Jenseits von Gerontokratie und Präsentismus: Zeitliche und moralische Grundlagen zukunftsfähiger intergenerationeller Beziehungen ausgehend von der COVID-19-Pandemie

Jenseits von Gerontokratie und Präsentismus: Zeitliche und moralische Grundlagen zukunftsfähiger intergenerationeller Beziehungen ausgehend von der COVID-19-Pandemie

Eva Katharina Boser1, Lena Dörmann1(geteilte Erstautorschaft)

1 Abteilung Ethik in der Medizin, Department für Versorgungsforschung, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

Die COVID-19-Pandemie hat intergenerationelle Solidaritätsverhältnisse in liberalen Wohlfahrtsstaaten wie Deutschland auf die Probe gestellt, indem Altersgruppen in öffentlichen Debatten gegeneinander positioniert wurden. Diese Entwicklung wirkt fort, etwa in Diskursen zu Pflege, Demografie und der Verteilung begrenzter gesundheitlicher Ressourcen. Es fehlt jedoch eine zeitkritische Perspektive, um diese Konflikte nicht nur als Verteilungsfragen, sondern als Aushandlungen unterschiedlicher Zeithorizonte, Lebensphasen und (Zukunfts-)Verantwortungen in überlagernden Krisen zu erfassen. 

Der Beitrag untersucht, wie soziale Verantwortungszuschreibungen in intergenerationellen Aushandlungsprozessen im Kontext der COVID-19-Pandemie und darüber hinaus verhandelt werden. Die empirische Grundlage bilden acht Fokusgruppen mit Teilnehmenden aus fünf Altersgruppen sowie unterschiedlichen sozioökonomischen Lebenswelten. Mittels qualitativer Inhaltsanalyse werden Sinnzusammenhänge intergenerationellen Zusammenhalts in krisenhaften Zeitverläufen herausgearbeitet und entlang der aus dem Material entwickelten Kategorien Verantwortung, Sorge und Solidarität vergleichend analysiert. Die Ergebnisse zeigen, dass intergenerationelle Verantwortungszuschreibungen entlang zweier Deutungsmuster struktureller Ungerechtigkeit verhandelt werden: Gerontokratie und Präsentismus. Während erstere gesundheitliche und pflegerische Entscheidungen – etwa zur Priorisierung von Schutzmaßnahmen, Versorgungsleistungen oder Pflegearrangements – am aktuellen Bedarf älterer Generationen ausrichtet und langfristige Folgen ausblendet, verleiht letzterer aktuellen Krisen Priorität zulasten zukünftiger Belastungen der Gesundheits- und Pflegeversorgung. Beide Ansätze verdecken normative Spannungen zwischen Gegenwarts- und Zukunftsverantwortung sowie Fürsorge und Autonomie. Daraus folgt, dass intergenerationelle Verantwortung in Gesundheits- und Pflegeversorgung als zeitlich und relational strukturierte Praxis zu verstehen ist. 

Wir diskutieren die Ergebnisse im Rahmen feministischer Ethik, und argumentieren, dass dialogische Aushandlungsprozesse zwischen Generationen dazu beitragen können, strukturelle Ungerechtigkeiten in überlappenden Krisen sichtbar zu machen. Die systematische Berücksichtigung zeitlicher und struktureller Verantwortungsdimensionen erweist sich als notwendige Voraussetzung, um intergenerationelle Ungerechtigkeiten im Kontext gerechter Gesundheits- und Pflegeversorgung zu adressieren. 

Internetkoordinator (Stand: 24.06.2026)  Kurz-URL:Shortlink: https://uol.de/p119972
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