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Lehrstuhlinhaber

Prof. Dr. Malte Rolf

Sekretariat

Ingrid Heuser

Angelika Koops  

Anschrift

Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg
Fakultät IV - Institut für Geschichte
Ammerländer Heerstr. 114-118
26129 Oldenburg

Russische Grenzlandnationalisten im Zarenreich

Forschungsprojekt

„Russen aller Reichsränder, vereinigt Euch!“*
Russische Grenzlandnationalisten im späten Zarenreich (1905-1914)

Seit der Revolution von 1905 erstarkte der russische Nationalismus als politische Kraft im Zarenreich. Zugleich gewannen Repräsentanten der okrainy, der Grenzgebiete des Russischen Reichs, zunehmend an Einfluss in den nationalistischen Kreisen in St. Petersburg. Unter anderem stellten sie einen überproportionalen Anteil der Abgeordneten rechter Parteien in der Staatsduma. Obwohl erste Lokalstudien zu diesen Grenzlandnationalisten vorliegen, ist eine Analyse ihrer Bedeutung für den hauptstädtischen politischen Betrieb in Russland vor 1914 ein Forschungsdesiderat.

Das Projekt, das von Philipp Schedl bearbeitet wird, nimmt daher die politische (Selbst-)Mobilisierung russischer Nationalisten aus den imperialen Randgebieten in den Blick. Es verfolgt den Aufstieg von Grenzlandnationalisten in den russischen Lokalgesellschaften, analysiert ihre Strategien zur translokalen Vernetzung und bestimmt ihren Einfluss in den politischen Foren in Petersburg.

Mit diesem Fokus beabsichtigt das Projekt, den Wandel des politischen Gefüges im Zarenreich in vier Dimensionen zu beschreiben. Erstens werden die Akteure lokaler Politisierung und ihre integral-nationalistischen Identitätsentwürfe beleuchtet. Anhand der Fallbeispiele Warschau und Chișinău werden Praktiken nationalistischer Gemeinschaftsbildung vor Ort identifiziert sowie ihre zentralen Protagonisten profiliert.

Zweitens geht das Projekt den Formen translokaler politischer Vernetzung und der Interessensvertretung in Entscheidungsgremien des imperialen Zentrums nach. Es untersucht, wie die Wortführer aus der Peripherie eine größere Grenzland-community herstellten, okraina-Themen zum Gegenstand hauptstädtischer Debatten machten und das Regierungshandeln beeinflussten.

Drittens fragt das Vorhaben, wie es den Grenzlandaktivisten gelang, die sich im engeren Sinne als „rechts“ verstehenden Institutionen und Meinungsforen in Petersburg zu dominieren. Denn ihre letztliche Hegemonie war noch 1905 keinesfalls ausgemacht: Der Aufstieg von okraina-Aktivsten in diesem heterogenen Milieu ist als spannungsreicher Prozess einer „Provinzialisierung“ zu beschreiben.

Viertens wirft das Projekt ein Schlaglicht auf die nationalistischen Reichsbilder und Semantiken, die den politischen Diskurs im späten Zarenreich insgesamt prägten. Wie gelang es den Grenzlandnationalisten zum Beispiel, eine Vorstellung der Peripherien als okraina im Kollektivsingular zu popularisieren und Begriffe wie „die russische Sache“ inhaltlich zu überformen und zu monopolisieren?

Ein solch mehrschichtiger Zugang erlaubt es, die Bedeutung von okraina-Debatten im Kontext einer zunehmenden Nationalisierung des Imperiums nach 1905 neu zu bestimmen. Die Analyse von Radikalisierungsdynamiken an den Reichsrändern sowie deren Auswirkungen auf hauptstädtische politische Foren versprechen zudem, über die Romanow-Dynastie hinaus Anregungen zum Verständnis von Zentrums-Peripherie-Beziehungen in komplexen Gefügen von Kolonial- und Großreichen zu geben.

* „Русские люди всех окраин, соединяйтесь!“ / „Russkie ljudi vsech okrain, soedinjajtes‘!“ in: Okrainy Rossii (1. September 1907), S. 1.

Veröffentlichungen im Rahmen dieses Projekts

Monographien und herausgegebene Schriften

Russian Rule in the Kingdom of Poland (1864–1915) [englische Übersetzung von Imperiale Herrschaft im Weichselland], Pittsburgh: University of Pittsburgh Press, in Vorbereitung, 2020.

Towards a new quality of statehood: Bureaucratization and state-building in empires and nation states before 1914“, zusammen mit Hannes Grandits und Pieter Judson, in: The Routledge History Handbook of Central and Eastern Europe in the Twentieth Century, Vol. 2: Statehood, herausgegeben von Sabina Ferhadbegovic, Joachim von Puttkamer und Włodzimierz Borodziej, London: Routledge, 2020. (https://www.routledge.com/The-Routledge-History-Handbook-of-Central-and-Eastern-Europe-in-the-Twentieth/Borodziej-Ferhadbegovic-Puttkamer/p/book/9781138301665)

Pol'skie zemli pod vlast'ju Peterburga. Ot Venskogo kongressa do Pervoj mirovoj vojny [Polen unter der Herrschaft der Zaren. Vom Wiener Kongress bis zum Ersten Weltkrieg], Moskau: Novoe literaturnoe obozrenie, in der Reihe Historia Rossica. Okrainy Rossijskoj imperii, 2020.

Rządy imperialne w Kraju Nadwiślańskim. Królestwo Polskie i cesarstwo rosyjskie (1864–1915), Warschau: Wydawnictwa Uniwersytetu Warszawskiego, 2016 (http://www.wuw.pl/product-pol-5999-Rzady-imperialne-w-Kraju-Nadwislanskim-Krolestwo-Polskie-i-cesarstwo-rosyjskie-1864-1915.html).

Untergangsszenarien und Zukunftsvisionen: Deutschland und Russland im Fin de Siècle, Themenheft Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, herausgegeben mit Peter Haslinger, 63:11 (2015).

Eliten im Vielvölkerreich: Imperiale Biographien in Russland und Österreich-Ungarn (1850-1918) / Elites and Empire: Imperial Biographies in Russia and Austria-Hungary (1850-1918), herausgegeben zusammen mit Tim Buchen, Berlin: De Gruyter, 2015 (http://www.degruyter.com/view/product/454997).

Imperiale Biographien, Themenheft Geschichte und Gesellschaft, 40:1 (2014), http://www.v-r.de/de/magazine_edition-0-0/geschichte_und_gesellschaft_2014_40_1-1010197/.

Imperiale Herrschaft im Weichselland: Das Königreich Polen im Russischen Imperium (1864-1915), München: Oldenbourg, in der Reihe Ordnungssysteme - Studien zur Ideengeschichte der Neuzeit, 2014, http://www.degruyter.com/view/product/247946. Nominiert vom polnischen Historikerverband (Polskie Towarzystwo Historyczne) für den Preis „Pro Historia Polonorum“ als bestes ausländisches Buch zur polnischen Geschichte der Jahre 2012-17

Grenzgänger in Vielvölkerreichen: Grenzziehungen und -überschreitungen in Russland und Österreich-Ungarn (1840-1918), herausgegeben zusammen mit Jörn Happel, Berlin: Metropol, 2011 (Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 59:5).

Aufsätze

„Činovniki v raz’ezdach. K voprosu o strukturach i dejstvijuščich licach imperskoj bjurokratii na zakate Rossijskoj imperii [Beamte und Mobilität. Zu Strukturen und Personen imperialer Bürokratie im späten Russischen Reich]“, in: Istoričeskij kur’er, Nr.1 (2018), S. 84-102.

„Between State-Building and Local Cooperation: Russian Rule in the Kingdom of Poland (1864–1915)“, in: Kritika. Explorations in Russian and Eurasian History, 19:2 (2018), S. 385-416.

„Kooperation im Konflikt? Die zarische Verwaltung im Königreich Polen zwischen Staatsausbau und gesellschaftlicher Aktivierung (1863-1914)“, in: Vom Vorrücken des Staates in die Fläche. Ein europäisches Phänomen des langen 19. Jahrhunderts, herausgegeben von Jörg Ganzenmüller und Tatjana Tönsmeyer, Köln: Böhlau, 2016, S. 35-64.

„Namiestnicy Królestwa Polskiego i generał-gubernatorzy warszawscy po powstaniu styczniowym (do 1914 roku)“ [Die kaiserlichen Statthalter und die Warschauer Generalgouverneure nach dem Januaraufstand von 1863 (bis 1914)], in: Wbrew królewskim aliansom. Rosja, Europa i polska walka o niepodległość w XIX wieku, herausgegeben von Łukasz Adamski und Sławomir Dębski, Warschau 2016, S. 355-391.

„Die Revolution von 1905 und der Wandel der Nationsbilder im Russischen Reich“, in: Revolution, Krieg und die Geburt von Staat und Nation. Staatsbildung in Europa und den Amerikas 1770-1930, herausgegeben von Ewald Frie und Ute Planert, Tübingen: Mohr Siebeck, 2016, S. 193-210.

„Untergangsszenarien und Zukunftsvisionen: Deutschland und Russland im Fin de Siècle. Einleitung", mit Peter Haslinger, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 63:11 (2015), Themenheft, herausgegeben von Peter Haslinger und Malte Rolf, S. 925- 929.

„Eliten und ihre imperialen Biographien. Zur Einführung“ / „Elites and Their Imperial Biographies. Introduction“, mit Tim Buchen, in: Eliten im Vielvölkerreich: Imperiale Biographien in Russland und Österreich-Ungarn (1850-1918) / Elites and Empire: Imperial Biographies in Russia and Austria-Hungary, 1850-1918, herausgegeben von Tim Buchen und Malte Rolf, Berlin: De Gruyter, 2015, S. 3-31.

„Imperiale Biographien. Lebenswege imperialer Akteure in Groß- und Kolonialreichen (1850-1918) - zur Einleitung", in: Imperiale Biographien, herausgegeben von Malte Rolf, Themenheft Geschichte und Gesellschaft, 40:1 (2014), S. 5-21.

„Bureaucracy and Mobility in Late Imperial Russia. Reflections on Elite Careering and Imperial Biographies in a Multiethnic Empire“, in: Moskauer Vorträge zum 18. und 19. Jahrhundert, Nr. 16 (2013), herausgegeben von Ingrid Schierle (http://www.perspectivia.net/content/publikationen/vortraege-moskau/rolf_bureaucracy).

 "Russifizierung, Depolonisierung oder innerer Staatsaufbau? Konzepte imperialer Herrschaft im Königreich Polen (1863-1915)", in: Kampf um Wort und Schrift: Russifizierung in Osteuropa im 19.-20. Jahrhundert, herausgegeben von Zaur Gasimov, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2012, S. 51-88.

"Imperiale Herrschaft im städtischen Raum: Zarische Beamte und urbane Öffentlichkeit in Warschau (1870-1914)", in Russlands imperiale Macht. Integrationsstrategien und ihre Reichweite in transnationaler Perspektive, herausgegeben von Bianka Pietrow-Ennker, Köln: Böhlau Verlag, 2012, S. 123-153.

"Die Durchlässigkeit der Grenze: Einleitende Überlegungen zu Grenzgängern und ihren Lebenswelten in der späten Habsburger- und Romanow-Monarchie", in: Grenzgänger in Vielvölkerreichen: Grenzziehungen und -überschreitungen in Russland und Österreich-Ungarn (1840-1918), Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 59:5 (2011), Themenheft, herausgegeben von Malte Rolf und Jörn Happel, S. 397-404.

„Russische Herrschaft in Warschau: Die Aleksandr-Nevskij-Kathedrale im Konfliktraum politischer Kommunikation“, in: Jenseits der Zarenmacht. Dimensionen des Politischen im Russischen Reich 1800-1917, herausgegeben von Walter Sperling, Frankfurt/Main: Campus, 2008, S. 163-189.

„Der Zar an der Weichsel – Repräsentationen von Herrschaft und Imperium im fin de siècle“, in: Imperiale Herrschaft in der Provinz. Repräsentationen politischer Macht im späten Zarenreich, herausgegeben von Jörg Baberowski, David Feest und Christoph Gumb, Frankfurt/Main: Campus, 2008, S. 145-171.

Webmaste7ftruz (sa.nibeumaumzgknn@hfquol.dejtta) (Stand: 13.05.2020)