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Prof. Dr. Tilo Wesche ist Professor für Praktische Philosophie. Schwerpunkte seiner Forschung sind Moralphilosophie und politische Philosophie. Unter anderem befasst er sich mit den Themen Freiwilligkeit und Eigentum.

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Prof. Dr. Tilo Wesche 

Institut für Philosophie

 

Ein Wert der Moderne

Ein Wert der Moderne

Wo die Grenzen der Freiheit liegen und welche Bedingungen freiwilliges gesellschaftliches Engagement voraussetzt, erläutert der Philosoph Tilo Wesche im Interview.

Wir erleben gerade, dass Menschen ihr Leben riskieren, um die Freiheit ihres Landes zu verteidigen. Warum ist Freiheit für uns so wertvoll?

Die Moderne definiert sich geradezu durch einen Freiheitsgewinn. Das zeigt sich ideengeschichtlich, aber auch in unserer Lebenswelt: Für junge Menschen ist es das Wichtigste, selbstständig zu sein – sei es, als kleines Kind ein Klettergerüst zu erklimmen oder später alleine in die Stadt zu gehen. Und auch für ältere Menschen ist es enorm wichtig, dass sie sich noch selbstständig versorgen und bewegen können.

Im Alltag sind wir aber durch viele Zwänge gesteuert, etwa in der Familie oder im Job. Sind wir überhaupt frei?

Es ist ein Missverständnis des Liberalismus, wenn man meint, man sei erst dann frei, wenn man vollständig frei von allem sei. Denn es gibt ja zwei Grundbedeutungen von Freiheit. Einmal die negative Freiheit, das Freisein von etwas. Das zweite ist die positive Freiheit, das Freisein zu etwas – dass man sich, wie Kant es nannte, selber Zwecke geben kann. Wir werden im Alltag zwar von vielen Umständen bestimmt, doch diese machen uns gewissermaßen auch frei, weil es vielfach ja solche selbstgewählten Zwecke sind. Freiheit ist also durchaus vereinbar mit vielem, was auf den ersten Blick dagegenspricht. Wenn man aber sagt: Freiheit ist erst einmal nur Unabhängigkeit und zum anderen ein ausschließlicher Wert – das einzige, was zählt – dann kann man schnell den Eindruck bekommen: Ich werde ständig fremdbestimmt.

Welches Freiheitsverständnis steckt dahinter, wenn Menschen sagen, sie fühlen sich wie in einer Diktatur, weil sie gezwungen werden, Masken zu tragen oder sich impfen zu lassen?

Dahinter steckt genau ein solches absolutes Freiheitsverständnis. Tatsächlich aber ist Freiheit kein Wert, der allein für sich steht, sondern sie ist immer im Zusammenhang zu betrachten. Sie sollte immer vereinbar sein mit Normen oder Werten, die ihr in gewisser Weise auch entgegenstehen, zum Beispiel Gleichheit oder Solidarität. Schon Kant hat sich Gedanken darüber gemacht, wie Gleichheit und Freiheit vereinbar sind, wie Herrschaft und Freiheit vereinbar sind. Aus guten Gründen gibt es bestimmte Pflichten. Und dann einfach nur zu sagen: Alles, was mich verpflichtet, das bedroht meine Freiheit – das ist schlechterdings ein Missverständnis dessen, was Freiheit bedeutet.

Sie arbeiten in einer DFG-geförderten Forschungsgruppe zum Thema Freiwilligkeit. In Ihrem Projekt untersuchen Sie, wie der Begriff manchmal missbraucht wird. Haben Sie dafür Beispiele?

Wenn wir von „freiwillig“ in Bezug auf politisches und soziales Engagement sprechen, ist der Gebrauch des Wortes berechtigt. Wir partizipieren an der Demokratie auf der Grundlage von Freiwilligkeit. Das heißt, wir gehen freiwillig zu den Wahlen. Wir informieren uns freiwillig. Wir organisieren auch gegebenenfalls Demonstrationen freiwillig. Aber manchmal wird der Begriff nur vorgeschoben – wenn beispielsweise gefordert wird, dass der Gesetzgeber Zurückhaltung üben sollte aus Gründen der Selbstverantwortung von Bürgerinnen und Bürgern. Das ist etwa geschehen in Debatten um Lebensmittelkennzeichnungen, die Einführung von Tierwohlstandards oder die Quote in Dax-Konzernen. Der Begriff Freiwilligkeit ist dann gewissermaßen nur ein rhetorisches Mittel, um Gesetzesmaßnahmen zu verhindern. Denn letztlich passiert dann nichts.

Unsere freiheitliche, demokratische Gesellschaft lebt davon, dass Menschen sich freiwillig an politischen Prozessen beteiligen. Ist das nicht ein Widerspruch?

In gewisser Weise schon. Die demokratische Partizipation sollte freiwillig geschehen. Wir sollten nicht verpflichtet werden, uns zu informieren oder wählen zu gehen. Es ist aber wichtig zu sehen, dass diese Freiwilligkeit bestimmte Bedingungen voraussetzt. Man darf also nicht den Rückschluss ziehen: Wer sich nicht beteiligt, wer also zu der Gruppe der sogenannten politisch Apathischen gehört, der muss einfach nur wollen.

Welche Bedingungen können die Partizipation denn fördern?

Zunächst einmal, ganz klar, eine gewisse Rechtssicherheit und Bildungsmöglichkeiten. Aber auch Freiräume der Kommunikation, der Kultur sind nötig. Und zwar Freiräume, in denen kein Erwartungsdruck herrscht und kein Ergebnis erreicht werden muss. Bei dieser besonderen Art der Kommunikation führt man ein Gespräch nicht, um den Gesprächspartner auf die eigene Seite zu ziehen, sondern um im freien Spiel der Argumente herauszufinden, was zutrifft und was nicht. In solchen Gesprächen kann viel passieren: Die eigenen Überzeugungen können eine andere Richtung einschlagen, manchmal gelingt es, den Blick für andere Argumente und Sichtweisen zu öffnen. Das alles sind sehr wichtige Voraussetzungen, um überhaupt eine Bereitschaft zur freiwilligen Partizipation ausbilden zu können.

Wo finden sich solche Freiräume?

Ich glaube, es ist eine wichtige Funktion der Universitäten, diese Freiräume bereitzustellen. Es ist wichtig, dass es dabei nicht nur um Ausbildung und Prüfungen geht oder dass man ein bestimmtes Berufsziel erreicht, sondern dass wir diese Freiräume jenseits irgendeines Verwertungsdrucks haben.

Was ist Freiheit für Sie persönlich?

Vor allem das beglückende Gefühl, in einer Demokratie zu leben – gerade jetzt, angesichts der russischen Invasion in der Ukraine. Außerdem kann ich mich an ein ganz persönliches Erlebnis erinnern. Als ich als kleiner Junge Fahrradfahren lernte und mein Vater mich losgelassen hat und ich zum ersten Mal selbst fahren konnte – das war ein sehr beschwingendes Gefühl der Freiheit.
 

Interview: Ute Kehse

(Stand: 22.04.2022)