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Forschungscluster Fortgeschrittener Spracherwerb

Im Zentrum des Forschungsinteresses des Clusters steht der fortgeschrittene Spracherwerb, also der Erwerb ausgebauter sprachlicher Kompetenzen während der Schulzeit.

Aktuell: Workshop Fortgeschrittener Spracherwerb März/April 2022

Die beteiligten Forscher*innen nehmen die Meilensteine bis zum Erreichen der fortgeschrittenen sprachlichen Kompetenzen sowie ihre Vorläuferfähigkeiten in den Blick und betrachten sowohl medial mündliche als auch medial schriftliche Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler. Außerdem werden sowohl rezeptive (Hören, Lesen) als auch produktive (Sprechen, Schreiben) Kompetenzen analysiert und hinsichtlich ihrer Interdependenzen untersucht, wie beispielsweise hinsichtlich der Verbindung zwischen mündlichen Sprachkompetenzen und Lesefähigkeiten.

Neben der Frage nach den Meilensteinen des Erwerbs interessiert die Mitglieder des Clusters auch die Frage, welche intra- und interindividuellen Unterschiede im Erwerbsprozess auftreten können, also zu welchem Zeitpunkt Abweichungen und ihre Ursachen erkennbar sind (Diagnostik). Es tritt vor allem die Frage in den Vordergrund, welche sprachlichen Phänomene und Strukturen im fortgeschrittenen Spracherwerb schwierig sind und für wen diese Phänomene Erwerbsschwierigkeiten bereiten. Darauf basierend wird im Cluster auch erforscht, wie diese Kompetenzen adaptiv evidenzbasiert gefördert werden können. Dabei müssen auch die internen und externen Ressourcen des fortgeschrittenen Spracherwerbs in den Blick genommen werden: Interne Ressource sind zum einen sprachinterne Ressourcen, also hilfreiche sprachliche Informationen, die, wenn sie erworben sind, zu besseren sprachlichen Fähigkeiten führen. Interne Ressourcen sind aber auch kognitive Fähigkeiten, die Schülerinnen und Schüler mitbringen, wie zum Beispiel Sprachkenntnisse in einer weiteren Sprache oder die phonologische Bewusstheit. Externe Ressourcen sind Einflussfaktoren wie sozioökonomische Faktoren, aber auch externe Einflussfaktoren, die im Unterricht wirken, wie die (medial mündliche) Sprache der Lehrpersonen, die sie an ihre Schülerinnen und Schüler richten, sowie die von den Lehrpersonen eingesetzten sprachlich-interaktionalen Unterstützungsangebote. Zu den externen Ressourcen im Unterricht gehört ebenfalls die medial schriftliche Sprache in Schulbüchern und Unterrichtsmaterialien im Sinne eines Sprachangebots.

Es ist allgemeiner Konsens, dass eine gute Sprachkompetenz eine Schlüsselkompetenz und eine der wichtigsten Voraussetzungen für den Schulerfolg, die berufliche Laufbahn und nicht zuletzt auch den gesellschaftlichen Erfolg ist. Welche sprachlichen Kompetenzen aber in welchen Entwicklungsphasen die größte Bedeutung für die Prognose des Erwerbs weiterer Kompetenzen auch in anderen Bereichen haben, wie z. B. dem Lernerfolg in verschiedenen Schulfächern, darüber existiert kein wissenschaftlicher Konsens; ebenso wenig wie über die optimalen Möglichkeiten ihrer Diagnose und Förderung.

Gute Sprachkompetenz ist nicht nur für den Deutschunterricht und den Fremdsprachenunterricht wesentlich, sondern Voraussetzung in allen Fächern. Wie die PISA-Studien gezeigt haben, kann insbesondere eine hohe Lesekompetenz nicht vorausgesetzt werden. Etwa 20% der untersuchten Altersgruppe der 15-Jährigen in Deutschland erfüllen die Anforderungen nicht (Weis et al. 2018: 61). Damit ist der Anteil leistungsschwacher Schüler*innen hier relativ hoch. Insbesondere das sinnentnehmende Lesen (Leseverständnis) ist gering ausgeprägt. Die mündlichen Sprachfähigkeiten spielen dabei insofern eine Rolle, als nur lesend verstanden werden kann, was die Kinder auch hörend verstehen. Somit sind gute mündliche Sprachkompetenzen eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung der Lesekompetenz. Darüber hinaus findet ein großer Teil der Vermittlung von Lerninhalten im Unterricht über die mediale Mündlichkeit, allerdings unter Verwendung der Sprachregister Bildungs- und Fachsprache, statt. Diese stellen hohe Erwerbshürden insbesondere für sprachlich schwache Schüler*innen, aber auch für Schülerinnen und Schüler, die Deutsch als Zweitsprache erwerben, dar.

Insbesondere im Hinblick auf die soziale Herkunft (inkl. Migrationshintergrund) gibt es große Bildungsungleichheiten in Deutschland. Im internationalen Vergleich fällt dieser Unterschied in Deutschland sogar überdurchschnittlich groß aus. Sprachliche Leistungsunterschiede bestehen bereits im Vorschulalter und bleiben im Entwicklungsverlauf recht stabil. Auch Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischen Förderbedarfen insbesondere im Bereich Sprache und Kommunikation benötigen eine Lernumgebung, die ihnen größtmögliche Partizipation ermöglicht. Dies fordern auch die Vereinten Nationen in einer der sogenannten ‚United Nation Sustainable Development Goals‘: „quality education for all“. Schulen und vorschulische Bildungseinrichtungen stehen somit vor der Herausforderung, Chancengleichheit herzustellen. Es gibt aber ebenfalls keinen Konsens darüber, mit welchen Mitteln und Konzepten dies erreicht werden kann.

Es gibt also klare Herausforderungen aus Bildungsperspektive, die eine genauere Betrachtung der Relationen zwischen Spracherwerb, Lesekompetenzen, Schulerfolg und der Rolle von verschiedenen Faktoren (wie z. B. Mehrsprachigkeit, soziale Herkunft, sonderpädagogische Förderbedarfe) erfordern. Diese Forschung muss interdisziplinär gestaltet werden, weil einzelne Disziplinen zwar Teilaspekte dieser Herausforderungen adressieren können (wie z. B. Faktoren für einen erfolgreichen Spracherwerb, Einfluss von Mehrsprachigkeit auf Spracherwerb, welche linguistischen Phänomene komplex sind und warum, wie sich bestimmte sprachliche Aspekte entwickeln), aber nur gemeinsam geplante und durchgeführte Forschungen können zu einem besseren Verständnis der komplexen Zusammenhänge führen. Deswegen ist dieses Forschungscluster interdisziplinär angelegt: Es kooperieren bisher Sprachwissenschaftler*innen, Sprachdidaktiker*innen sowie Sonderpädagog*innen. Weitere interessierte Kolleg*innen sind selbstverständlich zur Kooperation eingeladen!

(Stand: 14.07.2021)