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Prof. Dr. Myriam Gerhard

Institut für Philosophie

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Wie wandelt sich der Blick auf die Natur?

Wie wandelt sich der Blick auf die Natur?

Unser Verhältnis zur Natur ist stetem Wandel unterworfen. Myriam Gerhard, Professorin für Kritische Naturphilosophie, regt zu einer offenen gesellschaftlichen Debatte über unsere Haltung zur Natur an.

„Bis ins frühe 19. Jahrhundert lag die Deutungshoheit über die Natur überwiegend bei Theologen und Philosophen, die sie meist als ein von der menschlichen Tätigkeit unabhängiges Ordnungsgefüge ansahen. Das änderte sich ab Mitte des Jahrhunderts, als sich die Naturwissenschaften zunehmend von der Philosophie und Theologie emanzipierten. Ihre Vertreter argumentierten erfolgreich damit, dass allein die exakten naturwissenschaftlichen Methoden wie etwa reproduzierbare Experimente und Beobachtungen es ermöglichten, die Natur objektiv zu verstehen. Das war eine Zäsur, weil die Natur mit ihrer Vergegenständlichung zunehmend instrumentalisiert und somit auch zur Ressource wurde.

Für das 21. Jahrhundert deutet sich ein erneuter Wandel in unserer Sicht auf die Natur an. Insbesondere mit Blick auf die Klimakrise müssen wir uns fragen, ob wir das, was naturwissenschaftlich-technisch möglich ist, auch praktisch umsetzen sollten. Ein Beispiel ist das Geoengineering, also Verfahren, um CO2 mit anderen als natürlichen Methoden aus der Atmosphäre zu entfernen. Manche glauben dabei an eine praktische Alternative für den Fall, dass wir die Klimaziele verfehlen. Andere sehen in diesem erneuten Eingriff in die Natur einen fatalen Fehlschluss, weil durch den Einsatz von Technik der Verursacher des Übels zum Retter würde. Die Kritiker warnen etwa vor unvorhersehbaren Folgen für die Natur und fürchten, dass die Anwendung von Geoengineering dazu führt, dass die ökonomischen und gesellschaftlichen Ursachen der Klimakrise in den Hintergrund treten und die Menschheit sich weniger bemüht, die Emission von Treibhausgasen zu reduzieren.

Das Beispiel zeigt, dass es auch heute wieder um die Frage geht, wie wir Natur betrachten und deuten: Ist sie für uns ein Objekt, eine Ressource, ein Werkzeug? Oder hat sie einen Eigenwert jenseits des „Nützlichen“? Es geht gar nicht darum, die Natur zu einem Subjekt zu machen, sondern darum, sie zu respektieren als etwas, das sich dem Begriff nicht vollständig beugt. Ich hoffe, dass wir sie in Zukunft im ästhetischen Sinne als etwas „Erhabenes“ betrachten und vielleicht auch als etwas, das sich uns teilweise entzieht – nicht nur als etwas, das uns gute Kapitalerträge verspricht.”

(Stand: 16.02.2026)  Kurz-URL:Shortlink: https://uol.de/p117084
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