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Vortrag: Prof. Dr. Manuela Günter

"Pulp Fiction. Obszöne ‚Selbst-Bildung’ in Edgar Hilsenraths Roman Der Nazi & der Friseur" Dieser Roman über das Überleben eines Nazi-Schergen in der Identität eines seiner Opfer stellt wohl eines der radikalsten Experimente dar, Selbst-Bildungsprozesse nach dem Holocaust zu problematisieren. 1971 bei seinem Erscheinen in den USA begeistert gefeiert, wird der Roman in der BRD bis heute nur sehr zögerlich wahrgenommen und sein verstörendes Potential erscheint in den meisten Interpretationen unter Kontrolle gebracht - als Satire, Groteske oder Variante des jüdischen Humors wird es für Literatur- und Kulturwissenschaftler anschließbar. Dagegen möchte ich zeigen, dass diese Verwechslungskomödie "vom Nazi, der dann Jude wird", mit seinen Zitaten deutscher Kinder- und Hausmärchen, seiner Vulgärpsychologie wie auch seiner Kumpanei mit einem fiktiven deutschen Leser die Problematik der Selberlebensbeschreibung und die damit immer schon verbundenen Identitätsversprechen von innen heraus zersetzt. Das Identitätsproblem, das in Autobiographien von Überlebenden stets reflektiert wird, wie auch der grauenhafte Abgrund zwischen Tätern und Opfern, erscheint bei Hilsenrath in Gestalt eines durch und durch schockierenden Trash-Romans, in dem Unsagbarkeit und "Banalität des Bösen" in ihrer  obszönen Verschränkung sichtbar werden.

30.06.2015 18:00 – 20:00

BIS-Saal

Graduiertenkolleg 'Selbst-Bildungen'

(Stand: 09.06.2021)