Kontakt

Fallstudie „French Prizes”:

Lisa Magnin

Daniel Fleisch

Fallstudien allgemein / Kontext:

Dr. Lucas Haasis

Prize-Papers-Portal:

Christina Beckers

Mehr zum Thema

Fotohinweis

Für sämtliche Aufnahmen von The National Archives gilt: Images reproduced by permission of The National Archives, London, England

Notorischer Feind zur See: Frankreich

Notorischer Feind zur See: Frankreich

Es ging um die Frage, ob Maria-Theresia die rechtmäßige Thronfolgerin sei. Daran entzündete sich 1740 ein Krieg, der auch auf See ausgetragen wurde – und zwar quasi weltweit. In einer Fallstudie legt das Prize-Papers-Projekt den Fokus auf gekaperte Schiffe der damaligen Kolonialmacht Frankreich.

An Land kämpften die Häuser Habsburg und Hannover, Großbritannien und die Niederlande gegen Preußen, Bayern, Frankreich und Spanien im Österreichischen Erbfolgekrieg – auf den Weltmeeren hingegen trugen vor allem die großen Kolonialmächte Frankreich und Großbritannien ab 1744 den Konflikt aus, bis die Habsburgerin Maria Theresia 1748 als Kaiserin bestätigt wurde. „Bei den damaligen Seekriegen ging es um die Vorherrschaft auf den Meeren – in den europäischen Gewässern wie auch in Übersee“, so Lisa Magnin. Die Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Prize-Papers-Projekt erfasste gemeinsam mit ihrem Kollegen Daniel Fleisch federführend die nun erstmals im Projektportal veröffentlichten Dokumente.

Das Kapern von Schiffen verfeindeter Mächte galt als legitimes Mittel der Kriegsführung – dass ein Gutteil der in den Prize-Papers-Beständen im Londoner Nationalarchiv lagernden Dokumente von französischen Schiffen stammt, kommt angesichts dieser ausgeprägten Rivalität nicht von ungefähr. Allein während der vier Jahre, in denen beide Seiten während des Österreichischen Erbfolgekriegs auf See gegeneinander kämpften, erbeuteten französische Kaperer 3238 britische Schiffe – und beklagten ihrerseits den Verlust von 3434 Schiffen an britische Kaperfahrer.

Von Letzteren stehen zehn im Mittelpunkt der Fallstudie, die das Projektteam nun veröffentlicht hat und die drei der Schiffe im Detail vorstellt, inklusive einigen Transkriptionen von Originalquellen. Da diese Kaperungen zu denjenigen zählten, über deren Rechtmäßigkeit beide Seiten vor der britischen Admiralitätsgerichtsbarkeit stritten, sind diverse Dokumente von Bord – die damals als Beweismittel dienten – bis heute erhalten.

Ob ein beinahe 200 Jahre altes Mathematikbuch, mit dem ein Kapitän aus Bordeaux sich in Textaufgaben, Grundlagen der Buchführung und dem Berechnen von Wechselkursen übte; ob der Beschwerdebrief eines Plantagenbesitzers aus Martinique, der sich in seiner Freiheit beschnitten sieht, da er beim Umzug ins damalige Nouvelle Orléans (das heutige New Orleans) die versklavten Menschen in seinem Besitz nicht mitnehmen dürfe; oder ob der Liebesbrief, der damals von Bayonne aus auf die Reise über den Atlantik ging mit der Zeichnung eines von Pfeilen durchbohrten Herzens: Die Bandbreite der Dokumente, die nun erstmals online veröffentlicht sind, ist groß.

„Die Fallstudie gibt einen guten ersten Überblick über die unterschiedlichen Dokumenttypen, die sich früher auf Schiffen befanden – und lädt zu weiterer Forschung ein“, sagt Daniel Fleisch. Es gebe viele Möglichkeiten, zu den Schiffen im Projektportal zu recherchieren. So beleuchten die Gerichtsprotokolle und Schiffspapiere etwa den Krieg zur See und seine Folgen, Rechtspraxis und Diplomatie Mitte des 18. Jahrhunderts. Auch bieten sie Einblick in französische Häfen und den weltweiten Handel etwa mit Werkzeugen oder Strohhüten, Orangenblütenwasser oder Elfenbein. Briefe von Handeltreibenden, Matrosen, zwischen Eheleuten, Geschäftspartnern oder Freunden behandelten eine enorme Bandbreite an Themen – so ermöglichen sie neue Perspektiven auch auf die französische Geschichte.

Im Laufe des Jahres sind weitere Fallstudien geplant – beispielsweise eine zu Schiffen, die zwar unter neutraler Flagge segelten, aber dennoch einer Kaperung nicht entgingen.

(Stand: 08.06.2022)