Ethische Aspekte von Disease-Management-Programmen: Das Beispiel Adipositas

Ethische Aspekte von Disease-Management-Programmen: Das Beispiel Adipositas

Solveig Hansen1, Leonie Renelt 1

1 Institut für Public Health und Pflegeforschung, Universität Bremen

Disease-Management-Programme (DMPs) sind etablierte Steuerungsinstrumente im deutschen Gesundheitswesen, die eine strukturierte Versorgung chronischer Erkrankungen anstreben. Trotz ihrer politischen und versorgungsorganisatorischen Bedeutung bleibt die ethische Reflexion ihrer normativen Zielsetzung und Umsetzung bislang unzureichend. Dieser Beitrag untersucht am Beispiel eines geplanten DMP Adipositas zentrale ethische Fragestellungen, die sich für DMPs allgemein stellen.

Adipositas zeichnet sich durch hohe Prävalenz, komplexe biopsychosoziale Ursachen und ausgeprägte Erfahrungen von Stigmatisierung aus und ist bislang nicht in der Regelversorgung durch ein DMP abgebildet. Im Rahmen einer empirisch-informierten Ethikanalyse wurden 20 leitfadengestützte Interviews mit Patient*innen eines Gewichtsreduktionsprogramms retrospektiv ausgewertet, um moralische Anforderungen an das DMP herauszuarbeiten. Zur ethischen Strukturierung dienten die Prinzipien relationaler Autonomie, Fürsorge und Gerechtigkeit.

Die Ergebnisse zeigen, dass Betroffene häufig auf sich gestellt sind und vielfach wenig nachhaltige Versuche zur Gewichtsreduktion unternehmen. Der Zugang zu strukturierten Unterstützungsangeboten hängt stark von zeitlichen, finanziellen und organisatorischen Ressourcen ab, und die Kostenübernahme durch Krankenkassen ist uneinheitlich geregelt. Zudem berichteten Interviewte von Diskriminierungserfahrungen, emotionaler Belastung und der Bedeutung sozialer Unterstützung.

Aus ethischer Perspektive sollte ein DMP weder primär als Instrument zur Verhaltenssteuerung noch als bloßes Effizienzwerkzeug verstanden werden. Vielmehr eröffnet die Analyse die Sicht auf normative Herausforderungen, die bei DMPs grundsätzlich bestehen: Programme müssen Autonomie fördern, Fürsorge ermöglichen und strukturelle Ungleichheiten verringern statt zu reproduzieren. Am Beispiel Adipositas lässt sich zeigen, wie zentrale ethische Anforderungen an DMPs – etwa Gerechtigkeit in der Zugangsverteilung und Achtung der Lebenswirklichkeit der Betroffenen – analytisch präzisiert und praktisch reflektiert werden können. Die Studie leistet so einen Beitrag zur ethischen Bewertung und Weiterentwicklung von Disease-Management-Programmen im deutschen Gesundheitswesen.

Internetkoordinator (Stand: 24.06.2026)  Kurz-URL:Shortlink: https://uol.de/p119973
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