Ethische Herausforderungen der zeitlichen Perspektive des Broad Consent in der Pädiatrie

Ethische Herausforderungen der zeitlichen Perspektive des Broad Consent in der Pädiatrie

Isabell Haase-Saebel1, Christoph Schickhardt1

1 Institut für Medizin- und Datenethik, Medizinische Fakultät, Universität Heidelberg

Hintergrund: Eine breite Einwilligung (Broad Consent) im Bereich der Sekundärnutzung umfasst die Nutzung von Behandlungsdaten inkl. genetischer Daten und ggf. Biomaterialien für die Forschung bis weit in die Zukunft. Ethisch herausfordernd ist die Anwendung des Broad Consent bei Minderjährigen als vulnerable Gruppe. Die Eltern als Stellvertreter für ihr Kind treffen eine Entscheidung, die weit in dessen Zukunft hineinreicht. Aufgrund ihrer kognitiven Entwicklung können die Kinder die Bedeutung der Entscheidung vor dem enormen zeitlichen Horizont ihrer Zustimmung kaum verstehen.

Fragestellung: Wie tangiert der Broad Consent das Recht der Kinder auf eine offene (informationelle) Zukunft? Wie sind die Eingriffe gegenüber dem potenziellen Nutzen der Forschung für andere Kinder (und deren Eltern sowie die Gesellschaft) einzustufen?

Methode: Nach einer Literaturrecherche zu ethischen Aspekten des Broad Consent bei Erwachsenen und Kindern analysierten wir Broad Consent Dokumente aus der nationalen wie internationalen pädiatrischen Praxis hinsichtlich ihrer Berücksichtigung von Kinderrechten, speziell des Rechtes auf eine offene informationelle Zukunft.

Ergebnisse: Die breite Einwilligung greift in das Recht der Kinder auf offene informationelle Zukunft ein, indem gesammelte personenbezogenen Daten über Jahrzehnte hinweg, ggf. bis weit in das erwachsenen Leben des Kindes hinein, für Forschungsprojekte genutzt werden können. Es gibt einige Ansätze, die Eingriffe zu mitigieren:

Zunehmend wird es üblich, sowohl den Consent (juristisch bindende Einwilligung) der Eltern einzuholen als auch den Assent (Zustimmung) der Kinder, sofern diese kognitiv dazu in der Lage sind. Ein weiteres Instrument besteht darin, die Kinder zu einem späteren Zeitpunkt, wenn sie ca. 16 sind oder auf die Volljährigkeit zugehen, anzuschreiben, um sie auf die Verwendung ihrer Daten und ihre Rechte aufmerksam zu machen, z.B. in Form eines Opt outs. Allerdings können Daten aus zu diesem Zeitpunkt laufenden Projekten nicht mehr zurückgezogen werden.

Diskussion und Ausblick: Es ergibt sich ein moralisches Dilemma zwischen dem Interesse der aktuell betroffenen Kinder auf informationelle offene Zukunft sowie den Interessen der zukünftigen kranken Kinder, welche ein Recht haben auf bestmögliche medizinische Versorgung, das mit Abwägungen und Mitigierungsstrategien adressiert werden kann.  Neue Technologien wie Organoide oder PDX- Modelle werden (durch die Unterstützung von KI) dieses Dilemma noch verschärfen. 

Internetkoordinator (Stand: 24.06.2026)  Kurz-URL:Shortlink: https://uol.de/p119953
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