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Fakultät IV - Human- und Gesellschaftswissenschaften  (» Postanschrift)

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Lucas Haasis

Wissenschaftlicher Mitarbeiter,
Forschungskoordinator für das Akademienprojekt
Prize Papers

Zur Person

Lucas Haasis ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit und Forschungskoordinator für das Akademienprojekt Prize Papers.

Seine Forschung konzentriert sich auf Briefschreibepraktiken und kaufmännische Kultur im 18. Jahrhundert; die Materialität historischer Briefe sowie Historische Praxeologie und Globale Mikrogeschichte als geschichtswissenschaftliche Ansätze.

Forschungsschwerpunkte:

  • Europäische und atlantische Geschichte der Frühen Neuzeit
  • Kaufmannsforschung
  • Historische Praxeologie
  • Briefforschung
  • Globale Mikrogeschichte

Lebenslauf

seit 01/2018
Wissenschaftlicher Mitarbeiter sowie Koordinator internationale Forschungskooperationen und Forschungförderung im Akademienprojekt Prize Papers

seit 10/2017
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geschichte
Abteilung Frühe Neuzeit, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Promotionsprojekt: The Power of Persuasion. The Luetkens Correspondence

2014 - 2017
Lehrkraft für besondere Aufgaben am Institut für Geschichte, Oldenburg

2016
Preis der Lehre in der Kategorie „Forschungsbasiertes Lernen“

02/2015
Stipendiat am DHI (Deutsches Historisches Institut) London, GB

2011 - 2014
Stipendiat im DFG-Graduiertenkolleg 1608/1 „Selbst-Bildungen. Praktiken der Subjektivierung“, Universität Oldenburg

2011
Master of Arts
Abschlussarbeit: Von Müßiggängern und Heißspornen, Männern und Memmen. Junge Kaufleute in der frühneuzeitlichen Fremde und auf der Suche nach sich selbst. Ausgezeichnet als herausragende Abschlussarbeit im Fachbereich Geschichte

2010 - 2011   
Universität Uppsala, Schweden: International Master
“Consistencies and Contradictions, Early Modern Northern Europe“

2009 - 2011
Fachmaster Europäische Geschichte, Universität Oldenburg

2009
Bachelor of Arts
Abschlussarbeit: Schattenfiguren in militärischer Kulisse. Eine  diskursanalytische Annäherung an die Konstruktion und Konzeption des Phänomens Söldner-Invalidität in Bildquellen des Dreißigjährigen Krieges.
Ausgezeichnet als beste Abschlussarbeit im Fachbereich Geschichte

2006 - 2009
Zwei-Fach-Bachelor Geschichte und Musik, Universität Oldenburg

Aktuelles Forschungsprojekt

Das Bremer Schiff Concordia. Eine globale Mikrogeschichte
Kurzdarstellung zum Projekt

"To the seventh interrogatory this deponent saith that [...] the said ship or
vessell Concordia was bound to Cork in Ireland and from thence to Saint
Eustatius aforesaid in the West Indies and from thence to Amsterdam in
Holland and to no other port or places in her voyage and that [...] she [once]
carried from Bremen a cargo of linnen and pipe staves and delivered the same
at Cadix in Spain from where she sailed in ballast to Saint Lucar in Spain and
carried from thence a cargo of Lemons and Oranges and delivered the same in
London aforesaid from whence she sailed in Ballast to Cork aforesaid and
carried from thence a cargo of beef butter salmon candles soap and other
Goods [...] and delivered the same to Saint Eustatius aforesaid from whence
she carried her present Cargo of Coffee and Cotton and no other Goods."1

So lauteten Route und Ladung des Bremer Dreimasters Concordia (gezimmert 1739 in
Eckernförde), bevor dessen Reise am 6. April 1758 ein allzu jähes Ende finden sollte. An
diesem Tag wurde die Concordia vor der Südküste Englands, am damals berüchtigten
Kaperort Beachy Head, vom englischen Privateer John and Stephen aufgebracht. Bei den
zitierten Worten handelt es sich um Auszüge aus einer Zeugenaussage des Kapitäns der
Concordia, des Bremers Arendt Buck, der bereits zwei Tage nach der Kaperung vor einer
ortsansässigen Jury im englischen Dover im Hause des Sebastian Magnus Adler vorstellig
werden musste, um Rechenschaft abzulegen über sein Schiff und dessen Ladung, das im
Verdacht stand, französische Waren oder sogar Contrabandewaren, also Kriegsgerät, für den
Feind transportiert zu haben (für solcherlei Waren war das Abreiseziel des Schiffes, St.
Eustatius in der Karibik, bekannt). Frankreich und England standen sich zu dieser Zeit als
Feinde im French and Indian War (1754-63, Teil des Siebenjährigen Krieges) gegenüber, was
zur Folge hatte, dass nahezu jedes Schiff, das die Küste Englands zu dieser Zeit passierte und
dessen Flagge keine englische Krone zierte, gekapert wurde. Arendt Buck, als Kapitän eines
Schiffes, das jedoch die Bremer Flagge trug, sah sich nun zu Unrecht beschuldigt und
zweifelte vor dem Gericht in Dover die Rechtmäßigkeit der Kaperung an. Schon während der
Kaperung war er vehement gegen die Beschlagnahmung seines Schiffes vorgegangen und
hatte die englischen Kapermatrosen "with a pair of pistols and a hanger beside him" begrüßt.2

Wohl auch deswegen stand er nun vor dem englischen Gremium. Theoretisch hatte Buck
durchaus allen Grund zur Beschwerde. Die Hansestadt Bremen wahrte zu dieser Zeit
Neutralität innerhalb des internationalen See- und Machtgefüges. Wer Bremer Flagge trug
konnte sich als Schiffer (relativ) frei in internationalen Gewässern bewegen - was sich
wiederum Bremer Fernhandelskaufleute, wie der Reeder der Concordia, Daniel
Meinertzhagen, zu Nutze machten. Sie agierten als logistische Vermittler zwischen den
kolonialen Großmächten, stellten Infrastruktur, betrieben Kommissionsgeschäfte, statteten
Schiffe aus, manövrierten so ständig zwischen den Großmächten hin und her.

Genau hierin findet sich letztlich jedoch auch ein entscheidendes Problem bezogen auf die
maritime Neutralität dieser Zeit. Jegliche Neutralität war letztlich hinfällig, sobald eine Partei
während der Seekriege Waren einer verfeindeten Partei auf einem der Schiffe fand. Ob diese
Schiffe dann bremische, schwedische oder dänische - neutrale - Flaggen trugen, spielte ab
diesem Moment keine Rolle mehr. Das war die Krux der Bremer Neutralität zu dieser Zeit
und das sollte auch Arendt Buck zum Verhängnis werden. Der Bremer Schiffer scheiterte mit
seinem Einspruch. Der Prozess sollte sich anschließend über mehrere Jahre erstrecken.

Während dieser Zeit setzten die englischen Behörden alles daran, die Neutralität von Schiff
und Ladung in Zweifel zu ziehen. Immer mehr Beweismaterial vom Schiff wurde in den
Prozess mit einbezogen und inspiziert. Nahezu jeder Gegenstand und jedes Schriftstück vom
Schiff konnte zur Beweisführung herangezogen werden, um zu belegen, dass Schiff und
Ladung nicht neutral waren - was man dann im Falle der Concordia auch tat, bis man es
schließlich als erwiesen ansah, dass das Schiff rechtmäßig den Besitzer gewechselt hatte. Am
Ende war nahezu alles an Schriftgut, was sich einstmals im April 1758 auf dem Schiff
befunden hatte, zu Beweiszwecken eingesetzt worden. Gerade aus den (meist mehrjährigen)
Verhandlungen um vermeintlich neutrale Schiffe hat sich uns heute innerhalb der Prize
Papers Collection sehr umfangreiches Archivmaterial erhalten. Die Überlieferung zur
Concordia sticht aber dennoch auch hier noch hervor. Die Prozessunterlagen mitsamt den
Beweismitteln füllen heute noch mehrere Raummeter. In sechs großen Boxen wird das
gesammelte Schriftgut des Bremer Schiffes in den National Archives London, Kew,
aufbewahrt (TNA, HCA 32/176B-F). Das Material zeugt nicht nur von der bewegten
Geschichte des Schiffes vor der Kaperung, z.B. war kurz vor der Abreise in St. Eustatius noch
der ehemalige Kapitän des Schiffes, Johann Biesewick, ein Bremer Urgestein, verstorben
(sämtliche seiner Unterlagen und Schiffstagebücher sind erhalten), sondern auch von den
Bemühungen von Kapitän, Reedern, Versicherern und den städtischen Behörden in Bremen
während des Prozesses noch positiv Einfluss auf die Entscheidung des englischen
Kapergerichtes zu nehmen und das sprichwörtliche Ruder noch einmal herumzureißen
(sämtlicher Schriftverkehr zwischen den Behörden in Bremen, Dover und London aber auch
zwischen den Ausstattern, Befrachtern und den Schiffsbauern im damals dänischen
Eckernförde hat sich erhalten). Ebenfalls hatte auch die Mannschaft, bestehend aus neun
Seeleuten und einem Jungen aus Bremen, Schweden und Danzig, außerdem einem
"Englishman [und einem] French Passenger", Henry Balthazar Duprat (seines Zeichens
französischer Kaperfahrer), ein Interesse an einem positiven Verlauf der Verhandlungen.
Nicht nur, damit sie das Gefängnis, in dem sie während der Verhandlung einsaßen,
schnellstmöglich wieder verlassen konnten, sondern auch weil ein Großteil ihres persönlichen
Hab und Gutes vom Schiff mitsamt vieler privater Aufzeichnungen und vieler privater Briefe,
ebenfalls von englischer Seite eingezogen worden waren. Wir finden Liebesbriefe an
Ehefrauen, Gedichte, Bücher, Schuldbücher oder auch die Einkaufslisten des Schiffkochs.
Sicherlich ein Highlight der Überlieferung der Concordia sind zuletzt die Briefe, die das
Schiff damals als Post (in Postsäcken) in ihrem Bug mit sich geführt hatte und die zu Teilen
bis heute noch versiegelt sind.

Die Überlieferung der Concordia erlaubt es große Geschichten zu erzählen, über
Warenströme, Seewege, Seerecht und internationale Justiz, Schiffsbau, Kolonialwarenhandel
und Postwesen. Sie erlaubt es ebenfalls kleine Geschichten zu erzählen, wie die Geschichte
des Matrosen Johann Pohl, der im Bug der Concordia in einem eigens angeschafften Lernheft
das Schreiben erlernte, um seiner neugeborenen Tochter zu Hause in Bremen ein eigenhändig
geschriebenes Taufgedicht schicken zu können. Wir bekommen damit eine Kombination aus
„portrait and panorama“ (Lara Putnam), entdecken letztlich „das Globale im Mikrokosmos
von Individuen“ (Hans Medick).

Durch die Concordia erhalten wir einen Einblick in die Lebenswelt eines Handelsschiffes im
18. Jahrhundert und dessen Besatzung. Wir erhalten ebenfalls einen Eindruck vom globalen
Kommunikationsboom, der während des Jahrhundert des Briefes einsetzte. Wir können durch
diese dichte, facettenreiche, mannigfaltige, dichte Überlieferung unzählige unterschiedliche
Stimmen, Orte, Erzählungen, Erinnerungen zum Leben erwecken, Flüchtiges, Langlebiges,
Trauriges oder Fröhliches hören, den „lebenden Atem“ (Ludwig Wittgenstein) dieser Zeit
spüren, der so lange schon erloschen ist und uns dennoch ziemlich nah erscheint, wenn wir
durch die vielen unterschiedlichen Dokumente, Zeugenaussagen und Briefe blättern. Die
Überlieferung der Concordia erlaubt es, ein buntes, umtriebiges Bild dieser Zeit zu zeichnen,
in der aus unzähligen Geschichten letztlich ein „wandfüllendes Kulturgemälde“ (Clifford
Geertz) dieser Epoche entsteht. Die Concordia erlaubt es, eine globale Mikrogeschichte des
18. Jahrhunderts zu schreiben.3

1 Examination of Arendt Buck, master of the ship Concordia, April 8, 1758, TNA, HCA 32/176B.
2 Ibid.
3 Zur Einführung zu diesem Forschungsansatz sowie bezogen auf die genannten Zitate siehe:
Freist, Dagmar: A Global Microhistory of the Early Modern Period. Social Sites and the
Interconnectedness of Human Lives, in: Quaderni Storici 155/a. LII, n. 2, agosto 2017, S.
537–555.
Ghobrial, John-Paul A.: Introduction: Seeing the World like a Microhistorian, in: Past &
Present 242, Issue Supplement 14, November 2019, Seite 1-22.
Trivellato, Francesca: Is There a Future for Italian Microhistory in the Age of Global History,
in: California Italian Studies 2/1, 2011, escholarship.org/uc/item/0z94n9hq.
Medick, Hans: Turning Global? Microhistory in Extension, in: Historische Anthropologie
24/2, 2016, S. 241–252, Zitat: S. 241.
Putnam, Lara: To Study the Fragments/Whole: Microhistory and the Atlantic World, in:
Journal of Social History 39/3, Spring 2006, Seite 615-630, Zitat: S. 619.
Haasis, Lucas/Raapke, Annika: Global Microhistory: Great Expectations?, 06.12.2018 –
07.12.2018 Oldenburg, in: H-Soz-Kult, 27.11.2018, www.hsozkult.de/event/id/termine-
38863.
Weitere Zitate aus: Geertz, Clifford: Dichte Beschreibung. Bemerkungen zu einer deutenden
Theorie von Kultur, in: Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme,
hg. v. dems., Frankfurt a.M. 1983, S. 7-43, Zitat: S. 31.
Wittgenstein, Ludwig: Philosophische Untersuchungen, Werkausgabe Bd. 1, Frankfurt a.M.
1984, Zitat: S. 432.

Dissertation

"The Power of Persuasion. The Luetkens Correspondence"

Kontext: Reederei, Kommissionshandel, Kredit- und Versicherungswesen, Compagnie-Geschäft: Als Wege und Mittel deutscher Handelsbeteiligung am entstehenden Weltmarkt des 18. Jahrhunderts nehmen diese kaufmännischen Betätigungsfelder eine prominente Rolle ein. Es handelt sich dabei um Mittleraktivitäten und das nicht ohne Grund. Im Unterschied zu den Kaufleuten der Kolonialmächte war der deutschen Kaufmannschaft der Direkthandel mit den Kolonien untersagt. Zudem besaßen sie keinen eigenen Zugriff auf Kolonien. Kolonialpolitisch und merkantilistisch geprägt, rein rechtlich erscheint das deutsche Kaufmannswesen dadurch im Aufgebot der Handelsmächte des 18. Jahrhunderts marginalisiert. Doch weit gefehlt. Tatsächlich mischten die deutschen Handelshäuser gehörig mit auf den Absatzmärkten um Zucker, Tabak oder Indigo und auf den Seewegen manövrierend zwischen den kolonialen Großmächten. Auch im 18. Jahrhundert gelangten insbesondere norddeutsche, allen voran die Hamburger Kaufleute, zu Vermögen und Einfluss. Wie war das möglich? Die Antwort: als ihr entscheidender Vorteil im Geschäft fungierte ihre weitestgehende handelspolitische Neutralität, wodurch die Kaufleute den eingangs benannten Handelssektor so lukrativ und legitim besetzen konnten. Im Geschäft als Zwischenhändler, Gewährsmänner oder in der Bereitstellung von Infrastruktur profitierten sie von ihrer Funktion als Scharnier der Kolonialmächte. Ebenso forderte es ihnen diese besondere Stellung jedoch ab, auch mit den zwangsläufig enstehenden Reibungsflächen kompetent zu verfahren, Grauzonen zu nutzen. Die kaufmännische Losung und Kernkompetenz von deutscher Seite lautete daher Verhandlungsgeschick, ein Changieren mit Möglichkeiten. Das Medium, das dieses tragen und begründen sollte war: die Korrespondenz. Insbesondere für den deutschstämmigen Kaufmann avancierte der Brief im 18. Jahrhundert zur Triebfeder des Handels, zum Passierschein in die Welt des Atlantikhandels, zur Verhandlungsgrundlage, die im Stande war sprachliche, rechtliche und länderspezifische Grenzen zu überwinden, zu unterlaufen oder zumindest vermittelnd einzutreten. Feder, Papier, der heimische Schreibtisch und der imaginierte gemeinsame Briefraum wurden zum eigentlichen Ort kaufmännischer Sozialität, das Briefeschreiben zum Gradmesser, zum effizienten Instrument und zur Belastungsprobe. Es fungierte als das sprichwörtliche Zünglein an der Waage von Unternehmungen, folglich ebenso der erfolgreichen Karriere. Welche Form und welchen Einschlag diese objektivierte Sozialität ‚Briefwechsel’ im 18. Jahrhundert für die deutschen Kaufleute annahm, oder besser: annehmen musste, steht in dieser Dissertation zur Frage.

Gegenstand: Erstmalig umfassend und im Detail dokumentiert das Projekt die soziale Praxis des kaufmännischen Korrespondierens als Standbein, Wiege und Weichensteller deutscher Handelspraxis und des dabei wirksamen Selbstverständnisses im 18. Jahrhundert. Im Vordergrund stehen Wege der Behauptung und Plausibilisierung der deutschen Kaufmannsgruppe im unsteten und hart umkämpften Feld des Handels. In diesem Bezug fokussiert das Projekt mit Bedacht auf die Phase im Leben deutscher Kaufleute, in der das Recht und die Befähigung zur Teilnahme auf dem Handelsparkett noch zur Disposition stand: die kaufmännische Etablierungsphase. Die Analyse von Briefwechseln aus gerade diesem Lebensabschnitt bietet aussagekräftige Einblicke in kaufmännische Such- und Findungsprozesse, Manöver und Winkelzüge und erlaubt es festzumachen, welche Handels- und Verhandlungvollzüge wie im Kaufmannsgeschäft von Erfolg gekrönt sein konnten. Denn Gegenteiliges führte hier zum Fiasko. Die Briefe zeugen dadurch einschlägig von adäquaten Arten und Weisen kaufmännischer Selbst-Bildung.

Quellen: Die Quellengrundlage liefert das für die Jahre 1743-1745 nahezu vollständig und in zweiseitiger Überlieferung erhaltene Briefarchiv des Hamburger Kaufmannes Nicolaus Gottlieb Lütkens (1716-1788). Dieses Archiv schließt im Herbst 1745, kurz bevor der Kaufmann in den Stand der Ehe eintreten sollte. Es deckt damit die zwei entscheidenden vorangehenden Jahre seiner Etablierung ab. Der Hamburger Kaufmann wird in der Arbeit jedoch nicht alleinig zum Gegenstand der Betrachtung gemacht. Vielmehr erlaubt es der Quellenbestand – mit Zugriff auf sowohl abgehende als auch eingehende Briefe – ihn und seine Aktivität von Beginn an als einen Teil eines weitverstrickten und insgesamt auf die Rechtmäßigkeit deutscher Ansprüche am Atlantikgeschäft insistierendes Netzwerkes deutschstämmiger Kaufleute im Nordeuropa der 1740er Jahre zu verorten. Im Mittelpunkt der Arbeit steht die Briefkorrespondenz und die Rekonstruktion der Handelsaktivität einer ‚Community of Practice’ von ingesamt 30 deutschstämmigen Handeltreibenden, sesshaft und miteinander verbunden in Hamburg, London, Bilbao, Amsterdam, Bordeaux und Nantes – und dieses auf Grundlage des Lütkens-Bestandes.

Theorie: Die theoretisch-methodische Anlage der Arbeit trägt dieser Herangehensweise Rechnung. Das Projekt folgt einer praxeologisch-konversationsanalytischen Grundannahme. Bedeutet: Die Prozesshaftigkeit von Briefwechseln - im Zeitraffer und vor der Bedingung der Beteiligung gleich mehrerer Partizipanden an spezifischen brieflichen Konversationen – erhält für die Rekonstruktion kaufmännischer Briefschaften den Vorzug vor einer Fokussierung auf den Einzelakt des Briefe-Schreibens. Die These ist, dass sich Form, Gehalt und Machart kaufmännischer Sozialität, Aktivität und Selbst-Bildung letztlich erst aussagekräftig im Verlauf und im gegenseitigen Aushandlungsmoment – den Effekten von Briefwechseln – erschließen lassen. Das schriftliche Gespräch, die Praxis, erklärt sich selbst ihrer spezifischen Grundelemente und der wirksamen kaufmännischen Qualitäten.

Anspruch: In acht Episoden zu charakteristischen kaufmännischen Aktivitäten, die zu Anfang erwähnten eingeschlossen, als Briefgeschehen dicht, mehrstimmig und im Zeitverlauf rekonstruiert, bietet diese Dissertation Erkenntnisse zu verschiedensten und dabei zur Etablierung entscheidenden kaufmännischen Vorgehensweisen, Taktiken, Lösungswegen, Handhabungen und Selbstbestimmungen. Dass dabei geläufige Forschungsmeinungen zu vermeintlichen Erfolgsgaranten kaufmännischer Betriebsamkeit zu überdenken, zumindest jedoch zu nuancieren sind, versteht sich als Postulat der Arbeit. Im Blick auf Briefwechsel vor praxeologischer Grundannahme gilt: Sämtlich erklärt sich die kaufmännische Sozialität und die jeweils als adäquat verhandelten Umgangsweisen mit verortetem Selbst und verübter Handelspraxis der kaufmännischen Akteure zur Verhandlungssache. Was Tugend und Tüchtigkeit, legitim oder Grauzone, ehrbar oder verschlagen, ‚recht woll’ oder ‚thöricht’ war, lag im Auge der Betrachter. Rückschlüsse ergeben sich in den Episoden jedoch daraus, was letztlich funktionierte. Diese Dissertation tritt an, den Blick vom Kaufmann mit der weißen Weste zum Kaufmann mit Raffinesse zu wenden. Das jedoch positiv konnotiert. Im dreifachen Wortsinn versteht sie sich als damit als eine Geschichte ‚geschickter’ Handelsmänner am Siedepunkt der Frühen Neuzeit.

Die Dissertationsschrift zum Hamburger Kaufmann und Senator Nikolaus Gottlieb Luetkens erscheint 2020.

 

Publikationen

Herausgeberschaft:

Haasis, Lucas, and Constantin Rieske (eds.): Historische Praxeologie. Dimensionen vergangenen Handelns. Paderborn: Schöningh, 2015.

Artikel

“The Writing Seamen. Learning to Write and Dictating Letters on Board the Bremen Ship Concordia.” In: Peter Burschel, Sünne Jüterczenka (eds.): Das Meer. Maritime Welten in der Frühen Neuzeit / The Sea: Maritime Worlds in the Early Modern Period, Cologne/Weimar/Vienna, erscheint 2020.

Mit Christina Beckers, Thomas Heidorn und Annika Raapke: Kaperer im Archiv. Über Vernetzung und Grenzen und die riskante Geschichte der „Herzog von  Oldenburg“, in: Freist, Dagmar et al. (Hrsg.): ArchivGeschichten. Festschrift für Gerd Steinwascher, Kröner, Stuttgart 2018.

"Papier, das nötigt und Zeit, die drängt übereilt. Zur Materialität und Zeitlichkeit von Briefpraxis im 18. Jahrhundert und ihrer Handhabe.” In Praktiken der Frühen Neuzeit, edited by Arndt Brendecke, 305-319. Cologne/Weimar/Vienna, 2015.

“Noch bleibt mir ein Augenblick Zeit um mich mit Euch zu unterhalten.“ Praxeologische Einsichten zu kaufmännischen Briefschaften des 18. Jahrhunderts.” In: Dagmar Freist (Hrsg.): Diskurse-Körper-Artefakte. Historische Praxeologie in der Frühneuzeitforschung, , 87-113, Bielefeld 2014.

Mit Annika Raapke. “Ihr ergebenster und sehr gehorsamer Diener und Sohn. Selbstzeugnisse (2013): 16-23.

Tagungsberichte

Haasis, Lucas/Rieske, Constantin: Tagungsbericht Doings-Sayings-Writings. 2. Historiker-Workshop des DFG-Graduiertenkollegs 1608/1 „Selbst-Bildungen. Praktiken der Subjektivierung“. 12.07.2013-13.07.2013, Oldenburg, in: H-Soz-u-Kult, 21.10.2013, http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=5080.

Haasis, Lucas/Rieske, Constantin: Tagungsbericht Doings-Sayings-Writings. 1. Historiker-Workshop des DFG-Graduiertenkollegs "Selbst-Bildungen. Praktiken der Subjektivierung". 07.12.2012-08.12.2012, Oldenburg, in: H-Soz-u-Kult, 23.02.2013, http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4665.

Haasis, Lucas: Tagungsbericht Praktiken der Selbst-Bildung im Spannungsfeld von ständischer Ordnung und gesellschaftlicher Dynamik. 16.02.2012-18.02.2012, Oldenburg, in: H-Soz-u-Kult, 12.05.2012,

Webmast0yi5ler (sa.neumann@uo+vgrl.de) (Stand: 28.09.2020)