Schulz

Schulz, Reinhard

Credo

Im 21. Jahrhundert treiben die Veränderungen in der Bildungs- und Forschungslandschaft die Selbstabschaffung der Geisteswissenschaften voran. Die Modularisierung aller Lehrangebote steht in einem unvereinbaren Gegensatz zur fächerübergreifenden und hermeneutischen Besinnung geisteswissenschaftlichen Studierens, das auf das manchmal zeitraubende Ausprobieren, Riskieren oder auch Verfehlen können ganz verschiedener Denk- und Umwege angewiesen ist. Der durch den so genannten „Workload“ für Studierende vorgeschriebene Zeittakt, die dauerhafte Konfrontation mit Prüfungsanforderungen sowie der damit verbundene Zwang zur effizienten Gestaltung der gesamten Studienzeit raubt die Lust am Überflüssigen, von der man oft nicht genau weiß, wo sie hinführen soll, die für das geisteswissenschaftliche Studium aber ein unverzichtbares Element darstellt. Die Festlegung von Zahlen zu studierender Seiten bei vorgeschriebenen Texten in kreditpunktfixierten Modulen setzt dem Ganzen dann die Spitze auf, weil dadurch jede selbständige studentische Neugier erstickt wird und durch die damit an der persönlichen Bildung vollzogene Taylorisierung eben jener Bildung der endgütige Garaus gemacht wird.

Auch in der Forschung sieht es nicht viel anders aus. Ein an das kollektive „Stückwerk“ naturwissenschaftlicher Forschung angepasstes Modell stellt individuell forschende „Einzelexzellenz“, wie sie in den Geisteswissenschaften nach wie vor vorherrschend ist, generell in Frage und erhebt die in kollektiven Netzwerken fungierenden Forschenden zum Ideal.

Kurzer tabellarischer Lebenslauf

Ausbildung und Beruf

8.2.1951 Geb. in Bielefeld
1967-1971 Handwerksausbildung bei den Stadtwerken in Bielefeld.
1973

Abitur am Westfalenkolleg Bielefeld.

1974-1980

Studium der Biologie, Philosophie und Soziologie an der Universität Bielefeld.

1980 1. Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien in Biologie und Philosophie an der Universität Bielefeld.
1981-1982 DAAD-Stipendiat an der University of California in San Diego und Santa Cruz.
07/1984 Promotion zum Dr. rer. nat.
01/1985 2. Staatsexamen für das Lehramt der Sekundarstufe II in Bremen.
1985-2001 Studien- und Studierendenberater an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und der Fachhochschule Oldenburg
1986-1996 Lehrbeauftragter für Philosophie in Oldenburg.
1991-1993 Forschungsstipendium „Naturphilosophie“ im Rahmen des VW-Vorabprogramms zur Förderung der Geisteswissenschaften.
1996-2005

Lehrbeauftragter für Philosophie an der Kath. Fachhochschule in Vechta.

1996-2016 Geschäftsführung der Karl Jaspers Vorlesungen zu Fragen der Zeit am Institut für Philosophie der Universität Oldenburg
07/2000 Habilitation zum Dr. phil. habil. mit dem Erwerb der venia legendi für „Philosophie“ an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg.
11/01-10/06 Projektleitung Studium fundamentale.
05/2006 Ernennung zum außerplanmäßigen Professor für Philosophie.
2006-2016 Vertretung der Professur für Fachdidaktik der Philosophie und Werte & Normen ad personam.
11/2006 25-jähriges Dienstjubiläum.
02-07/08 Organisation und wissenschaftliche Leitung des Jaspers-Jahres 2008.
2009-2011

Mitglied des Senats der Universität Oldenburg.

2010-2019 Mitglied des DFG Graduiertenkollegs „Selbst-Bildungen. Praktiken der Subjektivierung in interdisziplinärer und historischer Perspektive“.
2012-2019 Mitherausgeber einer 35bändigen Karl Jaspers Gesamtausgabe (KJG).
2012-2019

Berufung in die Synode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Oldenburg.

2013-2015 Mitglied des Senats der Universität Oldenburg.
11/2013 Preis der Lehre für das Sokratische Gespräch.
2014-2016

Direktor des Didaktischen Zentrums (DiZ).

1/2015 Wahl zum Arbeitsstellenleiter der Kommission „Jaspers Edition“ der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen.
2015-2018 Mitglied des VW-Nachhaltigkeitsprojekts „Reflexive Responsibilisierung. Verantwortung für nachhaltige Entwicklung.
7/2016 Ausscheiden aus dem Hochschuldienst.
1/2017 Wahl zum Präsidenten der IAJS (International Association of Jaspers Societies).

 

Literaturauswahl

Naturwissenschaftshermeneutik. Eine Philosophie der Endlichkeit in historischer, systematischer und angewandter Hinsicht. Würzburg 2004.

Wozu noch Metaphysik? Philosophieren im Spannungsfeld von Konstruktion und Destruktion. In: Allgemeine Zeitschrift für Philosophie (AZP), Jahrgang 30, Heft 3, 2005, S. 253-269.

Schellings Naturphilosophie und organische Konzeption der Naturwissenschaften - Bruch oder Kontinuität? In: Klaus Brinkmann (Ed.): Critical Concepts: German Idealism. Volume Four: New Horizons and the Legacy of German Idealism, Routledge GB 2007, pp. 3-23.

Zukunft ermöglichen. Denkanstöße aus fünfzehn Jahren Karl Jaspers Vorlesungen zu Fragen der Zeit. Zu Ehren des Initiators Rudolf zur Lippe, Hrsg., Würzburg 2008.

Wahrheit ist, was uns verbindet. Karl Jaspers Kunst zu Philosophieren. Internationales Jaspers-Jahr anlässlich des 125igsten Geburtstages von Karl Jaspers, Göttingen (zusammen mit Giandomenico Bonanni und Matthias Bormuth), Göttingen 2009.

Naturphilosophische Fragen an die Lebenswissenschaften. In: Myriam Gerhard/Christine Zunke (Hrsg.): „Wir müssen die Wissenschaft wieder menschlicher machen.“ Aspekte und Perspektiven der Naturphilosophie, Kassel 2010, S. 183-201.

Karl Jaspers. Grundbegriffe seines Denkens, Reinbek 2011 (zusammen mit Hamid Reza Yousefi, Werner Schüßler und Ulrich Diehl).

Faith, Science, and Philosophy. In: Helmut Wautischer, Alan M. Olson and Gregory J. Walters (Ed.): Philosophical Faith and the Future of Humanity, Dordrecht, Heidelberg, London, New York, 2012 p. 165-178.

Der Wahrnehmungsglaube und Probleme der Sichtbarmachung von Praktiken im Anschluß an Merleau-Ponty. In: Selbst-Bildungen. Praktiken der Subjektivierung in historischer und interdisziplinärer Perspektive, Bielefeld 2013, S. 351-373.

Wider den Methodenzwang: Erfahrung, Praktiken und Beobachtung. In: Allgemeine Zeitschrift für Philosophie (AZP), Jahrgang 39, Heft 1, 2014, S. 71-86.

Subjektivierung durch oder als Erfahrung? In: Thomas Alkemeyer, Volker Schürmann, Jörg Volbers (Hrsg.): Praxis denken. Konzepte und Kritik, Wiesbaden 2015, S. 215-234.

Philosophieren mit Kindern als pädagogische Grundhaltung und Unterrichtsprinzip. In: Bettina Uhlig/Ludwig Duncker (Hrsg.): Fragen – Kritik – Perspektiven. Theoretische Grundlagen des Philosophierens mit Kindern, München 2016, S. 79-91.

Eine Kritik der verspielten Urteilskraft. Über die Dialektik von Verbessern (Gewissheit) und Verstehen (Ungewissheit). (Abschiedsvorlesung), Oldenburger Universitätsreden 209, Oldenburg 2017.

Wissen und Glauben. Reflexionen über den wissenschaftlich-technischen Zeitgeist und Jaspers’ philosophischen Glauben. In: Jaspers-Jahrbuch, Bd. 29, 2017, S. 91-101.

Situierte Freiheit bei Honneth, Foucault und Jaspers. In: Karl-Heinz Breier/Alexander Gantschow (Hrsg.): Vom Ethos der Freiheit zur Ordnung der Freiheit. Staatlichkeit bei Karl Jaspers, Baden-Baden 2017, S. 31-40.

Praktiken des Verstehens und Weltanschauungsanalyse. In: Stefania Achella/Jann E. Schlimme (Hg.): Karl Jaspers e la molteplicità delle visioni del mondo, diszipline Filosofiche XXVII, numeor 1, Macerata: Quodlibet, 2017, S. 159-174.

Ist Glück lehrbar? In: Ulrike Graf/Susanne Klinger/Reinhold Mokrosch/Arnim Regenbogen/Sonja Strube (Hg.): Werte leben lernen. Gerechtigkeit – Frieden – Glück. Werte-Bildung interdisziplinär, Bd. 5, Göttingen 2017, S. 211-220.

Bildungstheorie und Kompetenzentwicklung. In: Norbert Jung/Heike Molitor/Astrid Schilling (Hrsg.): Was Menschen bildet. Bildungskritische Orientierungen für ein gutes Leben, Opladen, Berlin, Toronto 2018, S. 39-52.

Zur Sprache kommen. In: Bernhard Möller (Hrsg.): Geschichte der Pädagogik an der Universität Oldenburg in Autobiographien, Band 3, Oldenburg 2018, S. 190-213.

Praktiken der Normativität und Normativität der Praktiken. In: Alexander Max Bauer/Malte Ingo Meyerhofer (Hrsg.): Philosophie zwischen Sein und Sollen. Normative Theorie und empirische Forschung im Spannungsfeld, Berlin/Boston 2019, S. 139-158.

Zur Phänomenologie des Sehens. In: Susanne Gottuck/Irina Grünheid/Paul Mecheril/Jan Wolter (Hrsg.): Sehen lernen und verlernen: Perspektiven pädagogischer Professionalisierung, Wiesbaden 2019, S. 25-43.

Naturphilosophie. Ein Lehr- und Studienbuch, Tübingen 2020 (zusammen mit Thomas Kirchhoff, Nicole C. Karafyllis, Dirk Evers, Brigitte Falkenburg, Myriam Gerhard, Gerald Hartung, Jürgen Hübner, Kristian Köchy, Ulrich Krohs, Thomas Pothast, Otto Schäfer, Gegor Schiemann, Magnus Schlette, Frank Vogelsang), 2. Auflage.

Das Denken zum Tanzen bringen. Rede auf Rudolf zur Lippe. In: Matthias Bormuth (Hrsg.): Offener Horizont. Jahrbuch der Karl Jaspers-Gesellschaft 6, Göttingen 2020, S. 355-360.

 

Textausschnitt

„Fragen danach, wie es denn unter diesen Bedingungen zukünftig weitergehen solle, ob ein baldiges Ende der Pandemie absehbar sei oder nachhaltige Abmilderungen oder Auswege aus der Klimakrise gefunden werden können, sind dabei allgegenwärtig. Sie berühren nicht nur unser Fragen und Denken, sondern betreffen auch unmittelbar unser Leben und Verhalten, z.B. in Gestalt einer politisch verordneten Maskenpflicht, die eine allmähliche Aufhebung der überlebenswichtig gewordenen Quarantäne erlaubt und unseren zukünftigen Sorgen vor einer Ansteckung bei der Rückkehr in die soziale Gemeinschaft vorbeugen soll. „Die Existenzproblematik verbindet sich bei Heidegger mit der Zeitproblematik.“ (Marquard 2013, S. 201). Ja mehr noch, bei Heidegger erfährt die Zeit im Hinblick auf die Sorge eine besondere Aufmerksamkeit. „Die ursprüngliche Einheit der Sorgestruktur liegt in der Zeitlichkeit“ (Heidegger 1972, S. 327). Wobei diese existentiell gedachte Struktur der Sorge sich auf ein „Umwillen“ (Heidegger) richte, das noch gar nicht eingetreten sei, wovon unser gegenwärtiges Leben im Vorgriff auf die Zukunft aber schon in entschiedener Weise bestimmt sein könne. Diese Sorgestruktur kann auch auf die zukünftige Dynamik von Klimakrise und Pandemie, wie auch unsere existentiellen Entscheidungen, die wir angesichts der damit verbundenen Hoffnungen und Sorgen bereits heute zu treffen haben, bezogen werden. Die von Simmel postulierte immanente Transzendenz des Lebens, das „über sich selbst hinausgehen“ könne, greift Heidegger auf und leitet daraus einen Vorrang der Zukunft ab: „Das „vor“ und „vorweg“ zeigt die Zukunft an, als welche sie überhaupt erst ermöglicht, daß Dasein so sein kann, daß es ihm um sein Seinkönnen geht. Das in der Zukunft gründende Sichentwerfen auf das „Umwillen seiner selbst“ ist ein Wesenscharakter der Existenzialität. Ihr primärer Sinn ist die Zukunft.“ (Heidegger, ebd.).

Demgegenüber ist aber die traditionelle Philosophie zusammen mit der neuzeitlichen Wissenschaft vom Vorrang der Gegenwart beherrscht. Davon ist auch der wissenschaftliche Nachhaltigkeitsdiskurs bestimmt, solange er der existentiellen Dimension keine oder zu wenig Beachtung schenkt. Heideggers Existenzanalyse (er spricht von „Daseinsanalytik“), die hier nicht im Detail vorgestellt werden kann, kritisiert aber diese neuzeitliche Philosophie- und Wissenschaftstradition und ihre Gegenwartsvorstellung als jenem „Zeitmodus, der das, was ist, wesentlich auf das reduziert, was schlechthin in Reichweite ist. […] und eben dadurch (rechnend, planend, durchschauend) es seiner Verfügungsmacht als das Verfügbare unterwirft.“ (Marquard 2013, S. 219) Hierin ist unschwer der Herrschaftsanspruch der neuzeitlichen Naturwissenschaft zu erkennen, bei der „der Mensch als einer gefasst ist, der primär erkennt, genauer gesagt: einer, der anschaut, der der reinen Anschauung des reinen (gleichzeitig …“

(aus: Wieviel Gegenwart verträgt die Zukunft? 2020)

 

(Stand: 30.04.2021)