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Prof. Dr. Christoph Herrmann ist Hochschullehrer für Allgemeine Psychologie am Department für Psychologie der Universität Oldenburg. Er erforscht Gehirnprozesse, die an Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Wahrnehmung beteiligt sind, sowie die Veränderung dieser Prozesse durch nicht-invasive Hirnstimulation.

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Prof. Dr. Christoph Herrmann

Department für Psychologie

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Angriff auf die Willensfreiheit

Angriff auf die Willensfreiheit

Wir nehmen uns als frei handelnde Wesen wahr, die sich bewusst für oder gegen etwas entscheiden können. Neurowissenschaftliche Experimente schüren jedoch Zweifel an dieser Wahrnehmung. Gibt es überhaupt einen freien Willen?

Wann handelt der Mensch aus freiem Willen? Das könne man an drei Kriterien festmachen, sagt der Oldenburger Psychologe Prof. Dr. Christoph Herrmann: „Man sollte in derselben Situation auch anders handeln können; die Handlung sollte willentlich geschehen, also entsprechend meiner eigenen Überzeugungen, und drittens sollte sie von meiner Person ausgehen, also nicht von jemand anderem gesteuert werden.“ Dass der Mensch gemäß diesen Kriterien frei handeln kann, steht seit den 1980er Jahren in Frage. Damals stellte der US-Psychologe Benjamin Libet fest, dass eine bestimmte Hirnaktivität – das sogenannte Bereitschaftspotenzial – auftritt, bevor Versuchspersonen sich bewusst dazu entschließen, eine Bewegung auszuführen. Er postulierte, dass scheinbar willentliche Entscheidungen in Wahrheit durch unbewusste Prozesse im Gehirn gesteuert werden. Das subjektive Gefühl, frei entscheiden zu können, sei mithin eine Illusion.

Nach wie vor debattieren Forschende, welche Schlussfolgerungen aus dem Experiment zu ziehen sind. Herrmann, der an der Universität die Abteilung Allgemeine Psychologie leitet, fand in eigenen Untersuchungen heraus, dass das Bereitschaftspotenzial bereits auftritt, bevor Probanden überhaupt wissen, welche Bewegung sie ausführen sollen. Ihm und seinem Team zufolge repräsentiert das Signal lediglich eine allgemeine Erwartung, gleich etwas tun zu müssen. „Wir bilden uns ein, damit den Libetschen Angriff auf die Willensfreiheit abgewehrt zu haben“, resümiert er. Auch andere Forschungsergebnisse weltweit deuten darauf hin, dass Libets Schlussfolgerungen wohl zu weitreichend waren. Experimente von Freiburger Forschenden zeigten 2016 sogar, dass es Versuchspersonen gelingen kann, dem Handlungsimpuls zu widerstehen, den das Bereitschaftspotenzial repräsentiert. Die Probandinnen und Probanden waren somit in der Lage, das Hirnsignal bewusst zu verändern.

Dennoch bleibt die Frage nach der Willensfreiheit schwierig. Kaum jemand bestreitet, dass unbewusste Prozesse manche unserer Handlungen beeinflussen. Auch Herrmann geht davon aus, dass unsere Entscheidungen durch Gewohnheiten, frühere Erfahrungen und Prägungen determiniert sind – dass wir also nicht unbedingt die Freiheit haben, völlig unabhängig von jeglichem Einfluss eine Wahl zu treffen. Für ihn steht dies aber nicht mit willentlichem Handeln im Widerspruch. „Dem Philosoph Michael Pauen zufolge ist Willensfreiheit auch in einer determinierten Welt möglich, solange man Freiheit als Selbstbestimmung versteht“, erläutert Herrmann. Es gehe also darum, dass der Handelnde selbst die Entscheidung treffe und dass sein Handeln nicht durch Zwang oder Zufall gesteuert werde, so der Oldenburger Neurowissenschaftler. „Das ist aus meiner Sicht eine gute Lösung des Dilemmas.”

(Stand: 26.04.2022)