Der errechnete Geburtstermin (ET) - Ethische Dimensionen eines Instrumentes zur Kontrolle individueller Zeitlichkeiten
Der errechnete Geburtstermin (ET) - Ethische Dimensionen eines Instrumentes zur Kontrolle individueller Zeitlichkeiten
Wiebke Paulsen1, Irene Hirschberg2, Nora Ryback3, Corinna Klingler4
1 Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, Uniklinik RWTH Aachen
2 Institut für Ethik, Geschichte und Philosophie der Medizin, Medizinische Hochschule Hannover
3 Hochschule für angewandte Wissenschaften Campus Wien
4 Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin, Ludwig-Maximilians-Universität München
Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett sind nicht nur sensible Lebensphasen einer Frau, sondern unterliegen auch wenig planbaren Zeitlichkeiten. Sofern keine primäre Sectio angestrebt oder notwendig wird, sind Schwangere, ungeborene Kinder sowie Gesundheitspersonal gezwungen, sich nach natürlich vorgegebenen, individuellen zeitlichen Entwicklungen von Schwangerschaft und Geburt zu richten. Mit dem errechneten Geburtstermin (ET) wird versucht, diese Unplanbarkeit einzuhegen und die „chaotische Zeitlichkeit“ von Geburt kontrollierbarer zu machen. Der ET erscheint als wichtiges Instrument, um potenzielle Risiken für Mutter und Kind durch z.B. Übertragung und Gefahr einer Totgeburt zu reduzieren. So wird in der in 2025 abgelaufenen S2k-Leitlinie „Geburtseinleitung“ bei einer Überschreitung des ET um 10 Tage eine Einleitung empfohlen.
Während der ET Unsicherheiten für involvierte Akteure vermeintlich reduziert, kreiert er gleichzeitig rechtliche, ethische, gesellschaftliche wie medizinische Folgen: Für die Schwangeren gehen mit dem ET und einer möglichen Abweichung davon (externe) Erwartungen und Konsequenzen einher. Dies kann Verunsicherung, Stress und psychische Belastung erzeugen. Für Ärzt:innen kann der ET, per Formel errechnet oder Ultraschall ermittelt, eine Hilfe für die Berechnung der erwarteten zeitlichen Entwicklung und Geburt darstellen. Jedoch kann er auch Handlungszwänge mit sich bringen, die mit Blick auf die tatsächliche vs. die errechnete Zeitlichkeit, Unstimmigkeiten erzeugen. Hebammen wie Ärzt:innen müssen die Entscheidungsfindung für oder gegen die Einleitung einer Geburt begleiten. Sie müssen dabei nicht nur für sich die Risiken für Mutter und Kind abwägen, sondern die Schwangere auch kommunikativ bei der Entscheidung begleiten. Die Herausforderung ist dabei, die Selbstbestimmung der Frau zu wahren und gleichzeitig ein System zu navigieren, das defensive Behandlungsentscheidungen aus Angst vor rechtlichen Konsequenzen begünstigt. Zudem erscheinen auch kulturelle Faktoren die Berechnung des ET zu bedingen, was sich in Varianzen zwischen Versorgungssystemen zeigen könnte. Dies unterstreicht die Bedeutung einer kritischen Auseinandersetzung mit dem ET und den damit verbundenen Praktiken.
Wir wollen daher im Vortrag den ethischen Dimensionen des ET als Kontrollinstanz von Zeitlichkeit nachgehen und über die Handlungszwänge und -möglichkeiten reflektieren, die sich den am Geburtsprozess beteiligten Akteuren stellen.