Exponentielle Bioakkumulation: Zeitethische Herausforderungen für die nachhaltige Pharmazie

Exponentielle Bioakkumulation: Zeitethische Herausforderungen für die nachhaltige Pharmazie

Benjamin Nguyen1, Prof. Michael Müller2

Center for Social Ethics in Healthcare, Johann Wolfgang Goethe-Universität

Lehrstuhl für Pharmazeutische und Medizinische Chemie, Universität Freiburg

Im Kontext der umsichgreifenden Biodiversitäts- und Klimakrise wird sich in der Pharmazie, unter den Termini „Green-“ oder „sustainable Pharmacy“, mit der Frage nach der eigenen ethischen Verantwortung für den Erhalt des Planeten auseinandergesetzt. Bisher finden zeitethische Fragen in diesen Untersuchungen keine Beachtung, obwohl Zeit und Zeitlichkeit in der Pharmazie an zahlreichen Stellen von zentraler Bedeutung sind. Im Besonderen ist dabei an die Pharmakokinetik (PK) und Pharmakodynamik (PD) zu denken. Hier wird untersucht, was der Körper mit dem aufgenommenen Stoff (PK), bzw. was der Stoff mit dem Körper (PD) über den Zeitverlauf hin machen. Zeit wird hierbei stets als lineare Variable gedacht – auch, wenn viele biologische und pharmakologische Prozesse nicht-linear verlaufen. Daraus ergeben sich zahlreiche epistemologische und ethische Herausforderungen – so können etwa Risiken, die nicht linear zur chronologischen Zeit auftreten normativ über- oder unterschätzt werden. In besonderer Weise gilt dies für exponentiell verlaufende Prozesse. So konnte jüngst nachgewiesen werden, dass sich verschiedene industriell produzierte, toxische Stoffe exponentiell in Nahrungsmitteln anreichern. Bisher kann noch nicht abgesehen werden, welche gesundheitlichen Risiken damit für die betroffenen Pflanzen, Tiere oder Menschen einhergehen. 

Mit dieser Exponentialität als solches gehen zahlreiche zeitethische Fragen einher, die bisher in der nachhaltigen Pharmazie aber auch dem Health Technology Assessment und der One Health-Ethik nicht berücksichtigt werden. Hier können genannt werden: 

  • Wie kann ethische Reflexion unter exponentiellen Zeitstrukturen stattfinden? 
  • Wer trägt Verantwortung für eine rasche Intervention, bei sich zeigenden exponentiellen Akkumulationsprozessen?
  • Wer trägt Verantwortung für das mögliche Eintreten negativer Gesundheits- oder Umwelteffekte durch exponentiell verlaufende Anreicherungen toxischer Stoffe? 
  • Wie können exponentielle Prozesse in Leitlinien zur One Health-Ethik oder Maßnahmen der Public-Health-Policy Berücksichtigung finden? 

Die epistemologische Voraussetzung zur Beantwortung dieser Frage ist, dass Zeit in der Pharmazie und Chemie nicht weiter als wertfreie und kontextlose Konstante angesehen wird. Darauf aufbauend können gemeinsam mit der Pharmazie und Chemie Institutions-, One- und Public-Health-ethische Lösungsansätze entwickelt werden.

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