Dimensionen von Zeit im Kontext von Indikationsstellung: Eine ethische Analyse

Dimensionen von Zeit im Kontext von Indikationsstellung: Eine ethische Analyse

Kathrin Knochel1, Tanja Henking2, Marie-Christin Fritzsche3, Anna-Henrikje Seidlein4, Sebastian Schleidgen5, Jasmin Sieben5, Orsolya Friedrich5

1Klinische Ethik, TUM Klinikum, School of Medicine and Health, Technische Universität München, Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, School of Medicine and Health, Technische Universität München

2Institut für Angewandte Sozialwissenschaften (IFAS), Technische Hochschule Würzburg-Schweinfurt

3Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, School of Medicine and Health, Technische Universität München

4Institut für Ethik und Geschichte der Medizin, Universitätsmedizin Greifswald 

5 Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, Medizinische Fakultät, Universität zu Köln 

Hintergrund: Zeit ist eine zentrale Dimension des Lebens und damit von Gesundheit und Krankheit. Lebenszeitgewinn stellt ein Therapieziel dar, das der Indikationsstellung von Behandlungsmaßnahmen (oft implizit) zugrunde gelegt wird. Die Dimension Zeit weist auf verschiedenen Ebenen relevante, bisher wenig beleuchtete Bezugspunkte bei der Indikationsstellung auf.

Fragestellung: Vor diesem Hintergrund wird hinterfragt, welche Dimensionen Zeit im Kontext der Indikationsstellung einnimmt und mit welchen Werturteilen diese verbunden sein können.

Methode: In einer interdisziplinären, primär literaturbasierten Analyse wird untersucht und schließlich diskutiert, welche Dimensionen von Zeit welche Bedeutung für Konzept und Praxis der Indikationsstellung haben können.

Ergebnisse: Folgende Ebenen und Dimensionen von Zeit werden als potenziell relevant für die Indikationsstellung diskutiert: 

  1. Lebenszeit und verbleibende Zeit als Therapieziel: Der Gewinn an unterschiedlich viel Lebenszeit durch medizinische Maßnahmen wird von Fachpersonen unterschiedlich bewertet. Diese Bewertung könnte von verschiedenen Werturteilen geprägt sein.
  2. Zeit als Dimension von Krankheit: Zeitpunkt und Dynamik einer Erkrankung (Beginn, Verlauf, Krisen) können die Indikationsstellung beeinflussen. 
  3. Zeit im Kontext von Erkenntnisgewinn: Zeit kann Verfügbarkeit und Verlässlichkeit von Informationen beeinflussen und damit die Einschätzung von Wirksamkeit und Prognose. Bei prognostischer Unsicherheit könnte Zeit aufgrund von Informationsgewinn sowie Beobachtung von Verlauf und Wirksamkeit ein relevanter Entscheidungsfaktor sein. 
  4. Zeit im Entscheidungsprozess: Die zeitliche Dimension medizinischer Entscheidungen zeigt sich im Entscheidungsprozess selbst, insbesondere bei Therapiezielverschiebungen sowie im Einfluss von Zeitdruck auf die Entscheidung, der sich punktuell oder über einen zeitlichen Verlauf hinweg entfalten kann.

Neue Technologien haben das Potenzial, Informationen schneller verfügbar zu machen, beispielsweise KI-gestützte Informationen zu Prognosen, die bisher in der Verlaufsbeobachtung gewonnen werden. Dies könnte Zeit im Kontext von digital unterstützter Indikationsstellung zu einem weiteren relevanten Faktor machen. 

Fazit: Zeit bildet eine wichtige Dimension im Indikations- und Entscheidungsprozess. Ihr Einfluss sollte konzeptionell klarer herausgearbeitet werden, um dann in der klinischen Versorgung besser benannt und in Entscheidungsprozessen berücksichtigt werden zu können.

Internetkoordinator (Stand: 24.06.2026)  Kurz-URL:Shortlink: https://uol.de/p119966
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