Ethik der Multitemporalität: Zeiterleben in Medizin und Gesundheitsversorgung. Literarisch-filmische Annäherungen
Ethik der Multitemporalität: Zeiterleben in Medizin und Gesundheitsversorgung. Literarisch-filmische Annäherungen
Isabella Marcinski-Michel1, Christian Hißnauer2, Sonja Deppe3, Claudia Wiesemann4
1 Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin, Charité Universitätsmedizin Berlin
2 Institut für deutsche Literatur, Humboldt-Universität zu Berlin
3 Abteilung Ethik in der Medizin, Departement für Versorgungsforschung, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
4 Institut für Ethik und Geschichte der Medizin, Universitätsmedizin Göttingen
Zeit spielt in Medizin und Gesundheitsversorgung eine zentrale Rolle. Relevante Vorgänge wie Erkrankung und Genesung sind in die begrenzte und immer schon ablaufende Lebenszeit des Individuums eingelassen. Ärztliches und pflegerisches Handeln sind oftmals zeitkritisch, etwa in der Intensiv- oder Notfallmedizin. Darüber hinaus sind wesentliche Aspekte der Gesundheitsversorgung durch zeitliche Vorgaben getaktet, zum Beispiel Behandlungszyklen in der Reproduktionsmedizin oder Wartelisten in der Transplantationsmedizin.
Allerdings wird Zeit von den beteiligten und betroffenen Personen dabei oft sehr unterschiedlich erlebt, bewertet und gewichtet. So mag sich der zeitliche Ablauf eines ärztlichen Notfalleinsatzes von außen betrachtet rasant und hektisch ausnehmen, aus der Perspektive der betroffenen Person selbst jedoch gleichzeitig qualvoll in die Länge ziehen. Paare mit sehnlichem Kinderwunsch dürften anders auf eine wachsende Anzahl an erfolglosen IVF-Behandlungen blicken als die sie behandelnden Fachärzt*innen. Diese Diskrepanzen haben auch ethische Bedeutung: In der Diskussion über Infektionsschutzmaßnahmen während der COVID 19-Pandemie wurde zum Beispiel immer wieder nahegelegt, dass Lebenszeit, die in Isolation oder unter Lockdown verbracht wird oder gar im Rahmen von Triagierungsmaßnahmen auf dem Spiel steht, unterschiedlich stark ins Gewicht falle, je nachdem in welcher Phase des Lebens sich die Betroffenen befinden.
Solche Diskrepanzen sind nicht leicht theoretisch zu erfassen. Eine auf Objektivität ausgerichtete wissenschaftliche Perspektive stößt angesichts der unhintergehbar subjektiven und existenziellen Erlebnisqualität von Zeit vielfach an sprachliche und konzeptuelle Grenzen. Demgegenüber wird literarisch-künstlerischen Annäherungen, gerade in besonders zeitsensiblen Kunstgattungen wie Film und erzählender Literatur, ein besonderes Potenzial zur Erschließung, Gestaltung und Vermittlung von subjektivem Zeiterleben zugeschrieben. Der Philosoph Odo Marquard spricht in diesem Zusammenhang etwa von einer künstlerisch eröffneten Möglichkeit von Multitemporalitätserfahrungen.
Der Workshop hat das Ziel, dieses Potenzial von Literatur und Film zur Multitemporalität zu erkunden und sich zu Nutze zu machen, um der ethischen Bedeutung unterschiedlichen Zeiterlebens in Medizin und Gesundheitsversorgung nachzugehen. Anhand der Auseinandersetzung mit drei Beispielen zu unterschiedlichen medizinischen Praxisfeldern und Kunstformen (Literatur - Graphic Novel - Film) sollen verschiedene Formen des Zeiterlebens in medizinischen Kontexten rekonstruiert und ethisch reflektiert werden. Ziel ist es, theoretisch-methodologische und didaktische Perspektiven einer an narrativen Ansätzen und Medical Humanities geschulten Medizinethik zu eruieren und auszuformulieren.
Ablauf:
1. (15 Minuten) Einführung und Input zur Problemstellung „Ethik der Multitemporalität“ in Medizin und Gesundheitsversorgung. Zudem werden die begrifflich-theoretischen Analysetools aus der Phänomenologie des Zeiterlebens sowie literatur- und medienwissenschaftliche Ansätze zur erzähltechnischen Untersuchung von Zeitlichkeitsphänomen skizzenartig vorgestellt. Diese sollen in Teil 2 zur Anwendung kommen.
2. (45 Minuten) Die Teilnehmenden werden in drei Breakout-Gruppen eingeteilt, in denen jeweils eine Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Beispielen aus medizinischen Praxisfeldern, literarisch-filmischen Darstellungen und Arten den Zeiterlebens mit Hilfe der zuvor eingeführten begrifflich-theoretischen Analysetools und narratologischen Untersuchungsansätzen stattfindet.
- Literatur: „Der alte König in seinem Exil“ (2012) von Arno Geiger über Alzheimer
- Graphic Novel: „Andere Umstände“ (2022) von Julia Zejn über Schwangerschaftsabbruch
- Film: „Rock my heart“ (2017) von Hanno Olderdissen über eine angeborene Herzerkrankung
In den Breakout-Gruppen soll jeweils erarbeitet werden, wie in den literarischen und filmischen Beispielen das unterschiedliche Zeiterleben dargestellt wird. Wie hängen die dargestellte Zeiterfahrung und das Medium zusammen? Welche ethische Bedeutung kann dies für Medizin und Gesundheitsversorgung haben? Begonnen wird jeweils mit der gemeinsamen Sichtung oder Lektüre von Film- und Textausschnitten.
3. (30 Minuten) Abschließend erfolgt eine Zusammenführung, Vorstellung und Diskussion der Gruppenarbeiten. Anknüpfend an die eingangs eingeführte Ethik der Multitemporalität werden die Ergebnisse der Breakout-Gruppen hinsichtlich der ethischen Bedeutung unterschiedlichen Zeiterlebens in Medizin und Gesundheitsversorgung reflektiert. Ziel des Workshops ist es, eine theoretisch-methodologische und didaktische Konzeptidee einer an narrativen Ansätzen und Medical Humanities geschulten Medizinethik zu entwickeln.