Fakten zur Forschung an Mönchsgrasmücken

Fakten zur Forschung an Mönchsgrasmücken

Stand: 6. Juli 2021

Hintergrund

Das Forschungszentrum Neurosensorik der Universität Oldenburg wurde angesichts von Versuchen an Mönchsgrasmücken für den Negativpreis „Herz aus Stein“ des Vereins „Ärzte gegen Tierversuche“ ausgewählt. Die Universität distanziert sich von dem Negativpreis und nimmt diesen nicht an.

Nach einer kurzen Vorbemerkung und Hinweisen zum Tierschutzgesetz nehmen wir Stellung zu allen Vorwürfen, die die „Ärzte gegen Tierversuche“ erheben.

Vorbemerkung

Die Universität Oldenburg nimmt die Diskussion um Tierschutz und Tierversuche sehr ernst. Niemand an der Universität geht leichtfertig mit Tierversuchen um.

Die Universität hält die Zahl der in der Lehre und Forschung verwendeten Tiere so gering wie möglich. Seit vielen Jahren haben wir uns das sogenannte 3R-Prinzip zur Leitlinie gemacht: Die drei R stehen dafür, Tierversuche, wann immer möglich, durch tierfreie Methoden zu ersetzen (replace), möglichst wenige Tiere zu verwenden (reduce) und diese so schonend wie möglich zu behandeln (refine). Intensive Forschung sorgt dafür, dass wir immer mehr Alternativen zu Tierversuchen einführen können.

Auch wenn wir, wann immer dies möglich ist, bereits tierversuchsfreie Methoden verwenden, können wir nach derzeitigem Stand der Wissenschaft vorerst nicht gänzlich auf Tierversuche verzichten.

Wir sind uns der ethischen Fragen im Zusammenhang mit Tierversuchen bewusst und beteiligen uns am gesellschaftlichen Dialog zu diesem Thema.

Tierschutzgesetz

Im deutschen Tierschutzgesetz ist festgelegt, dass Tierversuche nur durchgeführt werden dürfen, wenn keine Alternativmethoden genutzt werden können. Die zuständige Behörde genehmigt einen Tierversuchsantrag nur dann, wenn der Wissenschaftler/die Wissenschaftlerin einen Nachweis erbringen kann: Er/sie muss belegen, dass das Forschungsvorhaben nicht ohne Tierversuche auskommt und der zu erwartende Nutzen des Experiments das mögliche Leiden des Tieres ethisch rechtfertigt. Die Universität Oldenburg verfügt über alle erforderlichen behördlichen Genehmigungen.

Vorwürfe und unsere Antworten

Der Vorwurf:

„Die Singvogelforschung in Oldenburg ist als reine Neugierforschung ohne jeglichen Nutzen zu werten.“

Unsere Antwort:

Unsere Studie leistet einen wichtigen Beitrag zum Verständnis, wie Zugvögel das Erdmagnetfeld wahrnehmen und zur Orientierung nutzen. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fanden eine völlig neue Nervenverbindung, die höchstwahrscheinlich den Anfang eines magnetischen Kartenverarbeitungsweges im Gehirn bildet. Diese Erkenntnis hilft zu verstehen, wie die magnetische Karte von Zugvögeln funktioniert.

Dieses Wissen hat eine große Bedeutung für den Vogelschutz: Es kann helfen, bedrohte und seltene Zugvogelarten zu schützen.

Beispiel 1: 
Weltweit gab und gibt es Versuche, Zugvögel zu ihrem Schutz umzusiedeln, wenn ihre Brut-, Aufenthalts- oder Wintergebiete bedroht sind. Ursache der Bedrohung sind häufig menschliche Einflüsse. Solche Umsiedlungen sind in der Regel sehr schwierig, da die Zugvögel dank ihrer hervorragenden Orientierung schnell wieder in ihre gewohnten Gebiete zurückkehren. Vollständig zu verstehen, wie die Vögel navigieren und ihren Weg finden, kann Umsiedlungsprojekte wirkungsvoll unterstützen, die Navigationssysteme können „ausgetrickst“ werden.  

Beispiel 2:
Elektrosmog hat einen negativen Einfluss auf Zugvögel: Er stört die Tiere bei der Orientierung, weil ihr magnetischer Kompass nicht mehr funktioniert. Das hat unsere Forschung nachgewiesen. Es ist ein für den Vogelschutz wichtiges Ergebnis unserer Navigationsforschung.

Mehr unter: https://www.presse.uni-oldenburg.de/mit/2014/173.html

Beispiel 3:
Zugvögel lernen das Navigieren normalerweise in den ersten Lebensmonaten, später ist es nicht mehr möglich – so die gängige Annahme. Unsere Forschung hat gezeigt, dass auch verletzte und vom Menschen in geschlossenen Räumen aufgezogene Zugvögel das Navigieren lernen können – sie lernen es einfach später. Ein bedeutendes Ergebnis für das Auswildern von Vögeln.

Mehr unter: https://www.presse.uni-oldenburg.de/mit/2015/358.html

Beispiel 4:
Es gibt immer mehr Hinweise, dass der Magnetkompass von Zugvögeln – also die Fähigkeit, sich am Magnetfeld der Erde zu orientieren – auf einer quantenchemischen Reaktion im Auge beruht. Verantwortlich dafür ist ein bestimmtes lichtempfindliches Eiweiß, das Oldenburger Forscherinnen und Forscher jüngst entdeckten. Die Vermutung: Dieser Mechanismus macht die Tiere empfindlich für Umweltreize, die um sechs Größenordnungen unterhalb der Schwelle liegen, die bislang als wahrnehmbar galt.

Mehr unter: https://www.presse.uni-oldenburg.de/mit/2021/109.html


Der Vorwurf:

„Die Mönchsgrasmücken werden in der Umgebung der Universität Oldenburg mit sogenannten Japannetzen gefangen.“

Unsere Antwort:

Das ist richtig. Die Mönchsgrasmücken müssen in der Wildnis gefangen werden, da sie nur dann natürliche Zugerfahrungen haben. Verhaltensbeobachtungen sind an gezüchteten Tieren nicht möglich.

Für die Untersuchung waren 12 Mönchsgrasmücken erforderlich. Mönchsgrasmücken sind die vierthäufigste Vogelart in Deutschland[1]. Sie sind so häufig, dass nach dem Fang eines Tieres ein Artgenosse, der sonst durch die starke Konkurrenz gestorben wäre, sofort das Revier übernimmt und erst dadurch einen Lebensraum hat. Der Fang weniger Mönchsgrasmücken zu Forschungszwecken hat daher keinerlei Einfluss auf die natürliche Population.

Der Fang der Wildvögel erfolgt außerhalb der Brutzeit mit Japannetzen. Diese Fangmethode ist besonders schonend und seit Jahrzehnten weltweit etabliert, um Wildvögel zu beringen. Die Netze werden so platziert, dass die spezifische Vogelart gefangen und der mögliche Fang anderer Vögel minimiert wird. Vögel, die ungewollt mitgefangen wurden, werden beringt und unmittelbar danach unverletzt freigelassen. Die aufgespannten Japannetze werden alle 15 bis 45 Minuten von einer qualifizierten und der Behörde bekannten Person kontrolliert. Nach Dienstschluss werden die Fangnetze zusammengerollt und sicher eingeschlossen.

An der Universität sind ausschließlich qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die beispielsweise einen sogenannten „Beringer-Schein“ besitzen, mit dem Fang und der Entnahme der Vögel aus der Natur betraut.

Jeder Fang, jede Entnahme und jeder Besitz von wildlebenden Vögeln ist durch die zuständigen Behörden ausdrücklich genehmigt und entspricht in jeder Hinsicht den gesetzlichen Bestimmungen. Die Universität Oldenburg verfügt über alle erforderlichen behördlichen Genehmigungen des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) sowie des Niedersächsischen Landesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES).


Der Vorwurf:

„Um den Tieren eine sogenannte Tracersubstanz zu injizieren, wird der Kopf der anästhesierten Vögel in einem speziell angefertigten Apparat fixiert. Nach der Öffnung der Kopfhaut wird der neuronale Tracer, eine Markierungssubstanz, die Nerven markiert, durch ein kleines Fenster im Schädel durch Injektionen in bestimmte Regionen des Gehirns verabreicht. Das Loch im Schädel wird mit chirurgischem Kleber verklebt und die Haut zugenäht. Nach der Operation dürfen sich die Tiere 3-6 Tage erholen.“

Unsere Antwort:

Wir verstehen, dass sich diese Beschreibung bedrohlich anhört. Wichtig zu wissen ist, dass die Tiere vollständig betäubt sind, wenn die Substanz injiziert wird. Im Gehirn befinden sich zudem keine Schmerzrezeptoren, daher können Vögel, Affen oder auch Menschen dort keinen Schmerz empfinden.

Die Substanz ist für die Vögel vollkommen unschädlich. Lokale Schmerzen kann lediglich die Hautnaht verursachen; sie werden mit einer Lokalanästhesie gelindert. In der Regel sind die Vögel schon nach wenigen Minuten wieder bei Bewusstsein und voll bewegungsfähig.


Der Vorwurf:

„Für die eigentlichen Versuche werden einzelne Vögel in einem runden Plexiglas-Käfig in einem speziellen Gebäude untergebracht.“

Unsere Antwort:

Die Vögel werden vor, während und nach dem Versuch auf angemessene Weise[2] in Volieren oder Einzelkäfigen gehalten.

Für die Versuchszeit, in der die Vögel Magnetfeldstimuli in der Stärke des normalen Erdmagnetfeldes erhalten, werden sie in einem nicht-magnetischen Gebäude gehalten.


Der Vorwurf:

„Für die eigentlichen Versuche werden einzelne Vögel unterschiedlichen magnetischen Reizen ausgesetzt.“

Unsere Antwort:

Die Magnetfeldreize, die die Tiere erhalten, sind nicht stärker als die doppelte Magnetfeldstärke der Erde. Vögel, Menschen und alle anderen Lebewesen sind diesen Reizen permanent ausgesetzt (eine doppelte Magnetfeldstärke kommt beispielsweise innerhalb von Gebäuden vor).

Zum Vergleich: Bei der Magnetresonanztomographie (MRT) – einem in der Tier- und Humanmedizin anerkannten bildgebenden Verfahren zur Darstellung der Gewebestrukturen im Körperinneren – werden Patienten Magnetfeldern ausgesetzt, die mehr als tausend Mal stärker sind als die Magnetfelder, die die Vögel als Stimuli erfahren.


Der Vorwurf:

„Zu bestimmten Zeitpunkten werden die Tiere getötet, indem unter Narkose Formalin ins Herz injiziert wird, bis alles Blut ausgetauscht ist. Das Gehirn wird in Scheiben geschnitten und untersucht.“

Unsere Antwort:

Richtig ist, dass die Vögel mit einer Überdosis von Narkosemitteln fachgerecht eingeschläfert werden – auf die Weise, wie es auch in der Veterinärmedizin üblich ist. Die Gewebefixierung erfolgt erst nach dem Tod.


Der Vorwurf:

„Die Uni steht bereits seit Jahren in der öffentlichen Kritik für ihre leidvollen Versuche an wildgefangenen Rotkehlchen und anderen Vögeln.“

Unsere Antwort:

Die Untersuchungen an Vögeln, die an der Universität Oldenburg durchgeführt werden, bestehen in erster Linie aus Verhaltensbeobachtungen. Zu den wissenschaftlichen und ethischen Grundsätzen unserer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gehört, dass aus Forschungsgründen so wenige Vögel wie möglich getötet werden.

Versuchsserien, bei denen Tiere getötet werden, werden nur dann durchgeführt, wenn statistisch belegbare Ergebnisse mit kleinen Stichproben zu erwarten sind. Forschende verzichten bewusst auf wissenschaftlich vielversprechende Versuche, wenn die dafür erforderliche Tierzahl zu hoch ist.

Unsere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler investieren viel Zeit und Mühe, um neue Wege zu gehen, die die Anzahl der Tierversuche und -tötungen reduzieren. Ein Beispiel: Ein Eiweiß, das in den Augen von Vögeln vorkommt, konnte kürzlich erstmals mit Hilfe von Bakterienkulturen in großen Mengen im Labor produziert werden. Seine ausgeprägte Empfindlichkeit für Magnetfelder ist inzwischen nachgewiesen und in dem renommierten Fachmagazin Nature publiziert (https://www.presse.uni-oldenburg.de/mit/2021/109.html).


[1] Mit einem Maximalbestand von 6.150.000 ist die Mönchgrasmücke die vierthäufigste Vogelart in Deutschland; vgl. Publikation „Vögel in Deutschland – Übersichten zur Bestandssituation“ (2019) im Auftrag des Dachverbandes Deutscher Avifaunisten (DDA), des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) und der Länderarbeitsgemeinschaft der Vogelschutzwarten (LAG VSW): https://www.bfn.de/fileadmin/BfN/monitoring/Dokumente/ViD_Uebersichten_zur_Bestandssituation.pdf.

[2] Vgl. Gutachten „Mindestanforderungen an die Haltung von Kleinvögeln“, erstellt im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. Das Gutachten dient der Auslegung des Tierschutzgesetzes und führt aus, welche Anforderungen an eine tierschutzgerechte Haltung der im Gutachten genannten Vogelarten nach Paragraph 2 des Tierschutzgesetzes zu stellen sind: https://www.bmel.de/DE/themen/tiere/tierschutz/haltung-kleinvoegel.html

Internetkoordinator (Stand: 07.07.2021)