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Dr. Steffen Hamborg

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Reiz der Nische – Zeit.Räume der Nachhaltigkeit

Call for Papers für die Abschlusstagung des Verbundprojekts „Transformation durch Gemeinschaft“ vom 18. bis 20. November 2021 an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

Die Nische hat ihren Reiz. Ob mit dem Duden wörtlich verstanden als „Vertiefung in einer Wand“ oder metaphorisch als „privater, gesellschaftlicher Rückzugsort; Bereich, der [trotz ungünstiger Umstände] relativ freie Entfaltung erlaubt“, beide Male geht es um die „kleine Erweiterung eines Raumes“. Ganz im Sinne der Wortherkunft von lateinisch nidus, dem Nest, hat dieser Raum Schutzqualität und -funktion. In der Nische, laut Wiktionary ein „kleiner, geschützter Bereich“, findet das seinen Platz und seine Zeit, was anderenfalls nicht gut oder gar nicht gedeihen könnte.

Schon begrifflich setzt sich die Nische damit von etwas anderem ab. Sie bildet einen eigenen Zeit.Raum, der Abkehr und Abgeschiedenheit vom großen Ganzen mit Möglichkeiten des Seins, des Aufblühens und schließlich auch der Entfaltung verbindet. Die Nische definiert sich damit als Potentialität, als ein zu bespielender Raum, der zur Anwesenheit einlädt, weil die Welt mit ihren Widrigkeiten und Zumutungen draußen und also abwesend ist. Der Begriff impliziert, dass ein solcher Ort der Geborgenheit mit Eigenzeit, an dem „die Uhren anders ticken“, existiert und als einzunehmender Freiraum nur durch den Rückzug ins Kleine, ins Randständige und Abseitige erschlossen werden kann.

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Im Kontext der Nachhaltigkeit hat die Nische Konjunktur. Zivilgesellschaftliche und sozialunternehmerische Initiativen wie Gemeinschaftsgärten, Repair-Cafés, Einrichtungen und Plattformen zum Car-, Food- und Toolsharing oder auch solidarische Landwirtschaft, Haus- und Dorfprojekte und Ökodörfer werden implizit oder explizit, z.B. vom Umweltbundesamt, als „Nischenaktivitäten“ begriffen, die mit „gutem Beispiel“ in eine bessere Zukunft vorangehen oder mögliche Wege dorthin erkunden. Sie treten an, modellhaft zu zeigen, dass und wie Gesellschaft auch anders gehen könnte. Die Nische erscheint damit als Zeit.Raum des Experimentierens und des Inkubierens gesamtgesellschaftlicher Innovation, d.h. als der historische wie räumlich verstandene Punkt, vom dem aus Neues entworfen, erprobt und als Reiz, als ein eingreifendes Moment in die Gesellschaft gesetzt werden kann.

Diese Hervorbringung der Nische als Reallabor ist gerade reizvoll für die, die nicht Nische sind, aber nach Lösungen suchen: etwa für Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Staatliche und nicht-staatliche Institutionen mobilisieren finanzielle und symbolische Ressourcen zur Erforschung und Unterstützung kleiner und kleinster Einheiten mit dem Ziel, herauszufinden und zu befördern, ob und wie das gegenwärtig noch Marginale tauglich sein könnte für den Mainstream von morgen. Unternehmen mobilisieren Risikokapital, schaffen oder fördern Inkubatoren und Gründungszentren, um die Innovationskraft der Nische zu wecken und verwertbar zu machen. Wissenschaftler mobilisieren ihre analytischen und publizistischen Kräfte, um die Bedingungen, Erscheinungsformen, Potenziale und Wirkungen klein(st)skaliger sozial-ökologischer Initiativen zu ergründen oder die Erforschung selbst zum Thema zu machen. Diese Zusammenhänge, mitunter Abhängigkeiten, stellen die Frage nach dem Verhältnis von Nische und Rest, nach Entstehung und Aussagekraft der so eröffneten Differenz (nicht nur) innerhalb der Kosmologien von Nachhaltigkeit und gesellschaftlicher Transformation.

Auch unter umgekehrten Vorzeichen reizt die Nische und fordert heraus. Sie kann als ein Zeit.Raum des (chronisch) Abseitigen, des Rückzugs, der Kapitulation vor der Welt gefasst werden und so als Selbstzweck, als (politisches) Feigenblatt, eben als weltfremd in Erscheinung treten. Was in der Nische probiert wird, sei im großen Stil nicht umsetzbar und daher lediglich von geringer gesamtgesellschaftlicher Relevanz. Das Private gebe sich hier nur den Anschein des Politischen. Entschwunden in die überschaubare Nische, geschützt vor den rauen Winden der Welt, werde nichts weiter getan, als das Eigene kultiviert, während das Allgemeine brachliege. Sowohl an Politik, als auch an Medien und nicht zuletzt an die Wissenschaft lässt sich diese Kritik adressieren: Wer nur in die Nische schaut, dem entgeht der Rest. Wer die Aufmerksamkeit in die Nische (ab)lenkt, dem kann aus dieser Warte schnell die Führung eines leeren, weil folgenlosen Aktivitätsnachweises unterstellt werden, der wahlweise aus bloßem Kalkül, einer Tendenz zur Verzerrung oder, bestenfalls noch, schlichter Hilf- und Ahnungslosigkeit erwächst.

Ebenfalls bildet die Nische sich als Zeit.Raum der Zugehörigkeit aus. So verstanden ist sie der Ort und eine Zeit, die das Zusammensein und Zusammenwachsen als Gemeinschaft erst erleb- und erfahrbar werden lassen. Überschaubarkeit ermöglicht Identifikation, Ruhe bringt Zeit für sich und andere, Geborgenheit lädt ein, sich zu öffnen. Wer sich in die Nische begibt, sich für sie einsetzt, wendet meist ganz erhebliche Energien und Ressourcen für eine, oft unentgeltliche, Tätigkeit auf. Mitunter verschreiben Menschen sich der Nische als ganze Person. Sie erleben die Nische als Möglichkeit der freien Entfaltung und echten Begegnung, eben als einen Freiraum jenseits des Mainstreams oder gar gegen ihn.

Umgekehrt kann die Nische als Zeit.Raum der Exklusion erfasst und erfahren werden, als Ort der bewussten oder unbewussten Ausgrenzung derer, die nicht hineinpassen. Sei es, weil sie nicht über die gefragten Ressourcen verfügen, nicht den stimmigen Stil an den Tag legen oder nicht die richtigen Ziele verfolgen. So gesehen formiert sich die Nische auch als eine Enge, die keinen Platz für Vielfalt und Widerspruch lässt, weil alle in ihrem Anderssein einander doch gleichen müssen.

Die Nische selbst scheint überdies die Tendenz zu haben, sich ein anderes Plätzchen zu suchen, sobald sie zur Frei- und Projektionsfläche für alle wird. Die Nische ist in diesem Sinne ein für die Allgemeinheit unverfügbarer Zeit.Raum, der jedem offensteht, aber seinen Charakter als geschützter Bereich verliert, sobald er in den Blick der Öffentlichkeit gerät.

Nicht zuletzt ist die Deklarierung von etwas als Nische auch dazu geeignet, als Reizwort in der gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Debatte verwendet zu werden. Gerade im Kontext der Nachhaltigkeit scheint die Diskussion mitunter gereizt und es umso reizvoller, weiter Stimmung zu machen und das Trennende zu betonen.

Um diesen und anderen Perspektiven auf den Reiz der Nische nachzugehen, laden wir dazu ein, die Nische aus unterschiedlichen Fachrichtungen zu betrachten und dabei ein besonderes Augenmerk auf ihre zeitliche und räumliche Verfasstheit zu legen, sie also spezifisch als Zeit.Raum der Nachhaltigkeit zu begreifen. Mögliche Ausgangspunkte und Fragerichtungen könnten dabei die folgenden sein:

Anreize: Individuelle Motivationen für das Engagement in der Nische

  • Worin liegt der Reiz, sich in einer Nische zu engagieren? Was hofft man in der Nische zu finden? Warum sucht man es gerade dort und nicht anderswo?
  • Welches transformative Potential, welche Wirkungen schreiben die Teilnehmenden und die Forschenden den Initiativen und dem Engagement darin zu?
  • An welche (sozialen, zeitlichen, räumlichen) Voraussetzungen ist das Engagement in einer lokalen Initiative geknüpft?

Reizvolle Aussicht: Kollektive Selbstentwürfe und gesellschaftliche Projektionen der Nische

  • Worin liegt der politische, unternehmerische und wissenschaftliche Reiz lokaler Nachhaltigkeitsprojekte und -initiativen und ihrem Verständnis als Nische? Welche alternativen Verständnisse und Etikettierungen sind denkbar oder lassen sich im Diskurs beobachten?
  • Welcher Narrative gesellschaftlichen Wandels bedienen sich diese Unternehmungen? Welche Vorstellungen und Entwürfe gesellschaftlicher Veränderung werden in ihnen und durch das (Sprach)Bild der Nische hervorgebracht? Welche Bedeutung hat dies für die gesellschaftlich-geschichtliche Gestalt des Politischen?
  • Welche Vorstellungen von Zeit, von Zukunft und Vergangenheit werden mit der Nische verbunden? Wie verhalten sich diese Vorstellungen zu anderen Zeitlichkeitsvorstellungen oder zu Zeitdiagnosen von Beschleunigung, Verdichtung oder zum Zeitverständnis der Moderne insgesamt?

Zeit.Räume der Differenz: Konstitutive Prozesse und Bedingungen der Nische:

  • Wie wird die Differenz zwischen Nische und Rest der Welt erzeugt? Welche Rolle spielen die Kategorien Zeit und Raum bei der Erzeugung der Differenz? Inwiefern lassen sich Verbindungen ziehen zu anderen Formen räumlicher und zeitlicher Abgeschiedenheit und Entrückung, z.B. zu idyllischen Ideal- und utopischen Nicht-Orten, zu Vorstellungen eines vergangenen, goldenen Zeitalters?
  • Wie werden kleinskalige Initiativen als Räume lokal erfahrbarer Veränderungsbemühungen hervorgebracht? Welche Rolle spielt dabei die materiale Gestalt des konkreten Ortes, z.B. von Haus, Hof, Garten, Dorf und Stadt, und seiner Zeit?
  • Inwiefern lassen sich Kontinuitäten und Brüche, Ähnlichkeiten und Unterschiede zu historischen Phänomenen erkennen, z.B. der Romantik, der Landkommunebewegung, der Lebensreform, der New-Age-Bewegung, den alternativen Milieus der 1970er und 80er Jahre?

Forschen in der, an der und durch die Nische

  • Inwiefern ermöglicht die Figur der Nische bestimmte Formen sozialwissenschaftlicher Empirie und Theoriebildung? Inwiefern können Nischen Räume für neue, vielleicht interdisziplinäre Perspektiven eröffnen? Inwiefern verschließen sie andere?
  • Inwiefern ist die Erforschung lokaler Projekte und Initiativen als gesellschaftliche Nischen an der Hervorbringung des Phänomens oder der Verhinderung seines Potenzials beteiligt?
  • Welche besonderen Herausforderungen gehen mit der Erforschung reizvoller, aufgeladener, umkämpfter Gegenstände und Phänomene einher? Was sind die jeweiligen Ambivalenzen einer Forschung über, mit, an, in, gegen, aus, durch oder für die Nische?

Wir freuen uns über die Einreichung von Abstracts mit maximal 2.500 Zeichen (inkl. Leerzeichen) bis zum 30. April 2021 an . Wir planen die Veranstaltung als Hybridformat mit Präsenz- und Onlineelementen. Die Möglichkeit der reinen Onlineteilnahme wird in jedem Fall gegeben sein.

Wir freuen uns auf Ihre Beiträge!

Mit besten Grüßen

Dr. Steffen Hamborg, Dr. Johanna Rakebrand, Dr. Jędrzej Sulmowski, Juliane Friedrich, Lena Schmeiduch und Jonas Schulz (Organisationsteam)

Professores Thomas Alkemeyer, Stephanie Birkner, Thomas Etzemüller, Karsten Müller und Thorsten Raabe (Projektleitung)

(Stand: 30.04.2021)