Ethische Herausforderungen des professionellen Lehrhandelns im Hochschulkontext: Die Methode der kollegialen Fallberatung

Ethische Herausforderungen des professionellen Lehrhandelns im Hochschulkontext: Die Methode der kollegialen Fallberatung

Corinna Klingler1, Solveig Lena Hansen2

1 Institut für Ethik, Geschichte & Theorie der Medizin, Ludwig-Maximilians-Universität München

2 Institut für Public Health und Pflegeforschung, Universität Bremen

Dauer: 180 min

Hintergrund: Ethik-Lehre in den Gesundheitsprofessionen zielt darauf, Studierende zu ethisch reflektiertem und verantwortungsvollem professionellem Handeln zu befähigen. Während Inhalte, Kompetenzen und Curricula der Gesundheitsethik breit diskutiert werden, bleibt eine zentrale Dimension bislang weitgehend unbeachtet: die ethische Reflexion des Lehrhandelns selbst. Fragen nach Verantwortung, Machtasymmetrien, Fairness, Fürsorge, Grenzziehungen, Belastung oder möglichem Schaden in Lehr-Lern-Beziehungen werden in der Hochschullehre kaum systematisch adressiert. Diese Leerstelle bezeichnen wir als Ethik der Ethik-Lehre in den Gesundheitsprofessionen (EELG).

Der Workshop geht von der Annahme aus, dass Ethik-Lehre nicht nur über Inhalte wirkt, sondern in besonderer Weise über das konkrete Handeln der Lehrenden. Lehrpersonen prägen Lernprozesse durch Kommunikation, Entscheidungspraktiken sowie den Umgang mit sensiblen Themen, Leistungsbewertung und individuellen Belastungslagen von Studierenden. Gerade in den Gesundheitsprofessionen sind Lehr-Lern-Beziehungen häufig von strukturellen Machtasymmetrien geprägt und zugleich thematisch mit existenziellen, moralisch herausfordernden Fragen verbunden. Damit weisen sie Parallelen zu professionellen Beziehungen im Gesundheitswesen selbst auf. Dennoch existieren bislang kaum etablierte Formate, in denen Lehrende diese ethischen Herausforderungen ihrer Lehrpraxis gemeinsam reflektieren, systematisch einordnen und als Gegenstand ethischer Analyse ernst nehmen können.

Ziele des Workshops: Ziel des Workshops ist es, die Ethik der Ethik-Lehre als eigenständiges ethisches Themenfeld sichtbar zu machen und einen praxisnahen Reflexionsraum zu eröffnen. Der Workshop verfolgt drei Ziele:

  1. die gemeinsame Exploration dessen, was als ethische Themen und Konfliktlagen der Ethik-Lehre verstanden werden kann,
  2. die strukturierte Reflexion konkreter Fälle aus der eigenen Lehr- und Studierpraxis,
  3. die Identifikation von Forschungs-, Qualifizierungs- und Entwicklungsbedarfen im Bereich der EELG.

Ablauf des Workshops: Methodisch ist der Workshop dialogisch, interaktiv und erfahrungsbasiert angelegt und erstreckt sich über 180 Minuten inklusive Pause. 

Der Ablauf ist dabei wie folgt anvisiert:

  • Einführung und Vorstellungsrunde (15 Minuten)
  • Brainstorming und Strukturierung ethischer Themen der Ethik-Lehre (45 Minuten)
  • Einführung in die kollegiale Fallberatung und Fallauswahl (15 Minuten) 
  • kollegiale Fallberatung inkl. Pause (60 Minuten)
  • abschließende Reflexions- und Transferphase (45 Minuten) 

In der Vorstellungs- und Einführungsphase werden Zielsetzung, Ablauf und Arbeitsweise transparent gemacht sowie Erwartungen der Teilnehmenden aufgenommen. Anschließend sammeln die Teilnehmenden in einem moderierten Brainstorming ethisch herausfordernde Situationen aus ihrer eigenen Lehrpraxis und konturieren gemeinsam zentrale Themenfelder der EELG.

Darauf aufbauend bildet die kollegiale Fallberatung den Kern des Workshops. Dabei wird ein Fall aus der Gruppe ausgewählt, der dann dem Modell der kollegialen Fallberatung folgend besprochen wird. Dieses Format eignet sich in besonderer Weise für die ethische Reflexion professioneller Praxis, da es auf Gleichwürdigkeit, Rollenklarheit, Perspektivenvielfalt und Orientierung an intersubjektiver Verständigung basiert und auch in der Hochschule z.B. im Rahmen von Intervisionsgruppen umsetzbar ist. In einem klar strukturierten Ablauf mit definierten Rollen (Fallgeber*in, Beratende, Moderation) werden (erlebte oder beobachtete) Fälle aus dem Lehr-Lern-Alltag der Teilnehmenden bearbeitet. Der Ablauf umfasst die strukturierte Fallvorstellung mit Formulierung einer offenen Fallfrage, eine Phase klärender Verständnisfragen, die gemeinsame Entwicklung von Deutungen und Perspektiven sowie die Formulierung möglicher Handlungsoptionen, die abschließend an die fallgebende Person zurückgespiegelt werden. 

Eine abschließende Reflexions- und Transferphase bietet Raum Perspektiven für den Umgang mit zentralen ethischen Spannungsfeldern der Ethik-Lehre sowie Leerstellen in der Forschungslandschaft zu entwickeln. Diskutiert wird unter anderem, inwiefern individuelle Falllösungen an strukturelle Grenzen stoßen, welche Rolle formale Leitlinien oder Kodizes spielen können und welche empirischen Zugänge geeignet wären, um die bislang wenig erforschte Praxis der Ethik-Lehre systematisch zu untersuchen. Es soll ebenfalls zur Sprache kommen, inwieweit die kollegiale Fallberatung eine geeignete Form der Besprechung ethischer Konflikte im Lehrkontext darstellt oder ob andere Ansätze (ggf. aus der klinischen Ethik) möglicherweise geeigneter sind. Der Workshop versteht sich damit auch als Impulsgeber für weiterführende Forschung, Vernetzung und Qualifizierung im Bereich der EELG.

Zielgruppe: Der Workshop richtet sich an Lehrende und Studierende; aus beiden Gruppen können Personen als Fallgeber*in und/oder Beratende teilnehmen.

Internetkoordinator (Stand: 24.06.2026)  Kurz-URL:Shortlink: https://uol.de/p119947
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