Zeitkritische Übergänge im Entlassmanagement als ethische Herausforderung ländlicher Gesundheitsversorgung
Zeitkritische Übergänge im Entlassmanagement als ethische Herausforderung ländlicher Gesundheitsversorgung
Jann Niklas Vogel1, Hanna Hilgenhof1, Ivonne Honekamp1, Anne Petereit2, Valerie Bühler2, Chiara Kleinschmidt2, Stefan Schmidt2
1 Fachbereich Gesundheit, Pflege, Management, Hochschule Neubrandenburg
2 Fakultät für Wirtschaft, Hochschule Stralsund
Hintergrund: Das Entlassmanagement bildet eine zentrale, zeitkritische Schnittstelle der Gesundheitsversorgung, an der verkürzte Verweildauern, institutionelle Prozesse und gesetzliche Rahmenbedingungen auf begrenzte poststationäre Versorgungsstrukturen treffen. In ländlichen Regionen werden diese Herausforderungen durch räumliche Distanzen zusätzlich verstärkt. Zeitliche Passungsprobleme zwischen stationärer, ambulanter und kommunaler Versorgung beeinträchtigen die Versorgungskontinuität, Prävention und gesundheitliche Teilhabe und sind damit ethisch relevant.
Methodik: Der Beitrag basiert auf einem bis September 2026 laufenden Verbundprojekt zur Untersuchung des Entlassmanagements und der Anschlussversorgung in ländlich geprägten Regionen Mecklenburg-Vorpommerns. Die Methodik folgt einem Mixed-Methods-Design. Zunächst wurde ein Scoping Review durchgeführt, gefolgt von leitfadengestützten Fokusgruppendiskussionen mit regionalen Akteur*innen aus Gesundheitswesen, Pflege, Sozialarbeit, Verwaltung und Zivilgesellschaft. Anschließend erfolgte eine landesweite standardisierte Fragebogenerhebung unter allen Krankenhäusern des Bundeslandes. Zur Vertiefung wurden weitere Fokusgruppendiskussionen unter Anwendung der Strukturlegetechnik durchgeführt. Ergänzend sind im Frühjahr 2026 nachgelagerte Einzelinterviews mit Patient*innen sowie zentralen Akteur*innen des Gesundheitswesens vorgesehen.
Ergebnisse: Die bisherigen Auswertungen deuten darauf hin, dass im ländlichen Raum wohnortnahe Übergangs-, Kurzzeit- und Tagespflegeangebote teilweise fehlen, wodurch die zeitnahe Organisation der Anschlussversorgung erschwert wird. Heterogene Kommunikationsstrukturen und unklare Zuständigkeiten führen zu Verzögerungen im Versorgungsprozess. Diese zeitlichen Diskrepanzen begünstigen Versorgungsbrüche, verlängerte Krankenhausaufenthalte oder weiter entfernte Verlegungen und betreffen insbesondere ältere Menschen sowie Personen mit komplexen Versorgungsbedarfen. Gleichzeitig wurden regionale Ressourcen identifiziert, die eine verbesserte zeitliche Koordination unterstützen.
Schlussfolgerung: Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Entlassmanagement im ländlichen Raum neben organisatorischen auch ethisch relevante Dimensionen hat. Zeit erweist sich als zentrale Versorgungsressource, deren Verfügbarkeit maßgeblich über Versorgungskontinuität und gesundheitliche Teilhabe entscheidet.