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Predigt May

3. Universitätspredigt von Prof. Dr. Angelika May

St. Lamberti-Kirche Oldenburg

27. April 2014 (Quasimodogeniti)

Lesung des Evangeliums (zugleich Predigttext): Johannes 20, 24-29

Thomas aber, der Zwilling genannt wird, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Da sagten die anderen Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann ich’s nicht glauben.

Und nach acht Tagen waren seine Jünger abermals versammelt, und Thomas war bei ihnen. Kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren, und tritt mitten unter sie und spricht: Friede sei mit euch! Danach spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott! Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich gesehen hast, Thomas, darum glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.
Noch viele andere Zeichen tat Jesus vor seinen Jüngern, die nicht geschrieben sind in diesem Buch. Diese aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen.

Aus: Hoffnung für alle – Die Bibel. Brunnen Verlag, Basel, 2003.

Thomas, einer der zwölf Jünger, der auch Zwilling genannt wurde, war nicht dabei. Deshalb erzählten die Jünger ihm später: „Wir haben den Herrn gesehen.“

Doch Thomas zweifelte:

„Das glaube ich nicht! Ich glaube es erst, wenn ich seine durchbohrten Hände gesehen habe. Mit meinen Fingern will ich sie fühlen, und meine Hand will ich in die Wunde an seiner Seite legen.“
Acht Tage später hatten sich die Jünger wieder versammelt. Diesmal war Thomas bei ihnen. Und obwohl sie die Türen wieder abgeschlossen hatten, stand Jesus auf einmal in ihrer Mitte und grüßte sie: „Friede sei mit euch.“ Dann wandte er sich an Thomas: „Leg deinen Finger auf meine durchbohrten Hände! Gib mir deine Hand und leg sie in die Wunde an meiner Seite. Zweifle nicht länger, sondern glaube!“ Thomas antwortete: „Mein Herr und mein Gott!“ Jesus sagte zu ihm: „Du glaubst, weil du mich gesehen hast. Wie glücklich können erst die sein, die mich nicht sehen und dennoch glauben!“

Predigt

Liebe Gemeinde,

ich begrüße Sie herzlich zum 3. Universitätsgottesdienst, den wir im 40. Jubiläumsjahr der Universität Oldenburg abhalten. Wir stehen am Beginn der österlichen Freudenzeit und dürfen uns von der Hoffnung getragen fühlen, dass alles gut wird, unser Weg ins Helle führt. Heute ist der 1. Sonntag nach Ostern, im Kirchenjahr Quasimodogeniti, was übersetzt heißt: wie die neugeborenen Kinder. Können wir das heute, so glauben, Vertrauen haben und Liebe annehmen, vorbehaltlos und ohne Misstrauen, wie ein eben auf die Welt gekommenes Kind, das sich einhüllen lässt in die Liebe seiner Eltern und
Nächsten?

Für meinen Sohn, er ist eben sieben Jahre alt geworden, ist die Sache noch klar: „Ich weiß noch nicht, ob ich mal glauben werde, aber ich glaube schon!“ Und damit ist vieles gesagt, über das Vertrauen zu Gott, das uns Großen vielleicht häufig nicht so glatt über die Lippen geht. „Denn glauben heißt, etwas für wahr halten, was man nicht sieht, auf etwas vertrauen, was vielleicht nie existiert. Im Zeitalter der Vernunft erscheint der Gottesglaube nicht nur unvernünftig, sondern naiv.“1 Das Kinderwort spricht aber auch die Zweifel an, die jeden und jede von uns überkommen, wenn wir nicht sehen, woran wir glauben möchten, wenn nicht zu unserer Erfahrung passt, was wir erleben, wenn wir nicht dabei waren und mit eigenen Augen sehen durften, was geschah. Insofern ist der zweifelnde Thomas, den ich in meiner Schulzeit noch als den ungläubigen kennen gelernt habe, eine moderne Figur, die dem Glauben in unserer heutigen Zeit einen Weg weist: Nachfragen ist erlaubt!

Thomas hörte von der Auferstehung und verstand sie doch nicht. Er konnte nicht glauben, dass Jesus den Tod überwunden hat. Und stellt zweifelnde Fragen und bittet um Beweise. Jesus lässt diese Bitte zu, ohne Thomas zu tadeln, mehr noch: Er wendet sich dem zweifelnden Thomas ganz besonders zu2. Jesus selbst bietet Thomas den Nachweis an, nach dem er so verlangt: „Leg deinen Finger auf meine durchbohrten Hände! Gib mir deine Hand und leg sie in die Wunde an meiner Seite.“ Und zu dessen eigener Überraschung braucht Thomas dann plötzlich den Beweis nicht mehr, der ihm eben noch so zentral erschien, um vertrauen und glauben zu können.

Es wird nicht berichtet, ob Thomas den Auferstandenen wirklich anfasst. Jahrhunderte christlicher Kunst zeigen Thomas, wie er den Finger in die Wunde legt. Der Text sagt darüber nichts. Für mich fängt Ernst Barlach mit seiner Skulptur „Christus und Thomas“ das Wesentliche der Situation gut auf, wenn er Thomas in Jesu Arme sinken lässt: Mein
Herr und mein Gott.

1 DIE ZEIT, 19.12.2013. Glauben.
2
Dr. A. Rinn-Maurer, Mainz

Nachfragen, nicht alles einfach so hinnehmen, selber verstehen, bevor man anderen glaubt – das sind die Eckpfeiler dessen, was ich auch heute noch, in der nutzen- orientierten, gehetzten Zeit der Bachelor- und Masterstudiengänge, meinen Studierenden der Mathematik oder denen, die Mathematik als Werkzeug brauchen, mitgeben möchte. Insofern ist der zweifelnde Thomas eine mir sympathische Figur.

Vielleicht hätte er sich der Mathematik zugewandt, in einer anderen barrierefreien Gesellschaft, dazu Philosophie studiert. Denn die Mathematik, mein Fach und meine Leidenschaft, ist mehr eine Geistes- und jedenfalls keine Naturwissenschaft. Eine formale Sprache, auf der Suche nach schönen Mustern und sich wiederholenden Strukturen, die zur Charakterisierung eingesetzt werden. Die Zahlen sind dabei ein prominenter Darsteller, aber nicht der einzige und auch nicht der wichtigste.

Und nein, Mathematik ist auch nicht Rechnen mit Buchstaben statt mit Zahlen, wie viele meiner Nicht-Mathematik-Studierenden formulieren, wenn sie ihre Angst vor dem fehlerfreien abstrakten Denken, das ich ihnen abverlange, in Worte packen wollen. So gibt die Schule, sicher unbewusst, Kindern und Jugendlichen Bilder mit auf den Weg,die sich hartnäckig festsetzen. Mein Sohn auf die Frage seines Paten, wie es denn in der Schule so sei: Eigentlich mag ich alle Fächer, nur Religion mag ich nicht so, da müssen wir immer malen! Leider hat die Musik die Mathematik als Lieblingsfach abgelöst, daran hat Herrn Göttings Orgel ihren Anteil, aber auch die „langweiligen“ Rechenpäckchen im Buch.

Lassen Sie uns also gemeinsam ein bisschen eintauchen in mathematisches Denken.

Starten wir mit den Zahlen, von denen wir umgeben sind, die wir zum Messen brauchen. Ich bin sicher, viele von ihnen haben sich schon einmal mit der Frage nach der größten Zahl beschäftigt. Die Kinderfrage dazu: Wie groß ist die größte Zahl? formuliere ich völlig korrekt um zu „Besitzt die Menge der natürlichen Zahlen eine obere Schranke ?“ und schon habe ich in vielen von Ihnen das Bild „Mathe fand ich immer unverständlich“ (wenn nicht Schlimmeres) hervorgeholt. Dabei können wir das ganze mit einem Spiel beweisen. Wir nehmen unsere Zählzahlen 1,2,3,4,5 … (die Mathematik nennt sie natürliche), und Sie denken sich eine große Zahl aus dieser Menge aus, die Sie für die größte halten. Sie und ich wissen, dass, egal welche Zahl Sie nehmen, durch das Addieren von 1 eine größere Zahl entsteht. Ich wähle also einfach Ihre Zahl plus 1, und schon hat Ihre Zahl den Siegerplatz „Die Größte“ auf dem Treppchen verloren. Diese Art der Beweisführung heißt indirekt, und wir haben mit unserem kleinen Spiel das Gegenteil der Aussage „Es gibt eine größte Zählzahl“ bewiesen. Na ja, den Studierenden im 1. Semester würde ich jetzt erklären, dass es sich mehr um eine heuristische Vorstufe handelt und dass man für den richtigen Beweis noch einmal alles von hinten her aufschreiben muss, damit es auch formal seine Richtigkeit hat.

Viele spürten das Bedürfnis, mit diesem unendlich großen Objekt, das keine Zahl ist, weiter Mathematik zu treiben. Dazu bekam es bereits im 17. Jahrhundert von Herrn Wallis das Symbol einer liegenden Acht ∞ zugewiesen. Es scheint verlockend, mit dieser Nicht-Zahl doch ein wenig zu rechnen, etwa „1 durch Unendlich“, also den Kehrwert, zu betrachten. Wenn alles stimmt, muss dabei eine unendlich kleine Nicht- Zahl herauskommen. Solche Infinitesimalzahlen können wir dadurch beschreiben, dass sie näher an Null liegen als jede andere, von Null verschiedene Zahl. Das Verblüffende ist, dass man mit einem etwas hemdsärmeligen Herangehen, das wir gerne den Physikern zuschreiben, formal damit recht gut rechnen kann. Auch eine ganze Theorie, die der Nicht-Standard Analysis, lässt sich auf diesem infinitesimalen Nicht-Zahl Objekt gründen. Der streitbare und umstrittene zeitgenössische Mathematikhistoriker Detlef Spalt hat darauf hingewiesen, dass man die historischen Veränderungen, die die Natur der mathematischen Objekte durchmachen3, einbeziehen muss (und dies zu selten tut) um frühere mathematische Werke zu würdigen. Ihm gelingt mit diesem Zugang zu den Infinitesimalzahlen eine Rettung vermeintlich falscher Resultate von Cauchy, einem eigentlich anerkannt großen Mathematiker des angehenden 19. Jahrhunderts.

Dieses subjektive historische Element ist irritierend. Mathematische Wahrheit verlangt nach einem Beweis, der aus Annahmen (kurz formuliert: es sei) und zulässigen logischen Schlussregeln das Postulierte folgert oder durch ein Gegenbeispiel widerlegt. Wie der Beweis geführt wird, folgt aus der Idee, der Kreativität des Mathematikers, der sprachlich und von der bildlichen Vorstellungswelt her ein Kind seiner Zeit ist. (In den 1930er Jahren streng formal aus der Schule Bourbakis, heute zunehmend gestützt durch bunte Bilder aus dem Computer.) Was als Beweis akzeptiert wird, ist eine soziale Konvention der mathematischen Community und hat für viele von uns auch mit einem Gefühl von mathematischer Eleganz und Ästhetik zu tun4. Der Beweis, unumstössliches Zeichen mathematischer Wahrheit, hat also mit den Menschen zu tun, die ihn verfassen und anerkennen, ebenso wie wir bei sprachlichen Texten, auch biblischen, nach dem Autor, seinem historisch-gesellschaftlichen Kontext und seinem Erzählauftrag fragen dürfen.

Ich möchte Sie gleich noch einmal überraschen, wie kurzweilig mathematisches Fragen und Beweisen sein kann. Wir alle glauben sicher zu wissen: Wer die Hälfte abgibt, hat weniger als vorher. Stimmt das wirklich immer?

Statt der Zahlen wollen wir uns dem verwandten Zählen zuwenden. Diese Kulturtechnik ist der des Messens verwandt, antwortet aber auf die Fragen gleich viel, weniger oder mehr? Bei meiner Tochter wurde die Schulreife (unter anderem, natürlich) so festgestellt: Du siehst hier eine Reihe Autos und eine Reihe Perlen – sind es mehr Autos oder mehr Perlen? Eine Lösung besteht darin, jedem Auto eine Perle zuzuschieben und zu sehen, ob und wo (bei den Autos oder den Perlen) ein Rest bleibt. Und damit haben wir die geniale Idee Georg Cantors nachgeahmt: Bei einer Eins-zu-eins Beziehung von
Autos und Perlen sind es gleich viele.

3 D. Spalt, Vollständigkeit als Ziel historischer Explikation. Eine Fallstudie. Collegium Logicum 1, 1995, pp. 26-36
4
DIE ZEIT, 27. April 2006, WISSEN: Das bittere Ende der Logik

Und damit zurück zu den (unendlich vielen!) Zählzahlen. Gerade und ungerade Zahlen unterscheiden sich dadurch, ob man sie ohne oder mit Rest durch zwei teilen kann. Und da jede gerade Zahl genau einen ungeraden Partner hat, könnte man wegen dieser Eins- zu-Eins Beziehung sagen: Es gibt gleich viele gerade wie ungerade Zahlen. Ist damit die Hälfte aller Zählzahlen gerade? Schließlich fehlt jede zweite (ungerade) Zahl.

Überraschenderweise können Sie alle geraden Zahlen durchnummerieren und Nummerieren bedeutet: Es gibt eine Eins-zu-Eins Beziehung, also gibt es genau so viele gerade Zahlen wie Zählzahlen. Begriffe wie „weniger“ oder „halb so viel“ müssen also anders interpretiert werden, wenn es um Mengen mit unendlich vielen Elementen geht. Die Anzahl der Elemente einer Menge nennt die Mathematik ihre Mächtigkeit. Bei den Zählzahlen von eben nennen wir die Mächtigkeit und sprechen von „abzählbar unendlich“.

Unendlich ist also ziemlich groß, ∞ oder - und irritierend anders. Wir verstehen, was es nicht ist und kriegen es doch trotz Beweises nicht ganz genau zu fassen.

Wenn wir uns an dieser Stelle erlauben, in die theologische Wissenschaft zu schauen, stellen wir fest, dass die Frage nach der wahren Person Jesu, also dem Miteinander der göttlichen und menschlichen Natur Jesu vor einem ähnlichen Dilemma steht. Und wir verstehen noch einmal Thomas, der zunächst den irdischen Jesus zurück haben möchte, mit dem er unterwegs gewesen war, ehe er die neue Natur annehmen kann, vertrauend glauben kann. Das Konzil von Chalcedon 4515 beendete einen jahrelangen theologischen Richtungsstreit zu den Naturen Jesu Christi mit den Worten „Einziggeborener in zwei
Naturen unvermischt, unverändert, ungeteilt und ungetrennt“. Wobei wir hinter der Umschreibung, was nicht ist, in der Wortwahl auch die geschichtliche Situation sehen, aus der heraus formuliert wurde.
Und wir setzen mathematisch noch eins drauf mit der Frage: Ist die Anzahl der Zählzahlen eigentlich das größte Unendlich, das mathematisch denkbar ist? Oder formaler gefragt: Gibt es Mengen, die nicht abzählbar im eben eingeführten Sinne sind? Wenn der Schulunterricht positiv einprägsam für Sie war, werden Sie sich erinnern, dass auch alle Brüche (aus positiven Zählzahlen bestehend) nummeriert werden können, wenn Sie sie über die Diagonalwege in einem unendlich großen Quadratgitter zählen.

Zur Beantwortung unserer Frage: Geht es noch größer? betrachten wir eine schöne Veranschaulichung, die in der Mathematik als Hilberts Hotel bekannt ist. Dieses habe unendlich viele (durchnummerierte) Einzelzimmer, die in einer langen Reihe angeordnet sind. Ein weiterer Gast, der anklopft, findet problemlos einen Platz, indem alle eins nach rechts rücken. Mit dem gleichen Argument wie eben bei den geraden Zahlen kommen auch abzählbar unendlich viele Gäste, die in einem unendlich langen Bus anrollen, unter,
und zwar in den Zimmern mit den ungeraden Zimmernummern (z.B.).

5 Diesen Hinweis verdanke ich Dr. R. Hennings, Oldenburg

Aber sogar Busse, jeder mit Gästen besetzt, finden Platz, indem man zwischen den bereits ausgestiegenen Gästen immer größere Lücken lässt (erst ein Zimmer, dann zwei, dann drei frei und so weiter). Somit gilt die Mächtigkeitsarithmetik = , und man könnte auf die Idee kommen, dass jede unendliche Menge die Mächtigkeit haben könnte.

Es ist die Leistung Georg Cantors, eines Mathematikers des ausgehenden 19. Jahrhunderts, gezeigt zu haben, dass es in der Tat viel größere Mengen gibt, die überabzählbar genannt werden und die Mächtigkeit  besitzen(und die wir beispielsweise benötigen,um der Kreiszahl π eine Heimat zu geben).

Die Frage liegt nahe: Geht es so weiter, kann man vielleicht durch das formal korrekte Operieren mit den Beweisen selbst als mathematische Objekte Konsistenz, also Widerspruchsfreiheit der Mathematik zeigen? Fragen wie diese stellte die damals aufblühende Logik, sie beschäftigten Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts nicht nur David Hilbert, den Namensgeber des Hotels. Kurt Gödel konnte bereits 1930 die Grenzen der Logik aufzeigen und auf einer Fachkonferenz einen Unvollständigkeitssatz vortragen, der einen Fachkollegen, John von Neumann, einige Monate später in einem Brief an Gödel das Folgende formulieren ließ: „Ich konnte zeigen, dass die Widerspruchsfreiheit der Mathematik unbeweisbar ist.“ Es gibt also wahre, wenn auch unbeweisbare Aussagen, und diese Lücke zwischen Beweisbarkeit und Wahrheit ermöglicht uns zu beweisen, dass es eine Lücke gibt. Damit war der Nachweis erbracht, dass es in hinreichend komplexen Theorien immer unentscheidbare Aussagen gibt, also Sätze, die weder bewiesen noch widerlegt werden können. Was eine schwere Krise hätte hervorrufen können, ließ die meisten Mathematiker unberührt, obwohl Beispiele für nicht entscheidbare Sätze gefunden wurden. Die meisten machten einfach weiter. Großen Zweifeln sah sich hingegen das Beweisen mit dem Computer durch Überprüfen einer großen Zahl von Spezialfällen gegenüber, praktiziert etwa 1976 beim Beweis des
Vier-Farben-Satzes. Im Gegensatz zum unübersichtlichen Maschinencode zeigt ein guter Beweis immer auch, wieso etwas wahr ist. Jedenfalls war das lange so. Heute haben viele Probleme eine derartige Komplexität erreicht, dass die mathematische Gemeinschaft zunehmend Beweise nicht mehr mit Sicherheit darauf prüfen kann, ob der Nachweis nun erbracht ist oder nicht.

Wenn Sie jetzt einen Eindruck davon bekommen haben, dass es der Mathematik als Wissenschaft nicht um den Nutzen, sondern um innermathematischen Erkenntnisgewinn geht, können Sie mit mir über die folgende Anekdote schmunzeln:

„Ein Mann in einem Ballon verliert die Orientierung. Um zu erfahren, wo er sich befindet, seilt sich der Ballonfahrer zu einem Spaziergänger unter ihm ab und fragt:
„Bitte, sagen Sie mir doch, wo ich mich befinde.“ Der Spaziergänger denkt eine Weile nach und antwortet: „Sie sind unter Ihrem Ballon.“ Daraus folgt: Der Spaziergänger muss ein reiner Mathematiker sein, denn er hat vorm Antworten nachgedacht, seine Aussage ist unzweifelhaft wahr, und man kann mit der Aussage nichts anfangen.“

Diese Einstellung zur Wahrheit mag man für unsere heutige Zeit ebenfalls als naiv bezeichnen, aber ohne sie lebt die Mathematik nicht.

Die Anekdote wurde übrigens am Rande einer der legendären Arbeitstagungen des Max Planck Instituts für Mathematik in Bonn erzählt, einem der Orte, wo auch heute noch nutzenfrei und ausschließlich an mathematischen Fragen orientiert, nachgedacht werden darf. Bettina Heintz, die am besagten MPI eine, man muss wohl sagen, Feldstudie6 über die Spezies der Mathematiker machen durfte, war überrascht, wie stark sich dieses Erkenntnisstreben im Dialog mit anderen Mathematikern abspielt und wie offen (in einer Zeit, in der viele Forschung nur noch im Schatten ihrer Patentanwälte betreiben) Mathematiker Ergebnisse mit ihrer Community teilen und diskutieren.

In meiner eigenen Forschung geht es um Modelle für den Finanzmarkt. Ziel ist die Messung des Risikos großer Finanzportfolios mit dem Ziel möglichst wenige Total- verluste (Ruin) von Unternehmen zuzulassen. Wir liefern dabei Modelle und empirische Analysen für Finanztitel, deren künftige Entwicklung ungewiss ist, aber (und das steht im Gegensatz zur Naturwissenschaft) deren heutiger Wert bereits eine Konsequenz mathematischer Bewertung ist. Wesentlich ist die Modellierung von Unsicherheit am Finanzmarkt (zum Beispiel durch die Psychologie der Marktteilnehmer, technologische Innovation, aber auch externe „Schocks“ wie Naturkatastrophen). Ein mathematisches Modell ist dabei nie real, sondern bildet die Realität (hoffentlich hilfreich) ab. Auch wenn die Korrektheit der verwendeten Verfahren natürlich bewiesen werden kann, bleiben einschränkende theoretische Annahmen, die ich für mein Gedankenexperiment mache. Die Verwechslung von realem Finanzmarkt und Modell muss dabei, so formuliert es einer der Pioniere im Feld, Emanuel Derman7, in die Katastrophe führen und hat als blinde Modellgläubigkeit in der Tat schon mehr als eine Bankenkrise hervorgerufen.

Neu und einzigartig in diesem Feld ist, dass die Europapolitik über das Aufsichtsrecht vereinheitlichend Modelle und damit eine Lesart der vorhandenen, also vergangenen Daten vorschreibt. Das ist ein enormer Jobmotor für Finanzmathematiker, setzt aber dem gesunden mathematischen Zweifel und dem Bestreben, es so gut zu machen, wie es der mathematische Kenntnisstand und das individuelle Vermögen zulassen, enge Grenzen. Mit einem Quervergleich zur Exegese könnte man das – zugegebenermaßen reißerisch – vergleichen mit einem Rückfall vor die Zeit der Aufklärung und Reformation.
Und ganz am Ende bleibt die Frage: Wissen Sie nun, wie groß unendlich ist? Können Sie es sehen und anfassen? Und vor allem: Müssen Sie das? Im Laufe unseres Lebens erwerben wir alle unterschiedliche Vorstellungen von vielen Dingen, Bilder setzen sich im Kopf fest und manchmal bietet sich die Gelegenheit mit einigem aufzuräumen. Nicht alles, was die normale Lebenswirklichkeit uns beigebracht hat, hat Bestand. Das gilt für die Mathematik wie für den Glauben.

6 B. Heintz, Die Innenwelt der Mathematik. Zur Kultur und Praxis einer beweisenden Disziplin. Springer, 2000
7
E. Derman, Models Behaving Badly. Hoffmann und Campe.2013

So bleibt Mathematik jeden Tag aufs Neue spannend, wenn man hartnäckig immer wieder: Warum? fragt, und in diesem Sinne passt die Haltung des zweifelnden Thomas ganz hervorragend zu unserer Zunft. Und in unsere Zeit, denn die Zeit, in der die Kirche keine Zweifel zuließ, liegt zum Glück weit hinter uns.

Wir alle dürfen also getrost mit der Hartnäckigkeit des Wahrheit suchenden Mathematikers Fragen stellen und zweifeln, solange wir dies nicht schwarzseherisch tun, sondern dem Neuen eine Chance geben. Auch wenn wir die theologische Ewigkeit genau wie die mathematische Unendlichkeit nicht haptisch erfahren können. Und so brauchen wir – genau wie Thomas – die Gewissheit der reißerischen Schlagzeile von Spiegel online vom 9. September 2013 „Mathematiker bestätigen Gottesbeweis“ nicht, in der wir unseren Bekannten Kurt Gödel wieder treffen, der die Existenz Gottes schon 1941 als gesichertes logisches Theorem formulierte und dessen Beweis nun computergestützt lückenlos durchgeführt werden konnte.

Glauben können kommt manchmal überraschend, darf von Zweifeln begleitet werden und vereint – widerspruchsfrei – Denken und Fühlen. Ich wünsche uns allen, dass wir mit Thomas bekennen können „Mein Herr und mein Gott“ und dass wir gemeinsam offen für Neues und vertrauensvoll in eine lichte Woche gehen können, in der Vieles gut wird.

Amen.

Webmiocfiaster (intrjjrernet@uol.de) (Stand: 07.11.2019)