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Ringvorlesung Philosophie

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Sprechzeiten:
Mo-Do 10-12 Uhr u. Do 14-17 Uhr
sowie n.V.

Raum: V02 0-015/-016

Wissenschaftliche Koordination

Prof. Dr. Matthias Bormuth
Heisenberg-Professur für Vergleichende Ideengeschichte, Institut für Philosophie der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

Karl Jaspers-Haus
Unter den Eichen 22
mattsbmvphiaskzsai.borndhmmuth(acat)uni-oldnoo1penbumz3ulrg.deuep50&nbubdhpsp; (matthi33as.bormuthfh3k@unchfqi-ob5721ldenbutxsm9rg.de)

Drei Fragen – und drei Antworten

Das Covid-19-Virus beeinträchtigt viele Lebensbereiche – und sorgt zugleich für kreative Lösungen. Expert_innen und Lehrende des Centers für lebenslanges Lernen berichten über die aktuelle Situation und schätzen Risiken sowie Chancen der künftigen Entwicklung ein.

Was bedeutet die Pandemie für unsere Freiheit und unsere Lebensführung?

1. Viele empfinden die derzeitige Pandemie als Grenzerfahrung. Haben wir es mit einer Grenzsituation im Karl Jasperschen Sinne zu tun?

Bormuth: Den Begriff der "Grenzsituation" entwickelte Jaspers 1917 in der Vorlesung "Psychologie der Weltanschauung" vor allem auch angesichts der außergewöhnlichen Realität von Tod und Leiden im Ersten Weltkrieg. Die technische und kulturelle Ohnmacht der modernen Zivilisation stand allen vor Augen. Später lehrte Jaspers in der "Philosophie", dass man sich wissenschaftlich-rational soweit als möglich orientieren solle, aber philosophisch immer auch die Irrationalität des Lebens bedenken, um in der drohenden Sinnlosigkeit, deren stärkster Ausdruck die Nähe des Todes war, eine lebenstragende Haltung entwickeln zu können. Diese Aufgabe eines kühlen Handelns und nüchternen Nachdenkens über die Unmöglichkeit, Ohnmachtserfahrungen auszuschalten, kann man an Jaspers neu entdecken, der "Leben als Grenzsituation" verstand. Seine Briefe geben davon beredt bis in die 1960er Jahre Ausdruck.

2. Staatlich verordneter Shutdown und bürgerliche Freiheit: (wie) passt das zusammen?

Bormuth: Die Pandemie erlaubt gesetzlich und erfordert politisch staatliches Handeln, das in Verbindung mit medizinischen Institutionen Grundrechte zweitweise einschränken kann, um die Ausbreitung dieser "Seuche" zu verhindern. Natürlich kann der medizinische Grund in besonderen Konstellationen, man denke an Ungarn, als Feigenblatt genutzt werden, um die grundsätzliche Absicht weiter umzusetzen, die individuellen Freiheiten soweit einzuschränken, dass sich gegenüber staatlicher Machtpolitik kein Widerstand aufbauen kann. Deshalb muß in einem demokratischen Staat der medizinische Diskurs gepflegt werden, um die widerstreitenden Expertenmeinungen ins Gespräch zu bringen, welche Maßnahmen wirklich notwendig sind, um die Ausbreitung des Virus sinnvoll zu verlangsamen. Nur so kann vermieden werden, dass die Freiheitsrechte unnötig eingeschränkt werden. Der politisch-philosophische Diskurs über die Grenzen ihrer Einschränkung ist als Schärfung des Bewusstseins wichtig, damit nicht nach der Krise die beständige Überwachung als Standard gilt, so wie es in China droht. Man muß abwägen zwischen dem Wunsch, neuen Epi- oder Pandemien vorzubeugen, und der Sorge, Freiheit und Privatheit der Individuen zu erhalten und zu schützen. Von dieser Voraussetzung her kann es sein, dass in demokratischen Gesellschaften weniger Vorbeugung betrieben wird als in Gesellschaften, in denen dieser Anspruch bislang weniger oder gar nicht entwickelt ist. Es kann zum Konflikt zwischen Werten der Gesundheit und der Freiheit kommen.

3. Was können wir aus der Krise mit Blick auf die Lebenkunst lernen?

Bormuth: Mir schiene "Lebensführung" als Begriff nüchterner als "Lebenskunst", da darin die schlichte Notwendigkeit stärker zum Ausdruck kommt, sich selbst aktiv wertend verhalten zu müssen und zu können. Deshalb kann eine Krise durch die erzwungene Isolation herausfordern, im möglichen Nachdenken vorerst Abstand von der Lage zu gewinnen, auch indem man über verschiedene Medien sich vergegenwärtigt, wie Menschen in früheren Epidemien sich verhalten haben. Zweifelsohne haben Menschen einen gewissen Vorteil, die über die Kulturtechnik des Lesens, Hörens und Sehens ihre Fähigkeit geübt haben, sich andere Menschen mit ihren Meinungen und Erfahrungen über geschriebene und gesprochene Texte und Gespräche wie auch filmische Medien zu vergegenwärtigen. Karl Jaspers und Hannah Arendt sprachen vom "Geisterreich", mit und in dem man im direkten, aber auch indirekten medialen Austausch über Zeiten und Räume hinweg kommunizieren könne. Als Arendt nach der Katastrophe des Weltkrieges das briefliche Gespräch mit ihrem Lehrer Jaspers wieder aufnahm, war es diese Qualität einer "existentiellen Kommunikation", die in aller Isolation nach dem "Zivilisationsbruch" ihr half. Heute ist unsere Situation eine ganz andere, aber unsere Lebensführung bedarf ebenso noch des Austausches mit anderen, um in den prekären Verhältnissen als Person – innerlich und äußerlich – bestehen zu können.

Ringvorlesung Philosophie

Die Ringvorlesung Philosophie ist eine Kooperation zwischen dem Institut für Philosophie und dem C3L – Center für lebenslanges Lernen der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg mit der Karl Jaspers-Gesellschaft.

Ringvorlesung Philosophie im Wintersemester 2020/21:

Schreiben im Exil. Heine und die Folgen

Ausgehend von dem berühmtesten deutschen Exilanten deutscher Sprache sollen weitere deutsche und europäische Schreibende zur Sprache kommen, deren Personen und Werke seinem Schicksal und Geist folgten. Historisch sollen in Gesprächen mit Autoren und Autorinnen Zentren des deutschsprachigen Exils nach 1933 erkundet werden. Lion Feuchtwanger in Kalifornien, Hannah Arendt in New York, Ernst Toller und Joseph Roth im Querido-Verlag in Amsterdam und Else Lasker Schüler in Jerusalem. Zudem sollen heutige Stimmen vernehmbar werden, die als Exilanten in Deutschland leben und schreiben, sei es, dass ihre Werke oder jene exilierter Klassiker ihrer Heimat ins Gespräch kommen. Die Gespräche und zugehörigen essayistischen Erkundungen wollen die äußeren Zwänge und inneren Freiheiten skizzieren, die mit dem Schreiben im Exil verknüpft sind. Literarische, philosophische und religiöse Traditionen sollen mit den politischen Umständen eines Lebens verknüpft werden.

Informationen zum Ablauf

Wie im vergangenen Sommersemester kann die Ringvorlesung Philosphie auch im Wintersemester 2020/21 leider nicht wie gewohnt als Präsenzveranstaltung stattfinden. Umso mehr freuen wir uns, dass wir Ihnen die Inhalte online zur Verfügung stellen können. In Verbindung mit dem Oldenburger Fernsehkanal Oeins werden wir die Form des philosophischen Gespräches erneut ins Zentrum stellen. Herr Prof. Dr. Matthias Bormuth begrüßt wöchentlich einen Gast im Studio des Senders, dessen Aufzeichnungen wir den angemeldeten Gasthörenden digital zur Verfügung stellen.

Zu den sechzig Minuten des Gesprächs, die jeweils über das Internet zugänglich sein werden, können die Hörer_innen der Ringvorlesung über Stud.IP anschließend noch Fragen an Matthias Bormuth stellen, die im Laufe des Zuschauens kamen. Prof. Bormuth wird dann versuchen, diese in einem kurzen Essay zur Sendung aufzugreifen, der einige Tage danach exklusiv für Sie im Dateiordner der Veranstaltung zugänglich sein wird. Wer sich auf das Gespräch vorbereiten möchte, kann ab dem Mittwoch der Vorwoche zudem einen thematisch zugehörigen Text des Gesprächspartners über Stud.IP herunterladen und lesen. Dies ist meist mit der Empfehlung eines zugehörigen Buches verbunden, das die CvO-Buchhandlung gerne liefert.

Literatur zur Ringvorlesung „Schreiben im Exil. Heine und die Folgen“

Die folgenden Bücher zur Erfahrung des Exils stehen in den Gesprächen der Ringvorlesung zur Diskussion. Anfangen werden wir am 19. Oktober mit dem jüngst erschienenen Buch „Jeder schreibt für sich allein“, in dem der freie Autor Anatol Regnier beeindruckend die Spannung beschreibt, die sich 1933 auftat, als viele Autoren ins Exil getrieben wurden aber andere „Schriftsteller im Nationalsozialismus“ sich der Diktatur anpassen, auswichen oder gar mit ihren Büchern unterstützten. Von dieser Binnenerfahrung ausgehend werden wir in den folgenden Wochen das weltweite Exil in Amsterdam, Paris, Jerusalem, Shanghai, New York und Kalifornien entlang der ausgesuchten Bücher und Autoren nachvollziehen, auch unter Umständen, die sich erst mit dem Eisernen Vorhang nach 1945 ergaben. Aktuelle Stimmen es künstlerischen Exils, die heute in Deutschland vernehmbar sind, werden, auch in englischer Sprache, zwischen den historischen Gesprächen eingestreut.

Eine endgültige Abfolge der Termine und Themen werde ich Ihnen zum Semesteranfang zugehen lassen können

  • Hannah Arendt: Sechs Essays. Die verborgene Tradition. Herausgegeben von Barbara Hahn u.a., Göttingen 2019.
  • Yassin Al-Haj Saleh: Freiheit: Heimat, Gefängnis, Exil und die Welt, Berlin 2020.
  • Bettina Baltschev: Hölle und Paradies. Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur, Berlin. 2016.
  • Artur Becker: Kosmopolen. Auf der Suche nach einem europäischen Zuhause, Frankfurt a.M. 2016.
  • Ulrich von Bülow: Papierarbeiter. Autoren und ihre Archive, Göttingen 2018. [Nelly Sachs und Stefan Zweig]
  • Joseph Brodsky: Brief in die Oase. Hundert Gedichte. Übersetzt und herausgegeben von Ralph Dutli, München. 2011.
  • Ralph Dutli: Dantes Gesänge. Gerät zum Einfangen der Zukunft. Ossip Mandelstams „Gespräch über Dante“, Göttingen 2017.
  • Heinrich Heine: „Das Märchen meines Lebens“: Poetische Selbstporträts. Herausgegeben von Christian Liedtke, Hamburg 2020
  • Abbas Khider: Deutsch für alle. Das endgültige Lehrbuch, München. 2019.
  • Ursula Krechel: Shanghai fern von wo, München 2010.
  • Ludwig Marcuse: Mein zwanzigstes Jahrhundert. Auf dem Weg zu einer Autobiographie, Zürich 2002.
  • Klaus Modick:  Sunset, München 2012 (Lion Feuchtwanger und Bertolt Brecht]
  • Katja Petrowskaja: Vielleicht Esther, Berlin 2015.
  • Joseph Roth: Pariser Nächte Feuilletons und Briefe.  Herausgegeben und mit einem Nachwort von Jan Bürger, München 2018
  • Anatol Regnier: Jeder schreibt für sich allein. Schriftsteller im Nationalsozialismus, München 2020.
  • Thomas Sparr: Orient im Grunewald. Das deutsch-jüdische Jerusalem, Berlin 2018.
  • Erdmut Wizisla: Benjamin und Brecht. Denken in Extremen, Berlin 2017.

 

Sie sehen: auch im digitalen Wintersemester 2020/21 lohnt sich die Einschreibung als Gasthörende_r: wir freuen uns auf Sie!

Zur Anmeldung gelangen Sie hier...

Terminplan

Mo 10:00 – 12:00 Uhr c.t.
Die Ringvorlesung findet ab dem 19. Oktober online statt. Die Gespräche können direkt über Stud.IP abgerufen werden bzw. werden per E-Mail versendet. Kurzfristige Änderungen sind möglich.

Die Termine folgen in Kürze...

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Webml84ast3lpwder (c3lgw-medzdsienq2@u23ol.duk3cejrjmw) (Stand: 29.09.2020)