Diskussionsbeitrag 02: zum Krieg in der Ukraine

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Diskussionsbeitrag 02: zum Krieg in der Ukraine

[1]Alles, was wir schreiben und sagen ist zu wenig, und vor allem werden wir in dem Moment, indem wir etwas Bestimmtes schreiben und sagen, etwas anders nicht schreiben und nicht sagen. Imperialistische Angriffskriege verurteilen wir, ohne jeden Zweifel, aber gleichzeitig wissen wir, dass wir nicht direkt in das Kriegsgeschehen involviert sind, keine Bombardements und Raketenangriffe erleiden müssen, genauso wenig wie das Elend in den von Putins Militärmacht eingekreisten Städten. Auch können wir solche Zeilen schreiben und hier veröffentlichen, ohne Zensur befürchten zu müssen und ohne Strafandrohung durch eine staatliche Obrigkeit.

Ich stehe am Rand, ich schaue zu, – und ich vermute zudem, dass die Wirksamkeit meiner Zeilen fast gegen Null geht.

Dennoch habe ich den Eindruck, dass wir nicht schweigen sollten.

Dies hat auch fachliche Gründe. Wir befassen uns als Erziehungswissenschaftler*in­nen und Sozialpädagog*innen mit Rassismen (und Nationalismen). Und gerade für Ansätze in Handlungsfeldern von Bildung, Pädagogik und Sozialer Arbeit halten wir es für wichtig, deutlich zu machen, dass jeweils nicht nur beansprucht werden sollte, gegen eine einzelne Form des Rassismus (oder Nationalismus) zu arbeiten, sondern ganz grundsätzlich gegen Rassismen (und Nationalismen) überhaupt, genauso wie gegen weitere Systeme der Unterdrückung, Besonderung, Diskriminierung, Ausbeutung, Verfolgung und Vernichtung.

Ich möchte deshalb also den Faden unseres ersten Diskussionsbeitrages zum Krieg in der Ukraine nochmal aufgreifen: „Ein antirussischer Rassismus oder antirussische Ressentiments wären völlig fehl am Platz: Es ist das Regime Putins und sein Machtapparat, die diesen Krieg geplant und vorbereitet haben und jetzt durchführen, es sind nicht die Russen!“[2] Es ist absurd, wenn Menschen in Deutschland, die selbst oder deren Eltern oder Großeltern aus Russland eingewandert sind, mit Verdächtigungen, Anfeindungen und Angriffen rechnen müssen; und es wird noch absurder, wenn dabei Menschen zur Zielscheibe werden, die selbst gegen diesen Krieg sind und dies auch deutlich machen. Der Mechanismus der Dichotomisierung, mit dem auf beiden Seiten einer Trennlinie die Imagination homogener Gruppen erzeugt wird, ist hoch problematisch, in Zeiten von Krieg und Krise aber leider besonders beliebt. Dagegen müssen wir uns wenden, überall, auch im Alltag, auch in den scheinbar so kleinen ‚Verhältnissen‘ unseres Lebens.

Zugleich muss uns auffallen, dass Putins Kriegsbegründung, sich gegen eine angeblich bedrohliche „Nazi-Junta“ in der Ukraine wehren zu müssen, nicht nur völlig unangemessen angesichts der politischen Verhältnisse in der Ukraine ist, sondern auch eine völlige Verharmlosung dessen darstellt, was die nationalsozialistische Herrschaft zwischen 1933 und 1945 in Deutschland und den vom sog. Dritten Reich besetzten Gebieten eigentlich bedeutet hat.[3]

Allerdings sollten wir bei der notwendigen Kritik an dem Regime Putins und an seinem Machtapparat, das in einer jeweils spezifischen Weise sowohl für Menschen in der Ukraine als auch für Menschen in Russland viel Leid und Elend bedeutet, nicht völlig unkritisch werden gegenüber anderen Nationalismen und Rassismen, die sich aktuell zeigen.

Der ukranische Präsident Wolodymyr Selenskyi tritt – angesichts des mörderischen Angriffs aus Russland durchaus nachvollziehbar – mit politischen Äußerungen auf, die wir als defensiven Nationalismus bezeichnen könnten. Dabei verbindet er diese Anrufungen an sein ukrainisches Volk mit einer deutlich anderen Männlichkeitspräsentation, als dies Putin tut. Während dieser einen vereinnahmendem Rassismus und imperialem Nationalismus vertritt und mit einer Inszenierung autoritärer und herrschaftlich-distanzierter Männlichkeit verbindet, stellt sich die Koppelung von defensivem Nationalismus und Maskulinität bei Selenskyi eher als ein modernes Heroentum dar, so die Analyse der Historikerin Claudia Kraft in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung:

„Selenskij tritt ja nicht martialisch auf, sondern als guter Freund von der Straße, der mit seinem Volk spricht. Im Gegensatz zu einem vom Volk abgehobenen Putin, der eine ganz andere Maskulinität darstellt. (…) Die Posen der Verteidigung (bei Selenskij) sind dann in ihrer Wirkung umso effektiver. Es wird gezeigt: Die Männer in der Ukraine (…) haben eben nicht darauf gewartet, militärische, hypermaskuline Rollen zu spielen. Aber sie kommen durch den Überfall nun da rein.“[4]   

Defensiver Nationalismus und modernes Heldentum kommen in demokratischen Gesellschaften nicht nur gut an, sondern sind auch deutliche andere Formationen von Nationalismus und Männlichkeit, wobei das Gewebe ihrer Verbindungen mit aggressiv-imperialem Nationalismus und autoritär-distanzierter Männlichkeit immanent ist: Auch ein defensiver Nationalismus bleibt Nationalismus, und auch modernes Heroentum ist ein doing masculinity, das im Feld hegemonial-soldatischer Männlichkeiten angesiedelt ist und sich in Krieg und bewaffnetem Kampf artikuliert.

Zugleich versucht Selenski allerdings immer wieder, gerade in einer nicht vereinnahmend-assimilierenden Weise auf die enge Verbindung zwischen Russland und der Ukraine hinzuweisen, spricht die Soldaten der russischen Armee und die Mütter dieser Soldaten in Russland in russischer Sprache an, betont die Friedfertigkeit seiner Politik und die Sinnlosigkeit des Krieges – all dies bei gleichzeitiger Verteidigung der demokratisch legitimierten Eigenständigkeit seines Landes.

Schauen wir uns den weiteren Verlauf des Interviews mit der Historikerin Claudia Kraft an:

„Natürlich erfolgt durch die Bewaffnung und die Mobilisierung der Soldaten eine unglaubliche Verschiebung des Bildes von Männern. Und während Frauen als Akteurinnen sehr gefordert sind, werden sie auch oft zum Opfer gemacht. Dieses Opfertum wird auch als propagandistisches Stilmittel benutzt, im Sinne der Forderung: ‚Wir müssen unsere Frauen schützen.‘ Die echten Verwerfungen aber entstehen eher in der Nachkriegszeit.“

SZ: „Inwiefern?“

Claudia Kraft: „Die Rückkehr der militarisierten Männer ins Zivilleben, das hat man nach dem Zweiten Weltkrieg gesehen, ist ein schwieriger Prozess. Vor allem bei unterlegenen Heeren. Da wurde dann auf Kosten der Frauen und der Familien die männliche Vorherrschaft im Frieden wiederhergestellt.“

SZ: „Eine geflüchtete Frau wird anders gesehen als ein geflüchteter Mann, richtig?“

Claudia Kraft: „Ja, das erleben wir im Moment ganz extrem. Die wahnsinnig große Hilfsbereitschaft in Polen zum Beispiel hat sicherlich viel damit zu tun, dass die Leute, die da kommen, vor allem Frauen, Kinder, alte Menschen sind.“

Im Interview verweist Claudia Kraft auf eine Re-Taditionalisierung von Geschlechterverhältnissen im Kontext von Krieg hin, betont aber auch, dass von den geflüchteten Frauen viel Mut, Selbstständigkeit und Verantwortungsübernahme gezeigt wird: „Man sieht Frauen, die etwas riskieren und sich um ihre Nächsten kümmern.“ Für die Zukunft, so ihre Einschätzung, ist die „heteronormative Rollenverteilung“ also nicht „grundsätzlich festgeklopft“. Zudem macht sie im Interview auch darauf aufmerksam, dass in der Ukraine Frauen viel erreicht haben und an vielen Stellen gleichberechtigte Positionen einnehmen. Und – so könnten wir ergänzen – sind viele von ihnen auch im Militär engagiert und nehmen aktiv an den Kämpfen teil.

Es fällt auf, dass Claudia Kraft im Interview nicht darauf eingeht, dass nicht nur Frauen, Ältere und Kinder fliehen, sondern es jungen Männern und Männern im mittleren Alter nicht erlaubt ist, es ihnen gleich zu tun. Man kann verstehen, weshalb der Staat Ukraine zu dieser Maßnahme greift. Ich selbst würde jedoch jedem Mann aus der Ukraine, der flüchtet, also – so Claudia Kraft – „etwas riskier(t)“, sich um seine Kinder und die alten Eltern kümmert und dabei seine Frau zurücklässt, da sie in der Ukraine eine wichtige Funktion in einer Behörde einnimmt oder gar Soldatin ist, mit größtem Respekt begegnen.

Über die „Rückkehr der militarisierten Männer“ und wie sich dies auf zukünftige Geschlechterverhältnisse nach dem Krieg in der Ukraine (und vielleicht auch in Russland) auswirkt, lässt sich kaum etwas sagen. Es gibt recht verschiedene Entwicklungen, die hier möglich sind. Zumal ist der Vergleich mit dem Zweiten Weltkrieg aus deutscher Perspektive problematisch: Zurück nach Deutschland kamen oft Männer, die in Krieg und Gefangenschaft traumatisiert waren, die zugleich aber tatsächlich den Nationalsozialismus und seine imperialen, rassistischen und antisemitischen Vorstellungen und Praktiken vertreten hatten. Das jeweilige doing masculinity ist eben gleichzeitig – nach Intersektio­nalität fragend und darauf hinweisend – auch ein doing race und doing nation.

Gegen Ende des Interviews thematisiert Claudia Kraft dann die Frage von Flucht und Geschlechterverhältnissen nochmal auf eine andere Weise: Es geht um die Gründe der „großen(n) Hilfsbereitschaft in Polen“, um den Blick, der auf die Geflüchteten gerichtet wird. Sie formuliert vorsichtig: Die Hilfsbereitschaft hat „vielleicht auch damit (zu tun), dass es sich um Christen aus der Nachbarschaft handelt“. Ich würde hier – weniger vorsichtig – ergänzen: Vielleicht zeigt sich hier aber auch eine diskursive Sortierung zwischen akzeptablen Geflüchteten, die viele Polinnen und Polen als weiß, christlich und europäisch wahrnehmen, und nicht-akzeptablen Geflüchteten, die als nicht-weiß, islamisch und nicht-europäisch – kurz: als anders – gesehen werden.

Allerdings ist dies nicht die einzige Möglichkeit: Die große Solidarität mit Geflüchteten kann sich auch aus dem aktuellen Diskursfeld ergeben, in dem der Angriffskrieg auf den benachbarten Nationalstaat Ukraine eine große Rolle spielt, ein Nachbarland, dessen Existenz durch die atomar gerüstete Militärmacht Russland bedroht ist, eine Macht, die auch die eigene Existenz als unabhängiges Land bedroht – und diese Drohung in der Geschichte schon mehrfach in die Tat umzusetzen suchte. Beide Diskursmuster können vermutlich getrennt voneinander ihre Wirkung entfalten, sie können sich gegenseitig aber auch ergänzen und stimulieren.

Die aktuelle Solidarität mit den Geflüchteten wird dabei kontrastiert mit einer Abwehr von Geflüchteten, die der als anders konstruierten Seite galt: Vor wenigen Wochen – zuerst im Herbst des letzten Jahres – hatten sich an der polnisch-belarussischen Grenze Schutzsuchende aus Irak, Syrien und Afghanistan versammelt, die zuerst nach Polen und dann weiter in andere europäische Länder wollten. Der belarussische Machthaber Lukaschenko versuchte so, Geflüchtete in einem zynischen politischen Spiel zu instrumentalisieren und als ‚Drohung‘ gegenüber Europa einzusetzen. Und in Polen wurde auch prompt mit drastischen Abwehrmaßnahmen reagiert und wurden neue Grenzzäune und Absperrungen mit Stacheldraht errichtet. Übrigens kommentierten in Deutschland einige Massenmedien diese Ereignisse mit Schlagzeilen, die (in gewohnt martialischer Weise) deutlich machen wollten, dass es hier um die EU-Außengrenze geht: „Flüchtlinge Belarus: Neuer Ansturm auf Europa“ (Bild, 15-11-2021) und „Schlacht an der EU-Außengrenze“ (Bild, 17-11-2021)[5] Leider stecken diese (offenbar nicht-akzeptablen) Geflüchteten auch heute noch – während sich in Polen und in Europa eine massive neue Hilfsbereitschaft für (akzeptable) Geflüchteten zeigt – an der Grenze zwischen Polen und Belarus fest.

Um es deutlich zu sagen: Wir begrüßen eine Hilfsbereitschaft und Solidarität mit Geflüchteten aus der Ukraine, aus Russland und aus vielen anderen Ländern mehr (Afghanistan, Syrien, Irak, usw.). Und wir hoffen, dass diese sich europaweit verbreitet und auch nachhaltiger sein wird. Allerdings halten wir die beschriebene Sortierung zwischen akzeptablen und nicht-akzeptablen Geflüchteten für äußerst problematisch. Im Jahr 2015 haben wir in Deutschland – also im Sommer der Barmherzigkeit, wie ihn unser Kollege Paul Mecheril bezeichnet hat – eine sehr breite und umfassendere und deutlich weniger sortierende Hilfsbereitschaft erlebt. Vielleicht können wir daran anknüpfen. Jener Hilfsbereitschaft – auch dies haben wir leider erlebt – wurde allerdings rasch und massiv entgegengearbeitet. Parteien, die von sich behaupten, die politische Mitte zu vertreten, waren hierbei nicht zimperlich: Geflüchtete wurden als „Asyltouristen“ bezeichnet, Migration als „Mutter aller Probleme“, die damalige Flüchtlingspolitik als „Herrschaft des Unrechts“, und es wurde angekündigt, sich „bis zur letzten Patrone“ gegen Zuwanderung in deutsche Sozialsysteme wehren zu wollen.[6]

Es gibt solche und ähnliche Rassismen und Politikformen also nicht nur in Polen, sondern eben auch in Deutschland und Europa insgesamt. Und wenn wir Berichte aus jüngster Zeit hören,

  • dass in der Ukraine „Menschen aus Afrika (…) beklagen, dass sie an der Grenze von der Ukraine zu Polen (…) länger aufgehalten werden als Menschen aus Europa“[7],
  • oder „Studierende aus Afrika (…) auf der Flucht aus der Ukraine behindert“ werden und in der Ukraine „massiver rassistischer Diskriminierung durch Sicherheitskräfte ausgesetzt“ sind[8],

dann bedrückt uns dies und erfüllt uns mit Sorge. Bedrückend ist es allerdings auch, dass wir uns leider allzu gut vorstellen können, dass dies in Deutschland und anderen Ländern Europas in ähnlichen Situationen in ähnlicher Weise stattfinden wird. Dies macht das Problem nicht kleiner, sondern eben umfassender, allgemeiner und damit noch schlimmer.

Hoffen wir, dass sich in der EU eine neue Politik gegenüber Geflüchteten durchsetzt und hier Einigkeit besteht. Und hoffen wir, dass dabei für alle Geflüchteten aus allen Ländern gilt, was die neue Bundesinnenministerin Nancy Faeser in Bezug auf die Flucht aus der Ukraine gesagt hat: Die Aufnahme von Flüchtlingen soll unabhängig von Herkunft und Nationalität gelten: „Wir wollen Leben retten. Das hängt nicht vom Pass ab.“[9]

 

Rudolf Leiprecht

 


[1] Ich bedanke mich bei Lucyna Darowska für wichtige Hinweise. Einige Fallstricke und Ungenauigkeiten konnte ich durch ihre kritische Durchsicht und Kommentierung bei der Formulierung des Textes vermeiden.

[3] Neben einer Mischung aus Massenmobilisierung und Massenunterdückung der ‚eigenen‘ Bevölkerung, die als ‚arische »Rasse«‘ konstruiert wurde, veranlasst der Nationalsozialismus an der Macht vor allem auch die mit größter menschlicher Kälte und systematisch-industrieller Routine betriebene umfassende Vernichtung von Jüdinnen und Juden, die grausamen Massenmorde an Sinti und Roma, politischen Gegner*innen, Menschen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen und Homosexuellen, die brutalen Angriffskriege in Europa, bei denen Millionen von Menschen getötet und verletzt wurden, usw. usw..

[4] „Männer zu den Waffen, Frauen zu den Kindern – Fördern bewaffnete Konflikte alte Geschlechterrollen?“ Ein Interview von Meredith Haas mit der Historikerin Claudia Kraft über Präsident Selenskijs Maskulinität, ukrainischen Feminismus und deutsche Vorurteile. Süddeutsche Zeitung vom 14-03-2022.

[6] Der Journalist Ronen Steinke hat diese Zitate von führenden CSU-Politikern in einem Kommentar für die Süddeutsche Zeitung gesammelt, in dem er darauf aufmerksam macht, dass  Rassismus, Stimmungsmache auf Kosten von Minderheiten und Abwertung des vermeintlich Fremden nicht nur bei Parteien festzustellen sind, die der Verfassungsschutz nun beobachten will und – nach einem entsprechenden Gerichtsurteil – auch darf (Süddeutsche Zeitung 09-03-2022.

[8] Frankfurter Rundschau vom 20-03-2022.

[9] Die Tageschau vom 06-03-2022.

(Stand: 20.04.2022)