Chrono-normativität, imposed temporalities und Zeitsouveränität in der Notaufnahme – Soziologische Forschung und ethische Reflexionen

Chrono-normativität, imposed temporalities und Zeitsouveränität in der Notaufnahme – Soziologische Forschung und ethische Reflexionen

Andreas Wagenknecht1, Julia Zielke1

1 Institut für Medizinische Soziologie und Rehabilitationswissenschaft, Charité Universitätsmedizin Berlin

Die Notaufnahme gilt als eine besonders zeitkritische Einrichtung des Gesundheitssystem. Angefangen bei der Entscheidung über Dringlichkeiten von Fällen, die sofortige Behandlung bedürfen zu Fällen mit mehrstündigen Wartezeiten oder der Behandlungszufriedenheit von Patient:innen einerseits, die oft damit zusammenhängt, wie lange gewartet werden musste, und andererseits dem unter permanentem Zeitdruck stehenden Personal - die Versorgungspraxis in der Notaufnahme stellt ein Präzedenzfall für die Reflexion des Zusammenhangs von Zeit und Ethik dar. 

Ausgehend von den Erfahrungen älterer Patient:innen in der Notaufnahme, entwickelt der Beitrag eine Heuristik um zeitliche Aspekte der Gesundheitsversorgung zu verstehen, kritisch zu reflektieren und eine zeitsensible Versorgung anzuregen. Dafür werden a) das Konzept der Chrono-Normativität für unseren Kontext und auf Basis empirischer Daten ausbuchstabiert, b) der Begriff der imposed temporalities entwickelt, um Formen der Aufoktroyierung von hegemonialer, temporaler Rationalitäten zu beschreiben, und c) die Zeitsouveränität der Patient:innen und des Personals demgegenüber gestellt.

Datengrundlage bilden 72 teilnehmende Beobachtungen des Notaufnahmeaufenthaltes älterer Patienten:innen. Die Beobachtungsprotokolle umfassen alle relevanten Ereignisse inkl. ihrer Zeitpunkte in chronologischer Reihenfolge. Auf konzeptioneller Ebene werden zeitsoziologische Konzepte der Rhythmusanalyse (Lefebvre) und der Praxistheorie (Bourdieu) verknüpft.

Aspekte wie Ereignisse, Dauer, Sequenzialität, Leerlauf, sowie Körperzeit wurden in der Analyse des Materials identifiziert, um die temporale Entfaltung von Behandlungsverläufen zu verstehen. Beschrieben werden darüber hinaus die (umkämpften) Entscheidungen über Dringlichkeiten, der Gestaltung der Warteräume, belastende Wartezeiten vor und während der Behandlung, die Kommunikation über Zeit, die Unerwartbarkeit und fehlenden Antizipationsmöglichkeiten des Behandlungsverlaufs sowie zeitliche Desorientierung.

Der Verlust von Zeitsouveränität und die Unvorhersehbarkeit des Versorgungsgeschehens werden als Ausgangspunkt einer abschließenden versorgungs-ethischen Reflexion genutzt. Versteht man Zeit als eine institutionelle Herrschaftsform, die Reihenfolge, Ablauf, Rhythmus und Tempo von Versorgungspraktiken normativ wie organisatorisch regelt, wird deutlich, dass und wie Zeit Machtverhältnisse strukturiert und damit als ein zentrales Thema für Gerechtigkeitsfragen zu verstehen ist.

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