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Prof. Dr. Rainer Buchwald

Institut für Biologie und Umweltwissenschaften

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Naturnähe ist schon viel heutzutage

In Europa gibt es so gut wie keine Naturlandschaften mehr. Landschaftsökologe Rainer Buchwald berichtet, wie sich Nationalparks einer gedachten Landschaft annähern und was er selbst als schön empfindet.

„Leider haben wir in den Naturwissenschaften keinen festen Naturbegriff. Ich als Landschaftsökologe spreche eher von Landschaft: Unter Naturlandschaft verstehen wir eine ursprüngliche Landschaft, die ein paar tausend Jahre nach der Eiszeit Bestand hatte, bevor der Mensch sesshaft geworden ist und begonnen hat, sie zu verändern. Das ist das, was wir als Ökologen unter „Natur“ verstehen.

Allerdings haben wir in Europa so gut wie keine Naturlandschaft mehr. Der Mensch hat überall – mal mehr, mal weniger – eingegriffen. Vielleicht gibt es in einer unzugänglichen Ecke Skandinaviens oder in einem abgelegenen Pyrenäen-Tal Bereiche, wo der Mensch nie gewirtschaftet hat. Weltweit betrachtet ist es anders: In Wüsten, Hochgebirgen oder anderen unwirtlichen Lebensräumen gibt es vom menschlichen Einfluss unberührte Bereiche. Aber globale Einflüsse wie Überdüngung mit Stickstoff oder der Klimawandel verhindern, dass wir – selbst wenn wir eine Käseglocke über ein Gebiet stülpen – Naturlandschaften erhalten.

Der andere Begriff, mit dem wir daher arbeiten, ist Naturnähe. Diese zu schaffen, ist das Anliegen von Nationalparks. In der Praxis bedeutet das: Anhand einer eher diffusen Vorstellung von Naturlandschaft entwickeln wir Leitbilder, um dieser gedachten Landschaft näherzukommen – ohne dass wir Menschen steuernd eingreifen. Die Idee ist, natürliche Prozesse wieder zuzulassen, Natur Natur sein zu lassen – etwa, dass Bäume in einem Wald zerfallen können, dass es Alt- und Totholz gibt mit den dazugehörigen Pilzgesellschaften und Käferarten. Naturnähe ist schon viel heutzutage. Glückliche Beispiele hierfür sind der Hainich-Nationalpark in Sachsen-Anhalt oder der polnische Teil des Nationalparks Unteres Odertal. Eine Entwicklung zu einer naturnäheren Landschaft dauert allerdings Jahrzehnte oder Jahrhunderte – je nach Biotop und Ausgangssituation.

Doch auch wenn wir akzeptieren, dass wir zu 99 Prozent in einer Kulturlandschaft leben, können wir eine gewisse Naturnähe schaffen, zum Beispiel indem wir eine möglichst hohe Biodiversität anstreben. Dabei spielt Ästhetik – und damit verbunden das Erleben – eine große Rolle. Denn eine hohe Biodiversität bietet oft auch einen schönen sinnlichen Eindruck, sei es durch Sehen, Hören oder Riechen. Das gilt für artenreiche Lebensräume ebenso wie für abwechslungsreiche Landschaften. Ich selbst fahre zum Beispiel viel Fahrrad. Wenn ich im Herbst im Weser-Ems-Gebiet unterwegs bin, sehe ich oft nur zwei Meter hohen Mais. Wenn ich aber zum richtigen Zeitpunkt im Elbtal bin, dann sehe ich schöne Auenwiesen, die prächtig bunt sind. Das ist ein Anblick für die Götter. Damit kann ich auch meinen Kindern und Kindeskindern einen Eindruck von Vielfalt und Schönheit vermitteln.“

(Stand: 21.08.2020)