Stahmer

Stahmer, Klaus Hinrich

Ob ein Musikstück wert ist, komponiert, aufgeführt und gehört zu werden, entscheidet nicht irgendeine moderne oder interessant aussehende Schreibweise, sondern seine Botschaft an die Spieler und Hörer.

Im Rückwärtsgang in die Zukunft

Die wohl größte Fehleinschätzung des letzten Jahrhunderts war die Überbewertung der Dodekaphonie. Von Fortschrittsideologen seit dem Neuanfang 1945 als Speerspitze eingesetzt, führte das zu einem Denken, welches auf die Technologie des Ordnens von Tönen fokussiert war und den Vorgang des Aufführens von Musik zu einem Akt des Einhaltens und Beobachtens von Regeln machte. Festgeschrieben wurde ein vom Vorherrschaftsgebaren der westlichen Welt bestimmter Anspruch, wie er heute nicht mehr zu verantworten ist.

Im intensiven Erleben von Musik außereuropäischer Kulturen und durch das Studium hörphysiologischer Vorgänge habe ich aus diesem main stream-Denken einen befreienden Ausweg gefunden und in enger Zusammenarbeit mit Spielern von Instrumenten aus dem nahen und fernen Osten Schritt für Schritt eine allgemein verständliche Tonsprache entwickelt und Musik komponiert, wie sie meinem persönlichen Mitteilungsbedürfnis entspricht. Auch zur traditionellen Musik meines eigenen Kulturkreises habe ich ein neues Verhältnis gewonnen.

Komponieren heißt für mich jetzt Hören – hören – hören: Zunächst in der Vorstellung, um anschließend real zu erleben, wie die Klänge unter den Fingern der Spieler entstehen und sich im Raum entfalten. Beschenkt werden soll der Zuhörer, der sich ganz auf diese, seine Rolle des Zuhörens einlässt und gewissermaßen nebenbei „versteht“, was ich ihm mit meiner Musik „sagen“ möchte.

Tabellarischer Lebenslauf

1941 Geb. in Stettin; Kriegs und Fluchterlebnisse
1947 – 60 Schulzeit in Lüneburg; Instrumentalunterricht (Klavier, Cello)
1960 – 68 Musikstudium in Dartington (England), Hamburg und Kiel (Schulmusik, Musikwissenschaft, Musiktheorie); erste Veröffentlichungen eigener Kompositionen
1969 – 2004 Lehrtätigkeit (Professur seit 1977) an der Hochschule für Musik Würzburg; Nebentätigkeit als Musikjournalist für Hörfunk und Musikzeitschriften; div. Buchpublikationen; Gastdozenturen in Südafrika u. USA; Gründung und Leitung der „Tage der Neuen Musik“ (Würzburg); mehrfach Präsident der dt. Sektion der IGNM und Leitung der „Weltmusiktage“ (1987); kulturpolitische Arbeit in Gremien des Dt. Musikrats (u.a.) sowie im Tonkünstlerverband Bayern; Kompositionspreise (u.a. Tokyo 1984, Händelpreis Halle 2001, Taipeh 2006, Oldenburg 2017) und Auszeichnungen (u.a. Kulturpreis Würzburg 1994, Bundesverdienstkreuz)
Seit 2004 Tätig als Komponist sowie als Autor von Hörfunksendungen (Schwerpunkt: Weltmusik); gelegentliche Gastvorträge (u.a. Shanghai)

 

WERKE (AUSWAHL)

Ting Yin für Xiao, Cello und Klavier (2018)

Épitaphe für 8-stimmigen gemischten Chor (2017)

Inschrift der Vergänglichkeit für Klavier solo (2016)

Ming für Sheng, Akkordeon & Cello (2015)

Aschenglut für arab. Rahmentrommel und Klavier (2013)

Gerettete Blätter für Violine Solo (2013)

Taqasim für Qanun, Violine und Violoncello (2011)

Wu für Sheng, Klarinette und Violoncello (od. Viola) (2010)

Ning Shi für Sheng und Akkordeon (2007)

Pulip Sori für Violoncello, Kayagum und Changgo (2006)

There is no return für Flöte, 2 Schlagzeuger und Klavier (2005)

Silence is the only Music für Sheng und Guzheng (2004)

Tchaka für vier afrikanische Trommeln (2003)


Alle Kompositionen verlegt bei VERLAG NEUE MUSIK (Berlin); vgl. auch www.klaushinrichstahmer.de

(Stand: 09.06.2021)