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"Expeditionen ins Emsland" – Fotoausstellung von Gerhard Kromschröder

"Emsland – mon amour" – Eröffnungsrede zur Ausstellung

 von Bernd Eilert


Ich freue mich, dass man ausgerechnet mir die Eröffnung dieser schönen Ausstellung von Fotografien Gerhard Kromschröders anvertraut hat. ... Endlich ein Thema, bei dem ich nur hinzulernen kann: Emsland – mon amour.

Denn ich kenne wirklich so gut wie gar nichts davon – ich meine: vom Emsland! Während meiner gesamten in Oldenburg verbrachten Schulzeit war ich niemals dort. Irgendwelche Expeditionen ins Emsland lagen uns so fern wie eine Reise ins Herz der Finsternis. Diese Zurückhaltung hatte ursächIich mit Glaubensgründen zu tun. Im eher lau prostestantischen Oldenburg glaubte man nämlich, dass es jenseits der Süd-Westgrenzen der alten Grafschaft  in den Bistümern Osnabrück und Münster nicht recht geheuer wäre. Der dort angeblich herrschende Kollateral-Katholizismus mit seiner verschwitzten Heuchelei und seinen blutigen Ritualen kam uns ebenso befremdlich vor wie heutzutage etwa ein fundamentalistisch verfasster Staat mit von totalitären Talibans und morbiden Mullahs verhetzten Untertanen, die sich auf altfränkische Weise fortpflanzten und alttestamentarisch strengen Gesetzen gehorchten, deren Anwendung uns in Angst und Schrecken zu versetzen geeignet war.  Dass dies Horrorszenario, das sich in gut 80prozentigen CDU-Wahlergebnissen niederschlug, mit Mangel an Information zu tun haben könnte, kam uns aufrechten Jung-Atheisten nicht in den Sinn. Außerdem galt die Gegend als stocklangweilig, für junge Menschen ungenießbar.

Später besuchte ich dann Clemenswerth, dessen spätbarocke Jagdschlossanlage bei Kromschröder drei Mal als Hintergrund herhalten muss. Dies kleine Meisterwerk des Münsteraner Architekten Johann Conrad Schlaun  wird man wohl kaum als typisch für die emsländische Bauweise bezeichnen dürfen. Obwohl auch hier ein Zug zur Schlichtheit und Bescheidenheit nicht zu übersehen  ist.  Ich war auch schon in Lingen, doch mehr als eine Mehrzweckhalle, noch wesentlich schmuckloser und symmetrieversessener, erinnere ich nicht. Papenburg hat mir durch seine Überlänge und Übersichtlichkeit imponiert: Rechts ne Straße, links ne Straße, in der Mitte ein Kanal - und das war´s dann auch.

Aus ungesicherten Emsland-Quellen weiß ich, dass man dort dem Alkohol sehr zugetan ist und zu gewagten Mischgetränken neigt, denen man verführerische exotische Namen gibt, wie etwa „Tango“ (das ist angeblich Bier mit Regina-Limonade), „Korea“ (Cola mit Rotwein) und als ultimative Bestellung gilt: „WuKo“ (Wurstwasser mit Korn).

Ob das stimmt, dafür kann ich mich nicht verbürgen.

Ich kannte aber mindestens einen geborenen Emsländer, doch der ist längst tot. Sein Name war Bernd Rosema, nach eigener Angabe zu Papenburg geboren, gestorben in Frankfurt am Main, wo ich ihn 1970 auch kennengelernt habe. Damals war Rosema Mitglied der Redaktion der inzwischen legendären Satirezeitschrift „pardon“.

Genau wie Gerhard Kromschröder, der später zum „stern“ nach Hamburg ging,  um als investigativer Reporter den Nahen Osten und als getürkter Türke den noch näher liegenden Westen unsicher zu machen. Seine journalistische Laufbahn hatte der gebürtige Frankfurter als Lokalredakteur in Lingen und bei der „Ems Zeitung“ in Papenburg begonnen, was ihm später den ersten „Medienpreis Emsland“ für –laut Laudatio- „herausragenden kritisch-hinterfragenden Journalismus“ eingetragen hat.

Der gebürtige Emsländer Bernd Rosema dagegen blieb zunächst in Frankfurt am Main, genau wie der etwa gleichaltrige Südstaatler Eckhard Henscheid, der vielen als Romancier bekannt sein sollte u.a. durch seine „Trilogie des laufenden Schwachsinns“.

Hier hat der Oberpfälzer Henscheid auch seinem Kollegen von der Unterems literarische Denkmäler gesetzt. Unter dem Namen „Herr Bernhard Rösselmann“ tritt Bernd Rosema schon im ersten Kapitel von Eckhard Henscheids erstem Roman „Die Vollidioten“ auf . Henscheid macht uns bekannt mit „einem stattlichen und dennoch regsamen Herrn in den besten Jahren mit Hornbrille und ernsthaften Gesichtszügen, der einen ungeheuer dicken und ganz ausgezeichneten Friesentee zu brauen versteht“. Aber nicht nur den weiß der Erzähler zu schätzen: „Wir kamen rasch ins Plaudern und Scherzen, denn Herr Rösselmann ist um köstliche Einfälle und allerlei Redensarten nie verlegen.“  

In einer späteren Erzählung bringt Rosema es sogar zum Titelhelden. Diese Erzählung heißt „Der Feind“.   Und der Erzähler erinnert sich, wie ihm „der nachmalige Feind als  wahrer Menschenfreund“ erschien, „ja, als wahres Muster von Freundlichkeit, Höflichkeit , einer nicht selten geradezu pikanten Courtoisie. Lockend, gurrend und mit säuselnden Redensarten aus sonorem, ringelförmigen Munde, nebensatzreiche Zärtlichkeiten und allerlei dynamisch melodische Schattierungen streuend, so umgarnte er mich, damals Blöden, schmeichelte mir mit allerlei köstlichen Schleckereien und Pralinen, auch hin und wieder mit einem Likörchen, so manches Prösterchen trank er mir huldigend zu und kniff dabei in gleichwie erotisierenden Absichten augenschwänzelnd die schönen Hinterbacken ulkig auf und zu, eine wahre Cour d´amour... „  Der Feind heißt hier übrigens „Rosenhag“ und in der Erinnerung an gemeinsame Reisen schließt sich der Teufelskreis: „das gemeinsame Kennenlernen der erhabensten Wunder unserer lieben Erde: Obernai, Perstisau, Ortisei, Venedig, Vechta, Cloppenburg, Papenburg“... Da wären wir wieder. Und falls Sie gedacht haben: Das gehört eigentlich nicht hierher – sind Sie jetzt eines Besseren belehrt:  Alles eine Frage der Überleitung.

Ein typischer Emsländer war der ebenso maniriert wie manierlich  tänzelnde, scharwenzelnde  Rosema  sicher nicht. Seiner hier einmal zu gedenken, war mir dennoch ein Bedürfnis.

Die Emsländer auf Kromschröders Bildern wirken entweder in sich ruhend wie buddhistisch geprägte Götzen oder aber stramm organisiert zu Marschkolonnen in Schützenvereinen oder Prozessionen.

Rosemas emphatische Emsigkeit strahlen sie jedenfalls nicht aus. Die wiederum teilt der gebürtige Emsländer eher mit Kromschröder, dessen emsländische Vergangenheit, wie angedeutet, in die frühen 60er Jahre des letzten Jahrhunderts zurückreicht.

Auch ihm gönnt Henscheid im bereits zitierten Roman im Rahmen eines Bürofestes in der pardon-Redaktion einen geradezu beschwingten Auftritt:

„Jetzt trat ein Herr Kromschröder auf den Plan und riss auch vorübergehend gleich die Fest-Leitung an sich, indem er zusammen mit Herrn Jungwirth eine Art gravitätische Gavotte tanzte, wobei beide Herren einander ununterbrochen und glutvoll in die rollenden Augen blickten...“ Herr Jungwirth, das zur Erläuterung, war Layouter der Zeitschrift und ein kugelrunder Vollbartträger, der in seinen dreiteiligen Anzügen vage an anarchistische Bombenleger des zaristischen Russlands gemahnte. Henscheid fährt fort: „Übrigens ist Herr Kromschröder einer der ärgsten, ja sogar nebenberuflichen Possenreißer in unserer Stadt, und er trägt deshalb auch ständig – obwohl vollberechtigtes Büromitglied! – eine Art Zimmermannstracht – und der Büroleiter Rudolph lässt es durchgehen, ein weiterer Beweis für die unordentlichen Zustände in diesem Büro...“

Das alles ist lange her – doch nun endlich zur Sache! Die Fotos, die wir hier sehen, und die uns der Fotograf gleich hoffentlich noch näher bringen wird, sind erst viel später entstanden, ihre Zeitgenossenschaft ist oft genug von  zentraler Bedeutung, ob sie sich in Solarzellen, Windrädern oder Kühltürmen manifestiert. Dagegen stehen die zeitlosen Schönheiten von Eichenlaub und Moorsee. Ein Land zwischen Hünengräbern und Hühnerfarmen entfaltet seine spröden Reize. --- Beinah 50 Jahre nach dem ersten Rendezvous hat Kromschröder seine alte Liebe nun also wiederentdeckt. Und wie jeder gereifte Liebhaber weiß auch er nicht nur um die inneren Werte sondern auch um die offensichtlichen Schwächen des Subjekts seiner Begierde und liebt es trotz oder gerade wegen der Spuren, die eine ästhetisch erbarmungslose Moderne hinterlassen hat. Von jener tiefen Zuneigung zeugt ein jedes der ausgewählten Bilder. Und ich sage das ohne jede Ironie.

Denn darauf kommt es an: Fotos machen kann heutzutage im Zeitalter multifunktionaler Mobiltelefone jeder Idiot – und vor allem solche knipsen ständig welche,  um sie uns dann schamlos zugänglich zu machen. Die äußere Einstellung ist mit einem handelsüblichen Produkt kein Problem mehr – auf die innere Einstellung kommt es an.

Und die ist bei Kromschröder vorbildlich. Sie vermittelt uns eine zutiefst unkatholische Beschränkung auf das Wesentliche, die diese Landschaft und ihre Bewohner prägt.  Diese sanfte Kargheit, die sogar den Umgang mit der Sprache bestimmt, macht mir reine Freude. Schon das dreigeteilte Wappen des Landkreises Emsland scheint zu lächeln. Dafür sorgt der Anker, der unter den drei Mispelaugen hängt, das stilisierte Hünengrab darüber mag man für ein keckes Hütchen halten. Historisch betrachtet werden hier drei ehemalige Landkreise symbolisiert, von oben nach unten geordnet: Aschendorf-Hümmling, Meppen und Lingen. Bei Wikipedia habe ich auch den Satz gelesen: „Das Emsland galt früher als „Armenhaus“  Deutschlands.“ Dafür liefern Kromschröders Fotos keinen Beleg, auch von neureichem Überfluss zeugen sie nicht. Wofür das Emsland heute gilt, wird nicht gesagt. Ich schlage vor: Für die Mäßigkeit, die auffällt, eine Mittelmäßigkeit in beruhigendem Sinne. Nach dem alten Torfstecher-Motto: "Des ersten Tod, des zweiten Not, des dritten Brot".

Superlative sind hier jedenfalls nicht gefragt: die Alpen sind höher, Ostfriesland liegt noch ein wenig tiefer als das eigene Land. Der Rhein ist länger als die Ems, die Elbe breiter.

Nur in einer Hinsicht ist das Emsland rekordverdächtig: Es gehört immer noch zu den dünnstbesiedelten Landstrichen der Republik. Gerhard Henschel – noch ein geborener Emsländer - behauptet, es lebten dort mehr Mastschweine und Zuchthähnchen als Menschen, andererseits ist das Bevölkerungswachstum auffallend konstant. Einer der wenigen Widersprüche, die im Emsland geduldet werden.

Ansonsten fasst man sich kurz und klar: An der Müllhalde von Hünteln steht einfach „EMSSCHROTT“.  Für Schnittblumen wirbt der Aufsteller „EMSFLOWER“. Auf einen Geburtstag in Haren weist das Schild „MARVIN 16“ hin,  auch zu einer Party bei Dörpen wird ohne Satzzeichen eingeladen, “JUGENDFETE LEHE“ plus Datum muss reichen.   „CORDES GRILLPAVILLON“ ist vergleichsweise verschwende-risch beschriftet: Rechts und links steht „lecker!“, jeweils mit Ausrufezeichen.

Auf dem Prozessionsbaldachin in Lathen ist „JESUS VINCIT“ ohne eingestickt. Einen Wald bei Walchum schmückt die gelbe Warntafel: „Vorsicht! Stechgefahr! Bienen!“ Und „Handys kauft man natürlich bei Hannes“.  Die Wortkargheit reicht bis zum Ortsausgangsschild der Gemeinde Lengerich,  das bis auf den roten Balken, der das Ende anzeigt, einfach leer ist.

Vielleicht rührt diese sprachliche Disziplin daher, dass komplizierte Gedankengänge leicht auf verschlungene Abwege führen: „Daran habe ich gar nicht gedacht“ heißt auf Emsländisch angeblich: "Doa häb ik nu goar kien denken up doon". 

Ich tue mir nun denken: Als ausgewiesener Nichtkenner der Region kann ich vollkommen unvoreigenommen  über die Qualität von Kromschröders Bilder richten.  Sie sind schlicht großartig. Punkt. Wenn Paul Valéry schon postuliert hat, dass man sich entschuldigen müsse, wenn man es wage über Malerei zu reden, gilt das auch und gerade für Fotografien. Sie sehen ja selbst, wie diese Bilder wirken.

Noch großartiger ist allenfalls das Buch zur Ausstellung. Denn auf dessen Doppelseiten kommen die Bilder paarweise erst recht zur Geltung. Kromschröders Kollegin aus pardon-Zeiten Elsemarie Maletzke meint, Kromschröders Blick bringe „den leisen Wahnsinn Ems-ländlicher Existenz zum Vorschein“ und fragt sich: Was macht der Spielmannszug auf der Umgehungsstraße? Was ist das für ein Sport: Radkappenweitwurf? Wer lebt  in dem biederen Backsteinhaus mit den zugezogenen Vorhängen und dem Schild ‚Privatclub Zur Nachteule’? Der Kondomautomat auf dem Foto gegenüber verrät es. So ist das ganze Buch komponiert: ein langes Stück über das Emsland, ohne Ton und nur durch Blicke erzählt, die auf Doppelseiten überraschende formale und spöttische Korrespondenzen ergeben. Das Gewimmel auf dem Oktoberfest in Lingen gleicht dem der Hühner in der Legebatterie in Setlage, der Kühlturm des Atomkraftwerks dem der efeuverpackten Windmühlenruine. Die Sortiermaschine für Feldfrüchte findet ihre Entsprechung in einem Beobachtungspanzer der Bundeswehr und die Schützenkolonne von Melstrup ist fast so ordentlich angetreten, wie die Blumentöpfe in der Pflanzenfabrik in Emsbüren. “

Spott vermag ich in diesen emsländisch knapp untertitelten Kompositionen nicht zu erkennen. Kromschröders klassisch aufgefasste Motive - Landschaften, Stilleben, Portraits, Genrebilder - kommentieren sich zwar gegenseitig, optisch wie sprachlich, die Kritik wirkt dabei aber nie aufdringlich, der Dialog der Bilder und ihrer Unterschriften wird häufig von jener sanften Ironie getragen,  die eine reife Liebe eben auszeichnet.

Dass einige der betroffenen Emsländer in diesen Abbildern eine bösartige Absicht des Fotografen zu erkennen glaubten, und – für Emsländer- ungewöhnlich temperamentvoll darauf reagiert haben, vermag ich beim schlechtesten Willen nicht nachzuvollziehen.  

Im Gegenteil: Mir hat Gerhard Kromschröder erst recht Lust gemacht, mich bei nächster Gelegenheit dort in seinem geliebten Emsland einmal genauer umzusehen.

Das rate ich Ihnen jetzt auch: Die Ausstellung ist nämlich hiermit eröffnet!

[BIS intern]   BIS-Webmafcster (bismig.wwpzwebredaktion@uni-olmmrxdenburg.de) (Stand: 14.11.2019)