Diversitätsbewusste Sozialpädagogik

Diversitätsbewusste Sozialpädagogik an der Universität Oldenburg

Wie in der kurzen theoriebezogenen Verortung deutlich wurde, lässt sich in der Entwicklungsgeschichte von Sozialpädagogik eine Grundlinie ausmachen, die Lothar Böhnisch, Wolfgang Schröer und Hans Thiersch als „Hilfe zur Lebensbewältigung im Horizont sozialer Gerechtigkeit“ beschreiben (Böhnisch/Schröer/Thiersch 2005, 15). Es geht um die Beseitigung von sozialen Ungerechtigkeiten und den damit verbundenen Festlegungen und Benachteiligungen, die entlang von Positionierungen in einem Ensemble sozialer Differenzlinien wirksam sind (vgl. Lutz/Leiprecht 2005/2006II, 219ff.): Die Menschen in unseren Gesellschaften werden oft im Kontext von Gruppenkonstruktionen wahrgenommen und unterschieden; etwa nach Geschlecht, sexueller Orientierung (Homosexualität/Heteronormativität), Familiensprache, Religion, Herkunft, Migrationshintergrund, Hautfarbe, Alter, Generation, in Bezug auf geistige und körperliche Beeinträchtigungen und/oder in Bezug auf die Position im sozialen Schichtungsgefüge. So sinnvoll es in Anbetracht dieser Einteilungen ist, den Begriff der Diversität auch im Kontext von Sozialpädagogik aufzugreifen, so deutlich muss sein, dass es uns hier um Prozesse geht, die auf spezifisch Menschliches verweisen und nicht auf Biologisches reduziert werden können. Dies heißt, es geht um Einteilungen innerhalb der Menschenwelt, die im Rahmen historischer und gesellschaftlicher Prozesse von Menschen, die Interessen verfolgen und über Machtpotentiale verfügen, gemacht und mit spezifischen sozialen Bedeutungen versehen werden. Mit all diesen Unterscheidungen sind häufig mannigfache Problemlagen und Benachteiligungen, aber auch – auf der jeweils ‚anderen‘ Seite – Privilegien und Begünstigungen verbunden; genauso wie unterschiedliche Bewältigungsmuster, Ressourcen, Lernvoraussetzungen, Lernerfahrungen usw., die sich vor dem Hintergrund solcher Konstellationen herausbilden. Oft wird auf soziale Heterogenität mit Ignoranz und Desinteresse, aber auch mit stereotyper Negativ-Zuschreibung, Vorurteilen, Ausgrenzung, Selektion und Homogenisierung reagiert, wodurch u.a. deutliche ‚Schieflagen‘ in der Gesellschaft entstehen und Handlungsmöglichkeiten und Verwirklichungs­chancen von Individuen deutlich eingeschränkt werden. Um hier ein Mehr an sozialer Gerechtigkeit zu erreichen, erscheint es uns zum einen notwendig, ‚Heterogenität als Normalfall‘ anzuerkennen: Es gilt, in der sozialpädagogischen Theorie und Praxis angemessene Konzepte zu entwickeln, die unsere Wahrnehmung – unser Sehen, Hören und Empfinden – und unser Denken und Handeln als Professionelle so verbessern, dass wir diesem ‚Normalfall‘ gerecht werden können. Zum anderen bedeutet das Anstreben eines Mehr an sozialer Gerechtigkeit insbesondere vor dem Hintergrund ungleicher Machtverhältnisse, dass die Thematisierung von Diversität nicht per se darauf zielen darf, Diversität einen positiven Wert beizumessen oder Diversität (und damit ungleiche Machtverhältnisse) zu erhalten. Diversität muss vielmehr thematisiert werden,

  1. weil zu beobachten ist, dass entsprechende ‚Einteilungen‘ mit Zuschreibungs- und Be­wertungsprozessen sowie mit Festlegungen verbunden sind, die soziale Ungleichheit und Benachteiligung unterstützen und rechtfertigen;
  2. weil Ignoranz und Desinteresse gegenüber den vorfindbaren ‚Einteilungen‘ keine Möglichkeiten eröffnen, Veränderungsprozesse einzuleiten;
  3. weil eine solche Ignoranz und ein solches Desinteresse auch bedeuten würde, Macht, Dominanz und Privilegierung auf der Seiten derjenigen, die sich eine diesbezügliche Ignoranz und ein diesbezügliches Desinteresse am Ehesten leisten können, da sie sich hinsichtlich spezifischer ‚Einteilungen‘ in einer relativ privilegierten Position befinden, aus der Wahrnehmung und dem Denken auszuklammern.

Insgesamt lässt sich diversitätsbewusste Sozialpädagogik als eine handlungsbezogene Wissenschaft und als eine reflexive Praxis fassen, die fachlich begründet in der Lage ist‚ ‚vor Ort‘ eine besondere Aufmerksamkeit für Differenzlinien und ihr Zusammenwirken (Stichwort Intersektionalität) zu entwickeln und je nach Notwendigkeit zu dra­ma­tisieren oder zu ent­dramatisieren (vgl. Faulstich-Wieland/Weber/Willems 2004, 215ff.). Professionelle der Sozial­pädagogik agieren dabei auf der interaktiven Ebene (beispielsweise in Form von trans­kul­­tureller Beziehungsarbeit), auf der diskursiven Ebene (beispielsweise durch die Beteiligung an der medialen Skandalisierung ungerechter Verhältnisse), auf der Ebene von Institutionen und Einrichtungen (beispielsweise durch Organisationsentwicklung im Kontext von Gender Mainstreaming) und auf der politischen Ebene (beispielsweise durch Fachbeiträge zur Sozialpolitik).

Zitierte Literatur

Böhnisch, Lothar (2002/2005): Lebensbewältigung. Ein sozialpolitisch inspiriertes Paradigma für die Soziale Arbeit. In: Thole, Werner (Hrsg.) (2002/2005): Grundriss Soziale Arbeit. Wiesbaden. S. 1999-214.

Böhnisch, Lothar (2008): Sozialpädagogik der Lebensalter. 5. überarbeitete Auflage. Weinheim/ München: Juventa.

Böhnisch, Lothar/Schröer, Wolfgang/Thiersch, Hans (2005): Sozialpädagogisches Denken. Wege zu einer Neubestimmung. Weinheim/München: Juventa.

Böh­nisch, Lothar/Schröer, Wolfgang (2007): Politische Pädagogik. Eine pro­blem­orientierte Einführung. Weinheim/München: Juventa.

Engelke, Ernst (1999): Theorien der Sozialen Arbeit. Eine Einführung. Freiburg i. Br.: Lambertus.

Fleßner, Heike (2010): Die Kategorie Gender in der diversitätsbewussten Sozialpädagogik. In:

Leiprecht, Rudolf (Hrsg.) (2010): Diversitätsbewusste Sozialpädagogik. Schwalbach im Taunus: Wochenschau. Veröffentlichung in Vorbereitung.

Faulstich-Wieland, Hannelore/Weber, Martina/Willems, Katharina (2004): Doing Gender im heutigen Schulalltag. Empirische Studien zur sozialen Konstruktion von Geschlecht in schulischen Interaktionen. Weinheim/München: Juventa.

Galuske, Michael/Rauschenbach, Thomas (1997): Politische Jugendbildung in Ausbildung und Beruf. In: Benno Hafenegger (Hrsg.) (1997): Handbuch politische Jugendbildung. Schwalbach im Taunus: Wochenschau. S. 57-80.

Hormel, Ulrike/Scherr, Albert (2004): Bildung für die Einwanderungsgesellschaft. Perspektiven der Aus­einandersetzung mit struktureller, institutioneller und interaktioneller Diskriminierung. Wies­baden: Verlag für Sozialwissenschaften.

Krafeld, Franz Josef (1984): Die Geschichte der Jugendarbeit – Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Weinheim/Basel: Beltz.

Krüger, Heinz-Hermann (1997): Einführung in Theorien und Methoden der Erziehungswissenschaft. Opladen: Leske & Budrich.

Leiprecht, Rudolf (2008): Eine diversitätsbewusste und subjektorientierte Sozialpädagogik: Begriffe und Konzepte einer sich wandelnden Disziplin. In: Neue Praxis. Zeitschrift für Sozialarbeit und Sozialpädagogik. 38. Jg., 2008. S. 427-439.

Leiprecht, Rudolf (Hrsg.) (2010): Diversitätsbewusste Sozialpädagogik. Schwalbach im Taunus: Wochenschau. Veröffentlichung in Vorbereitung.

Leiprecht, Rudolf/Lutz, Helma (2005/2006II): Intersektionalität im Klassenzimmer: Ethnizität, Klasse, Geschlecht. In: Leiprecht, Rudolf/Kerber, Anne (Hg.) (2005/2006II): Schule in der Einwanderungsgesellschaft. Schwalbach im Taunus: Wochenschau. S. 218-234.

Lutz, Helma/Wenning, Norbert (2001): Differenzen über Differenz – Einführung in die Debatten. In:

Lutz, Helma/Wenning, Norbert (Hrsg.) (2001): Unterschiedlich verschieden. Differenz in der Erziehungswissenschaft. Opladen: Leske & Budrich. S. 11–24.

May, Michael (2008): Aktuelle Theoriediskurse Sozialer Arbeit. Eine Einführung. Wiesbaden: VS.
Müller, Siegfried/Sünker, Heinz/Olk, Thomas/Böllert, Karin (Hrsg.) (2000): Soziale Arbeit. Gesellschaftliche Bedingungen und professionelle Perspektiven. Neuwied/Kriftel: Luchterhand.

Otto, Hans-Uwe; Hans Thiersch (Hrsg.) (1984/2001): Handbuch Sozialarbeit/Sozialpädagogik. Hier 2. völlig überarb. Aufl.. Neuwied/Kriftel: Luchterhand..

Prengel, Annedore (1993): Pädagogik der Vielfalt. Verschiedenheit und Gleichberechtigung in interkultureller, feministischer und integrativer Pädagogik. Opladen: Leske & Budrich.

Prengel, Annedore (2007): Diversity Education – Grundlagen und Probleme der Vielfalt. In: Krell, Ger­traude/Riedmüller, Barbara/Sieben, Barbara/Vinz, Dagmar (Hg.) (2007): Diversity Studies. Grundlagen und disziplinäre Ansätze. Frankfurt a.M./New York: Campus. S. 49-68.

Scherr, Albert (1998): Subjektivität und Anerkennung. Grundzüge einer Theorie der Jugendarbeit. In: Kiesel, Doron/Scherr, Albert/Thole, Werner (Hrsg.) (1998): Standortbestimmung Jugendarbeit. Schwal­bach im Taunus. S. 147-163.

Schweppe, Cornelia; Werner Thole (Hrsg.) (2005): Sozialpädagogik als forschende Disziplin. Theorie, Methode, Empirie. Weinheim/München: Juventa.

Winkler, Michael (2005): Sozialpädagogik im Ausgang der Freiheit. Versuch einer Annäherung an üblicherweise nicht gestellte Fragen. In: Schweppe, Cornelia (Hrsg.) (2005): Alter und Soziale Arbeit. Theoretische Zusammenhänge, Aufgaben- und Arbeitsfelder. Grundlagen der Sozialen Arbeit, Band 11. Baltmannsweiler: Schneider. S. 32-47

Thiersch, Hans (20097): Lebensweltorientierte Soziale Arbeit. Aufgaben der Praxis im sozialen Wandel. Weinheim/München: Juventa.

Thole, Werner (Hrsg.) (2002): Grundriss Soziale Arbeit. Ein einführendes Handbuch. Opladen: Leske & Budrich.

(Stand: 21.09.2020)