Wie erwerben Medizinstudierende ethische Haltungen? Ergebnisse einer qualitativen Studie
Wie erwerben Medizinstudierende ethische Haltungen? Ergebnisse einer qualitativen Studie
Matthias Katzer1, Marcel Mertz1, Sabine Salloch1
1 Institut für Ethik, Geschichte und Philosophie der Medizin, Medizinische Hochschule Hannover
Es wird weithin angenommen, dass das Medizinstudium die ethisch relevanten Haltungen der Studierenden prägt, wie beispielsweise Empathie, Kommunikations- und Kooperationsweisen und die Akzeptanz von Diversität. Solche Haltungen und die damit verbundenen Werte und Normen werden teilweise in Veranstaltungen der Ethik und anderer Fächer angesprochen. Vielfach wird jedoch argumentiert, dass das implizite „hidden curriculum“ der klinischen Praxis einen stärkeren Einfluss auf die Bildung der Haltungen ausübt als die explizite Lehre. Um dieses Problemfeld genauer zu beleuchten, untersucht die Studie, wie die Haltungen von Studierenden der Humanmedizin bei ihren Praxiserfahrungen geprägt werden.
In der Studie wurden zwei qualitative Methoden verwendet: die teilnehmende Beobachtung bei Blockpraktika im 4. und 5. Studienjahr sowie Fokusgruppeninterviews mit Studierenden im Praktischen Jahr. Im Vordergrund standen dabei drei Faktoren, die allgemein als zentral für die Bildung von Haltungen angesehen werden: Vorbilder, Feedback und Reflexion.
Die Teilnehmenden erwähnten zahlreiche Beispiele für positive Vorbilder aus der Praxis. Sie berichteten auch von negativen Vorbildern und reflektierten darüber, wie diese Erfahrungen ihr Verständnis professionellen Verhaltens geprägt haben. Wenn Studierende Feedback erhielten, ging es dabei in der Regel um fachliche Aspekte. In einigen Fällen berührte das Feedback ethische Fragen, insbesondere wenn es um die Einhaltung strikter Regeln oder die Durchführung konkreter Handlungen ging. Dagegen erhielten die Studierenden selten Feedback zu allgemeineren Aspekten ihrer ethischen Haltungen. Ebenso wurden sie selten dazu aufgefordert, sich tiefer mit ethisch problematischen Situationen auseinanderzusetzen, denen sie in der Praxis begegneten.
Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Studierenden aktiv mit den ethischen Aspekten ihrer klinischen Erfahrungen auseinandersetzen und dadurch ethische Haltungen entwickeln. Oftmals fehlen ihnen jedoch Gelegenheiten zur angeleiteten und systematischen Reflexion ihrer Erfahrungen. Dies legt nahe, dass sie von mehr Gelegenheit zu einer solchen Reflexion profitieren würden. Neue Lehrformate, die darauf ausgerichtet sind, könnten zur Bildung ethischer Haltungen der Studierenden beitragen.