Went

Went, Karl-Ernst

Statement

Was wir brauchen, sind Reliquien.

Christian Boltanski

Credo

Die eigenen Kompositionen lassen sich am besten als Versuch beschreiben, Methoden der sogenannten „Spurensicherung“ auf die Produktion von Musik zu übertragen. Es handelt sich dabei um eine Stilrichtung innerhalb der bildenden Kunst aus den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts: Sammeln, Sichten und Ordnen verschiedenster Materialien, deren Inventarisierung und Ausstellung unter allen möglichen Aspekten von ethnologischer Feldforschung, Naturkunde oder Geschichte bis hin zu fiktiver Archäologie. Der bis heute damit verknüpfte große Name ist Christian Boltanski.

Eine Ausstellung von Nikolaus Lang in der Hannoverschen Kestner-Gesellschaft (1975/76) traf mich wie der Blitz. Anschließend entstand die erste Sammlung von Klängen und instrumentalen Gesten für ein Tasteninstrument, Musik über Musik, einerseits rückwärtsgewandt, andererseits im Schwebezustand einer stundenlangen Superstruktur.
Die nächsten Musiken waren in langwierigen Prozessen gewonnene Anordnungen vierstimmiger Harmonien, die sich als ruhige Klangbänder fast unmerklich entwickelten. Die Kriterien ihres Aufbaus entsprangen stets der Analyse des Materials. Später traten auch außermusikalische Parameter hinzu wie die Steuerung von Abläufen durch Texte.

Die Titel der größeren Stücke, für Wandelkonzerte gedacht:
Musik für eine Ausstellung. Die Titel kürzerer Etüden und Gelegenheitsversuche: Tombeau. Bis heute verzichte ich auf die Unterstützung durch digitale Hilfsmittel. Bei einem lange zurück-liegenden Anlass war einmal ein Pseudonym unbedingt vonnöten. Anschließend blieb ich bei diesem: die Reaktionen des Publikums sind auf diese Weise stets ein wenig ehrlicher…

Lebenslauf

1952 geboren in Wuppertal
1960-1964

Mitgliedschaft in einem evangelischen Knabenchor
Klavierunterricht u.a. bei Prof. Harald Bojé am Wuppertaler Konservatorium

1970-1974

Studium der ev. Theologie in Wuppertal und Göttingen
Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes

1974-1978

Studium der Schulmusik in Hannover
erneutes Stipendium der Studienstiftung

1979-1981 Hilfskrafttätigkeit an der Musikhochschule, Cembalostudien und Konzertmitwirkungen in verschiedenen Ensembles
1981-1983 Vorbereitungsdienst für die wiss. Bibliothekslaufbahn. Praktika an der Universität Oldenburg und an der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel
1983-2017 Arbeit am Bibliotheks- und Informationssystem der
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg: Betreuung der dortigen Musiksammlung
ab 1990

Lehrauftrag für Cembalo und Generalbass an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

weiterhin: Konzertmitwirkungen in verschiedenen Formationen, davon über 10 Jahre lang im Ensemble Hamburger Ratsmusik

Jahrzehntelange Beschäftigung mit eigenem Komponieren

ab 1980 Auseinandersetzung mit Verfahren der Spurensicherung

 

Werke in Auswahl

Karl-Ernst Went
alias
Leon Łukasiewicz:

Musik für eine Ausstellung (1979-1981)
aufgeführt in der Klangkuppel des Columbus Center Bremerhaven
im Juni 1994 (unerhört), anschließend in der Oldenburger Galerie am Schlosswall im Juli 1994 (oh ton: aus der reihe)

4. Musik für eine Ausstellung (2013/14)
simultane Kombination der Ausstellungsmusiken 2 und 3,
über mehrere Stunden teilweise aufgeführt bei der Oldenburger
Langen Nacht der Musik 2014

5. Musik für eine Ausstellung (2014/15)
neu geordneter Gesamtablauf der 4. Musik,
teilweise aufgeführt bei der Oldenburger Langen Nacht der Musik
2015, wiederholt im Kellergewölbe des Wilhelm Wagenfeld Hauses Bremen anlässlich der dortigen Langen Nacht im Juli 2015

6. Musik für eine Ausstellung (2016/17): Rosarium gaudiosum
Eine komplette Rosenkranzliturgie mit Klanghintergrund, aufgeführt bei der Oldenburger Langen Nacht der Musik im Juni 2017 in der katholischen Kirche St. Peter.

7. Musik für eine Ausstellung (2018/19): Stille Gedanken von Gott…
Extrakt der 5.Aussstellungsmusik, aufgeführt in einer dreikanaligen Versuchsanordnung für Mischklänge. Textgrundlage: eine Lieddichtung Gerhard Tersteegens. Oldenburg, Friedenskirche,
Lange Nacht Juni 2019.

8. Musik für eine Ausstellung (geplant für 2020): Archiv der verlorenen Bilder
Fast 3000 Varianten einer plagalen Kadenz, kombiniert mit den Beschreibungen einer Sammlung alter Familienfotos.

3. Tombeau für Cembalo (1986)
Synthetische Strophenbassvariationen aus virtuosen Toccatenpassagen des 17. Jahrhunderts. Fassung als Plakat im Überformat und als Spielpartitur.

5. Tombeau für Blockflötenquartett (1987/88) für das Ensemble
„ut re mi“, uraufgeführt in Nürnberg 1988. Mehrschichtige Klangstudie, gesteuert von einem Liedtext Tersteegens.
Auch als Klavierstück bearbeitet.

6. Tombeau (1992) für das Ensemble „Camerata moderna“,
uraufgeführt mit einer Einführung von Prof. Peter Becker in der Hannoverschen Eisfabrik Oktober 1992:
Kurzer Simultanlauf der zueinander gehörnden Abschnitte der 1. Und 2. Ausstellungsmusik: 2 Blockflöten im Hoketus, Laute, Viola da gamba und Cembalo

12. Tombeau (2019)
Klangforschungen zu den beiden Choralbearbeitungen „An Wasserflüssen Babylons“ von J. A. Reinken und J. S. Bach,
verschiedene Fassungen.


 

Partiturausschnitt

(Stand: 09.06.2021)