Die Fruchtbarkeit erhalten? Vorstellungen von Familiengründung, Zeit und gutem Leben bei jungen Patient*innen mit Krebserkrankung
Die Fruchtbarkeit erhalten? Vorstellungen von Familiengründung, Zeit und gutem Leben bei jungen Patient*innen mit Krebserkrankung
Ines Pietschmann1, Claudia Wiesemann1
1 Institut für Ethik und Geschichte der Medizin, Universitätsmedizin Göttingen
Die Frage, ob und welche Rolle Kinder im eigenen Leben spielen sollen, ist ein wichtiger Aspekt der Vorstellungen von einem guten Leben. Dabei geht es auch um den richtigen Zeitpunkt für eine Familiengründung. Nicht selten ist die Lebensplanung, auch in Bezug auf den Kinderwunsch, durch kulturell vorgegebene, lineare Vorstellungen von Zeit geprägt. Die Vorstellung, erst andere ‚Meilensteine‘ des Lebens abhaken zu müssen, wie eine abgeschlossene Ausbildung, einen soliden Beruf und eine feste Partnerschaft, um bereit für ein Kind zu sein, ist verbreitet.
Eine Krebsdiagnose kann die Vorstellung von einem solchen linearen und planbaren Lebensverlauf zerstören. Einige Krebsarten und insbesondere deren Behandlungen beeinträchtigen die Möglichkeit, biologische eigene Kinder zu bekommen. Konfrontiert mit einer solchen Diagnose müssen Patient*innen innerhalb sehr kurzer Zeit über Fragen der Fertilität nachdenken und Entscheidungen über fertilitätserhaltende Maßnahmen (FEM) treffen.
Diese Entscheidungen haben massive Auswirkungen nicht nur auf die eigene Zukunft, sondern auch auf die von (potenziellen) Partner*innen, bereits vorhandenen und noch zu zeugenden Kindern. Vorstellungen guten Lebens müssen unter diesen ungewöhnlichen und kulturell unvertrauten Bedingungen in sehr kurzer Zeit neu überdacht werden.
Im Rahmen einer qualitativen Interviewstudie mit an Krebs erkrankten Frauen und Männern im reproduktiven Alter haben wir untersucht, wie in einer so zeitlich drängenden Situation eigene Konzepte guten Lebens und die der Partner*innen verhandelt werden. Die Ergebnisse der Studie sollen vorgestellt und im Licht zeitlicher Konzepte von Fortpflanzung und Familiengründung diskutiert werden.