Den richtigen Zeitpunkt im Leben finden: operative Eingriffe am Genital bei Kindern mit Varianten der Geschlechtsentwicklung

Den richtigen Zeitpunkt im Leben finden: operative Eingriffe am Genital bei Kindern mit Varianten der Geschlechtsentwicklung

Christoph Rehmann-Sutter

Institut für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung, Universität zu Lübeck

Bei den Abwägungen über operative Eingriffe bei Kindern mit Varianten der Geschlechtsentwicklung stellen sich komplexe ethische Fragen. Wann ist der richtige Zeitpunkt im Leben des Kindes oder des späteren Jugendlichen, diese Entscheidung zu treffen? Internationale Empfehlungen (Endo-ERN 2026 und Council of Europe 2025) wie auch nationales Recht in Deutsch-land (§ 1631e BGB – „Operationsverbot“) verlangen, bei Kindern mit Varianten der Geschlechtsentwicklung chirurgische Eingriffe am Genital, soweit sie nicht dringlich und nicht zur Abwehr einer Gefahr für das Leben oder für die Gesundheit unmittelbar notwendig sind, auf-zuschieben, bis die Person darüber selbst entscheiden kann.

Es geht dabei aber nicht nur darum, die informierte Einwilligung sicherzustellen, die erst mit einem bestimmten Reifegrad im Verlauf der Pubertät und der weiteren geschlechtlichen Entwicklung des Kindes möglich wird. Bei der Wahl des Zeitpunktes spielen neben medizinischen Erwägungen zum Verlauf und zur Optimierung der Eingriffe (i) auch die Perspektive der besorgten Eltern, ihre Vorstellungen über die Zukunft ihres Kindes (ii) und (iii) die Perspektive des Kindes selbst eine Schlüsselrolle. Die Zeitlichkeit der Entscheidungen wird aus diesen Perspektiven unterschiedlich wahrgenommen, was zu Konflikten führt. Die Erfordernis des Kindeswohls stellt aber die Subjektivität des Kindes ins Zentrum. 

Die Entscheidungen erfolgen (iv) in historischer Zeit. Die Geschichte der medizinischen Praxis wurde von wechselnden Paradigmen geprägt: John Moneys „Gender“-Ansatz in den 1950er Jahren, das Erstarken der Selbstorganisationen seit den 1990er Jahren, die Neubeurteilung innerhalb der Medizin (Chicago Konferenz 2005 bis zu den neuesten Richtlinien der pädiatrischen Endokrinologie), sowie der neue rechtliche Schutz der Selbstbestimmung der Betroffenen. Die Intersex-Studies arbeiten diese Geschichte auf (Monro, Berry, Carpenter, Crocetti and Wall 2025). Damit verknüpft ist ein gesellschaftlicher Wandel zu einer Öffnung im Geschlechtersystem, die geschlechtliche Positionen auch jenseits des Binären möglich macht. 

Der Beitrag entwickelt die unterschiedlich wahrgenommenen Zeitlichkeiten und stellt sie zueinander in Beziehung. Das Ziel ist, eine Matrix ethischer Bewertungsdimensionen des Kindeswohls im Einzelfall zu entwickeln, welche die Beurteilung unterstützen kann, wie sie unter § 1631e BGB durch interdisziplinäre Kommissionen und Familiengerichte erfolgt. Selbstbestimmung wird dabei zeitlich und sozial kontextualisiert.


 

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