivalent, paradox und/oder wird in Frage gestellt, indem trans*aktivistisches Wissen lokale Aktionsfelder, Sprachen, nationale Kontexte usw. durchquert. Der Beitrag untersucht Trans*Aktivismus als Community jenseits der Vorstellung eines politisch einheitlichen Zusammenhangs als paradoxe und gerade deshalb als affektiv strukturierte Gemeinschaft.

Wibke Straube: Trans Kino und utopische Zeit-Räume im Film

Welche Möglichkeiten finden sich im zeitgenössischen Trans Kino, die auf alternative Welten in den Filmen verweisen und über die Normalisierungsstrukturen der Darstellung von Trans hinausgehen? 

Ich stelle in dem Vortrag meine gerade abgeschlossene Doktorarbeit Trans Cinema and its Exit Scapes. A Transfeminist Reading of Utopian Sensibility and Gender Dissidence in Contemporary Film vor und meine darin vorgenommenen Auseinandersetzungen mit den so genannten exit scapes. Die exit scapes im Trans Cinema stellen eine Form dar, diese Filme jenseits ihrer wiederkehrenden Gewaltförmigkeiten zu lesen, affirmative Orte im Film zu erleben und konzeptuell utopische Raum-­Zeiten herzustellen.
Utopien und insbesondere das Gefühl von Hoffnung sind bedeutungsvoll durch ihr politisches Potential, die Antriebskraft, die sie beinhalten können und ihre Existenz in den exit scapes im Trans Kino ist nicht nur wichtig für Trans Politiken, sondern stellt einen vitalen Gegenentwurf zu z.B. den naked­‐body shots im Trans Kino dar, sowie zu der Vereinzelung der Charaktere und ihrer kontinuierlichen Bedrohung durch ein mögliches fehlendes passing. Die exit scapes sind beständig wiederkehrende Szenen von Gesang, Tanz und Traum im Trans Kino. In meiner Präsentation konzentriere ich mich auf einen dieser exit scapes, diskutiere ihn im Kontext einer multisensorialen Methodologie (Laura Marks; Vivian Sobchack) und lote sein Spannungsverhältnis zum Begriff des Utopischen (Sara Ahmed; José Muñoz) aus.

Ich positioniere mich als genderqueer und gerade aus diesem Blickwinkel ist mir eine alternative Auseinandersetzung mit Trans Kino wichtig, die es vermeidet in den Opferstrukturen zu bleiben, sondern darüber hinausgeht und sich mit Affekten und Strategien von Hoffnung, Kollektivität und Handlungsmacht beschäftigt.

Robin Katarina Saalfeld: Performative Verhältnisse von Gender und Film. Transgender-Filme im New Queer Cinema

Obwohl die Transgender Studies seit den 1990er Jahren im Zuge der Popularisierung der Queer Studies von zunehmender Bedeutung sind, besteht vor allem in der Filmwissenschaft ein Mangel an Monographien über Transsexualität im Film. Die feministische Filmtheorie beschäftigte sich nur implizit mit Transgeschlechtlichkeit, zog sie als Kategorie zu Rate, um Blickkonstruktionen und Prozesse der Identifikation zu theoretisieren. In meiner Forschung steht ein anderer Fokus im Mittelpunkt. Es gilt zu verstehen, wie und warum die Figur des Transgenders und das Sujet der Transsexualität dargestellt wurden. Dies ist insofern von Bedeutung, da die filmische Visibilisierung des Transgenders eine Entwicklung durchlief und durchläuft, die von Brüchen, Begrenzungen und seit dem Aufkommen des New Queer Cinemas von Neuorientierungen gekennzeichnet ist, deren Vorstellungen um und Realisierungen von Transsexualität es nachzuzeichnen gilt. Dabei wird Transgeschlechtlichkeit nicht ausschließlich verstanden als filmisches sondern mediales Konstrukt, was sich speist aus sozialen Vorstellungen um Transsexualität, der Filmfigur des Transgenders und filmwissenschaftlichen Transgenderdiskursen. Diese Interaktion von verschiedenen Diskursebenen soll mit den Methoden der systematischen Filmanalyse (Korte 2010, Bordwell/Thompson 2013) und der kritischen Diskursanalyse (Jäger 2012) für das New Queer Cinema rekonstruiert und problematisiert werden. Zudem wird diskutiert, inwiefern das Aufkommen einer New Queer Cinema Bewegung dazu beiträgt, emanzipatorische Potenziale zu Transgeschlechtlichkeit diskursiv in Umlauf zu bringen.

Der Vortrag ist zu verstehen als Teil eines work­‐in-­progress eines Dissertationsprojekts zum gleichnamigen Thema.

Anthony Clair Wagner: (un)Be(Com)ing Others: Eine Trans* Film Kritik

Im Bereich der "Wissen(schaft)sproduktionen zu Inter*/Trans*" möchte ich die Ergebnisse meiner Dissertation diskutieren, in der ich aus sowohl meiner gelebten Trans* Erfahrung als auch aus meiner künstlerischen Praxis heraus der Frage nach einer scheinbaren Affinität zwischen Monstern und Transsexuellen nachgehe. Zu diesem Zwecke kombiniere ich unter anderem die Felder der Transgender und der Monster Studien und analysiere nicht nur die problematische Gleichsetzung von Trans* Menschen mit Monstern, sondern frage auch nach dem möglichen Potential einer subversiven Monstrosität sowie nach ihren Grenzen.

Im Rahmen meiner Forschung definiere ich einige Somatechniken der Monstrosität, mit deren Hilfe Spielregeln der Entmenschlichung bestimmter Körper (soma) im Wechselspiel mit Techniken (techné) sichtbar gemacht werden können. Sowohl die Somatechniken der Monstrosität als auch die Idee einer subversiven Monstrosität erlauben die Interkonnektivität von Trans* und anderen diskriminierten und entmenschlichten Körpern hervorzuheben und somit nicht nur die heteronormative Zweigeschlechtlichkeit, sondern ebenso weitere Pathologisierungen als auch Rassifizierungen von (Cis) Körpern zu kritisieren.

Im Rahmen meiner Dissertation habe ich eine Form der Wissensproduktion gewählt die mir erlaubt meine Ergebnisse in Form einer Kritik auf Film anzuwenden, die außerhalb des Trans* Film Bereichs liegen. Somit wird neues Wissen zu bestehenden kulturellen Texten produziert.

Joke Janssen: Falsche Körper//ohne Körper

The transsexual body is an unnatural body. (Stryker 2006: 245)

Ich gebe Einblick in mein Dissertationsprojekt, in dem ich theoretisch und künstlerisch nach alternativen, queeren Darstellungsweisen von Trans* suche. Künstlerische Darstellungen von Trans* zeigen häufig (nackte) Körper als andere Körper der Norm; mit sichtbaren Auswirkungen operativer und hormoneller Eingriffe. Solche Repräsentationen sind aber problematisch, da über identitäre Visualisierungen immer nur bestimmte Körper und Identitäten gezeigt und andere Subjekte aus dem Feld des Erkennbaren ausgeschlossen werden.
Aufgabe meiner Dissertation soll deshalb sein, Nicht_Darstellungsweisen von Körpern zu entwerfen, die zwar in Zeit und Raum verortet werden können und auf trans*relevantem Wissen und Politiken aufbauen, sich aber nicht auf eine Darstellung biologischer Körperlichkeit verlassen. Jenseits von Dichotomien und linear-zeitlichen Körpergeschichten erarbeite ich trans*spezifische Mehrdeutigkeiten und Füllungen von Zwischenräumen. Dazu eigne ich mir den pathologisierten Falschen Körper als radikal störenden an, der Vorstellungen von Zweigeschlechtlichkeit und Heteronormativität verrät. Dieser Körper muss nicht auf Materialisierungen des Biologischen referieren, sondern kann mit Hilfe der Gefühle und Erinnerungen der Betrachtenden als Trans*Körper ohne Körper in Zwischen_RaumZeit imaginiert werden.

Plenumsdiskussion "Möglichkeiten zur Stärkung des Netzwerks ITW"

Input: Arn Sauer, Moderation: Josch Hoenes

Das Netzwerk Inter*Trans*Wissenschaft hat sich 2012 gegründet, um einen Austausch zwischen Trans* und Inter*menschen, die in der Wissenschaft tätig sind und Wissenschaftler_innen, die aus emanzipatorischer Perspektive zu diesen Themen forschen, zu ermöglichen. Was schätzen wir an diesem Netzwerk? Was hätten wir gerne anders? Was brauchen wir zusätzlich? Und vor allem: Welche Möglichkeiten gibt es, das derzeit bestehende Netzwerk noch weiter zu stärken? Soll eine festere Organisationsstruktur oder eine Internetpräsenz entstehen? Welche Wünsche und Utopien gibt es? Und wer hat Interesse an der Mitarbeit am und im Netzwerk? In der Plenumsdiskussion wollen wir diskutieren, wie am und im Netzwerk weiter gearbeitet wird/werden kann und welche konkreten Schritte von wem unternommen werden.

We3ybmaster (jo7vzsch.hoenes@uol3l.de) (Stand: 07.11.2019)