‚Do-it-yourself‘ Hormonersatztherapien. Eine ethische Analyse von schadensmindernden Ansätzen unter der Berücksichtigung von subjektiven und institutionellen Zeitlichkeiten
‚Do-it-yourself‘ Hormonersatztherapien. Eine ethische Analyse von schadensmindernden Ansätzen unter der Berücksichtigung von subjektiven und institutionellen Zeitlichkeiten
Mirjam Faissner
Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin, Charité Universitätsmedizin Berlin
Hormonersatztherapien (HRT) sind zentraler Bestandteil der genderaffirmativen Gesundheitsversorgung und von großer Bedeutung für das Wohlergehen vieler trans* und nicht-binärer Personen. Entscheidungen über den Beginn einer HRT sind in ein Spannungsfeld unterschiedlicher Zeitlichkeiten eingebettet. Auf der einen Seite steht das subjektive Erleben von Dringlichkeit, insbesondere angesichts fortschreitender körperlicher Veränderungen, zum Beispiel bei Jugendlichen, oder der Persistenz eines als nicht passend empfundenen Körpers, wobei ein Abwarten selbst als gesundheitlich schädigend erfahren werden kann. Auf der anderen Seite steht die Notwendigkeit einer sorgfältigen Entscheidungsfindung, in der individuelle Wünsche und Zweifel abgewogen werden können. Diese individuellen Abwägungsprozesse finden innerhalb von institutionellen Rahmenbedingungen statt, die Verzögerungen verursachen, etwa durch die Notwendigkeit eines Indikationsschreibens, einen Mangel an Fachpersonal, komplexe Kostenerstattungsverfahren und weitere Zugangsbarrieren.
Vor diesem Hintergrund greifen viele Personen auf sogenannte ‚Do-it-yourself‘ (DIY) HRT zurück. Dabei handelt es sich um ein Spektrum informeller Praktiken der Hormoneinnahme mit variierendem Grad ärztlicher Begleitung. Das Spektrum reicht von der Einnahme verschriebener Hormone nach eigenen Schemata bis hin zur Einnahme weitergegebener oder selbstproduzierter Hormonpräparate. Diese Praktiken sind bislang kaum untersucht, und es existieren keine Empfehlungen für medizinisches Fachpersonal zum Umgang mit DIY-HRT.
Einen möglichen Umgang stellen schadensmindernde Ansätze dar, die auf die Reduktion von Risiken abzielen, ohne den Konsum selbst zu bewerten oder zu unterbinden. Dazu zählen unter anderem die Testung von Hormonpräparaten, begleitende Blutuntersuchungen zur frühzeitigen Erkennung unerwünschter Wirkungen, die Bereitstellung steriler Injektionsmaterialien sowie Informationen für eine risikoarme Anwendung von DIY-HRT.
Basierend auf einem partizipativen communitybasierten Forschungsprojekt untersucht dieser Beitrag schadensmindernde Ansätze als möglichen Umgang mit DIY-HRT aus medizinethischer Perspektive. Im Zentrum steht die Frage, welche ethischen Pflichten für medizinisches Fachpersonal aus dem Spannungsfeld zwischen subjektiv erlebter Dringlichkeit und institutionell erzeugten Verzögerungen erwachsen. Dabei wird argumentiert, dass zeitliche Aspekte in der normativen Bewertung berücksichtigt werden müssen.