Dorfmüller

KJELL MØRK KARLSEN (* Oslo 1947)

Referent und am Flügel: Prof. Dr. Joachim Dorfmüller

Vom tonalen Gudbrandsdal-Wiegenlied (Karlsen op. 133, 1, 1-3) zum …

Kurzbiografie

Zu den bedeutendsten zeitgenössischen Komponisten Skandinaviens und insbesondere Norwegens zählt Kjell Mørk Karlsen. Geboren 1947 in Oslo, studierte er zunächst bei seinem Vater, dem Osloer Domorganisten und Komponisten Rolf Karlsen, danach an der Musikhochschule Oslo Kirchenmusik mit Schwerpunkt Komposition bei John Lammetun. Über das Kantorenexamen hinaus legte er Künstlerische Reifeprüfungen in Blockflöte und Oboe ab. Seine Kompositionsstudien vervollkommnete er beim Copland- und Dallapiccola-Schüler Egil Hovland in Oslo sowie bei Joonas Kokkonen in Helsinki, der ihn an die Praxis unorthodoxer Dodekaphonie heranführte.
1973 wurde er Domorganist zunächst in Tønsberg, danach in Stavanger, bevor er sich 1981 entschloss, als freischaffender Komponist zu arbeiten. Für einige Jahre in Asker als nebenamtlicher Organisten, lebt er seit 2011 in Tomter südlich Oslo und widmet sich frei von allen beruflichen Verpflichtungen ganz dem Komponieren. Inzwischen ist Norsk Musikkforlag Oslo derjenige mit den meisten Publikationen seines umfangreichen, fast alle Werkgattungen und Besetzungen umfassendes Œuvres. Karlsen wurde mehrfach mit Kompositionspreisen ausgezeichnet sowie von König Harald V. zum Ritter 1. Klasse des Königlich-Norwegischen Verdienstordens geschlagen.

Werkauswahl

Sinfonien: Nr. 1 op. 70 (1984), Nr. 2 op. 73 (1985), Nr. 3 op. 78 (1986), Nr. 4 op. 87 (1989), Nr. 5 op.  99 (1997), Nr. 6 op. 118 (1996), Nr. 7 op. 130 (2001), Nr. 8 op. 105 (2003), Nr. 9 op. 145 (2004), Nr. 10 op. 155 (2014), Nr. 11 op. 157 (2014), Nr. 12 op.186 (2015).

Klavierkonzerte Nr. 1 op. 90 (1988) und Nr. 2 op. 192 (2018); Violinkonzerte Nr. 1 op. 135 (2001) und Nr. 2 op.141 (2003).

Oratorien: Jule-(=Weihnachts-)oratorium op. 57 (1981); Sinfonisches Oratorium „Lilja“ op. 82 (1987); Kammeroratorium „Milska“ op. 103 (1993); Passionsoratorium „O crux ave“ op. 134 (2013); Kirchenspiel „Engelbretsdatter“ op. 150 (2005).

Passionen: Nach Johannes op. 100 (1991), nach Markus op. 166 (2010), nach Matthäus op. 181 (2015).

Messe für Chor und Bläser op. 51 (1982); Requiem für Frauenchor und Streicher op. 32 (1986); Requiem grande op. 162 (2008/2009); 12 Motetten op. 49 (1979); Jubilate Deo. 100 Motetten zum Kirchenjahr mit und ohne Orgel op. 56 (1969-1999).

Für Orgel: Sinfonien Nr. 1 op. 99 (1991), Nr. 2 op. 105 (1993), Nr. 3 op. 116 (1996), Nr. 4 op. 157 (2007), Nr. 5 op. 171 (2013), Nr. 6 op. 193 (2018); Te Deum op. 33 (1975); Messe op. 51 (1979); Introduktion und Passacaglia über B-A-C-H op. 202 (2020); Partiten, Choralbearbeitungen und Meditationen.

Streichquartette: Nr. 1 op. 66 (1993), Nr. 2 op. 117 b (1996), Nr. 3 op. 121 (1998).

Für Klavier: Sonaten op. 183 (2018) und op. 200 (2019), mit Trompete op. 40 (1976) und mit Tuba op. 74 (1985); Fra folketone til tolvtone (24 Minipräludien) op. 133 (1982-2001); Griegfragmenter op. 163 für Klavier solo, für Klavier vierhändig und für zwei Klaviere (2010; Pflichtstücke beim 11. Internationalen Grieg-Wettbewerb Bergen 2010); diverse Klavierliederzyklen.

… dodekaphonischen Etüdenfragment (Karlsen op. 133, 22, Anfang)

Zum Colloquium

Nach der einleitenden Interpretation von Kjell Mørk Karlsens Partita brevis 2 über norwegische Volkslieder op. 110, 2 (1994) durch die Instituts-Dozenten Ulla Levens (Viola) und Christoph Rode (Violoncello) skizzierte der Referent Leben und Werk des mit ihm seit über drei Jahrzehnten freundschaftlich verbundenen Komponisten, der ihm zwei seiner größeren Orgelkompositionen widmete: 1994 die 3. Orgelsinfonie op.116 sowie 2020 „Introduktion und Passacaglia über B-A-C-H“ op. 202.

Im analytischen Fokus stand – durchaus exemplarisch für Karlsens Œuvre – der Klavierzyklus „Fra folketone til tolvtone / Vom Volkston zum Zwölfton“ op. 133. Wie der Titel festhält, bewegt sich der 2001 aus 24 Minipräludien zusammengestellte Zyklus historisch-chronologisch von tonal orientierter norwegischer Folklore über Ganztonskalen im quasi-impressionistischen Sinne hin zu unorthodox praktizierter Dodekaphonie, zusammengefasst im Epilog in der unmittelbaren Konfrontation von Reihe und Dur-Moll-Akkordik. Damit hebt sich der Zyklus bewusst ab von dem nach Johann Sebastian Bach u. a. von Chopin, Debussy, Skrjabin, Rachmaninoff und Schostakowitsch besetzten Genreformat „24 Klavierpräludien“. Kennzeichnend für den Zyklus ist darüber hinaus, dass eher traditionelle Konzeptionen wie Strophenlied, Kanon, Invention, Toccata und Walzer im Kontrast stehen zu freieren wie Fantasie, Ostinato, Klangstudie und Fragment im zweiten Teil des Zyklus. Eine Entwicklung zeigt auch das Moment progressiver Pianistik von den ersten eher einfachen Minipräludien hin zu jenen späteren, die den Kurs einschlagen hin zu konzertanter Virtuosität.

Abgeschlossen wurde die Veranstaltung mit der kompletten Interpretation des Zyklus durch den Referenten.

 

(Stand: 30.04.2021)