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Prof. Dr. Ayca Polat

Institut für Pädagogik

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Welche Migrationspolitik braucht der qualifizierte Arbeitsmarkt?

Welche Migrationspolitik braucht der qualifizierte Arbeitsmarkt?

Ayça Polat, Hochschullehrerin für Sozialpädagogik in der Migrationsgesellschaft, warnt vor einem einseitig kritischen Blick auf Migration und betont die Rolle von Migrantinnen und Migranten für den qualifizierten Arbeitsmarkt in Deutschland.

„Häufig wird ein Zuwanderungsplus von 400.000 Personen pro Jahr genannt, das Deutschland bräuchte, um die Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt ansatzweise abpuffern zu können. Wir können fest davon ausgehen, dass die Nachfrage an Fachkräften im sozialen und pädagogischen Bereich weiterhin stark zunehmen wird. Es gibt jedoch eine große Diskrepanz zwischen dem Fachkräftebedarf auf dem Arbeitsmarkt und den politischen Antworten darauf.

Die Erwartung, über Anwerbeabkommen oder das 2019 verabschiedete Fachkräfteeinwanderungsgesetz die erforderliche Anzahl an Fachkräften zu erreichen, hat sich nicht erfüllt. Zudem können wir beobachten, dass diejenigen, die über Anwerbeabkommen nach Deutschland gekommen sind, oft nicht lange bleiben wollen, da sie unter sozialer Isolation und großen sprachlichen Hürden leiden. Das heißt, dass wir perspektivisch deutlich mehr Personen aus den sogenannten Drittstaaten, die bereits in Deutschland leben, in den Arbeitsmarkt einbinden und ihnen die Möglichkeit für (Nach-)Qualifizierungen bieten sollten.

Es ist viel zielführender und nachhaltiger, Menschen, die etwa als Geflüchtete gekommen sind, einen „Spurwechsel“ zu ermöglichen und ihnen durch reguläre Aufenthaltstitel und die Anerkennung mitgebrachter Qualifikationen Zukunftsperspektiven anzubieten. Denn diese Menschen sind schon hier. Sie bringen in der Regel Sprachkenntnisse mit, sind sozial eingebunden und haben die Perspektive, hier bleiben zu wollen, wenn Ihnen die Chance gegeben wird.

Auch wäre es wünschenswert, wenn wir bei der Anerkennung von mitgebrachten Qualifikationen flexiblere und innovativere Wege gehen könnten.  Nach wie vor wird vieles, was an Erfahrungen und Qualifikationen mitgebracht wird, nicht anerkannt, oder die Hürden sind hoch. Es müsste zum Beispiel viel mehr Qualifikationswege geben, die parallel zu einer Erwerbsarbeit, Abschlüsse und berufliche Qualifikationen ermöglichen. Hier in Oldenburg haben wir zum Beispiel gerade im Rahmen des Projekts „Kontaktstudium: Anerkennung und pädagogische Kompetenz in der Migrationsgesellschaft“ ein Ergänzungsprogramm auf den Weg gebracht, in dem relevante Kenntnisse zu rechtsspezifischen Themen in der Sozialen Arbeit oder im Kita-Bereich erworben werden können, die dann Etwa für die staatliche Anerkennung von Relevanz sind. Dieses Blended-Learning-Programm mit einem Mix aus Online- und Präsenzterminen stößt auf wirklich großes Interesse bei Migrant*innen und Arbeitgeber*innen zugleich. Wir nehmen die Signale aus der Praxis deutlich so wahr, dass solche Angebote willkommen sind. Einige Einrichtungen sind gegebenenfalls auch bereit, diese mitzufinanzieren. Arbeitgeber*innen und die Wirtschaft, aber auch die Kammern waren in ihren Vorstellungen schon immer weiter als die Politik. Die gesetzlichen Regelungen im Aufenthalts- und Arbeitsrecht hinken da häufig hinterher. Ich gehe davon aus, dass die Wirtschaft der Regierung bereits signalisiert hat, dass die aktuell restriktive Migrationspolitik nicht zielführend ist und auch für die Wirtschaft schädlich ist. Wenn man glaubt, dass durch die Schließung von Grenzen soziale Probleme im Land gelöst werden können, ist das ein Trugschluss – das hat die Vergangenheit schon oft gezeigt.”

(Stand: 16.02.2026)  Kurz-URL:Shortlink: https://uol.de/p116915
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