Jetzt für die Zukunft entscheiden? Lebenskonzepte und krankheitsbezogene Erfahrungen als Schlüsselelemente der Willensbildung im Advance Care Planning

Jetzt für die Zukunft entscheiden? Lebenskonzepte und krankheitsbezogene Erfahrungen als Schlüsselelemente der Willensbildung im Advance Care Planning

Carla Marie Schnieder1, Luis von der Stein1, Matthias Havemann1, Sophie Hecht1, Dennis Wilke1, Carola Seifart1

1 Institut für angewandte und klinische Ethik im Gesundheitswesen, Philipps-Universität Marburg

Advance Care Planning (ACP) ersetzt zunehmend klassische Patientenverfügungen durch gesprächsbegleitete gesundheitliche Vorausplanung. Die Inhalte von ACP-Verfügungen wurden bisher jedoch wenig untersucht. In unserem Vortrag präsentieren wir Ergebnisse einer qualitativen Untersuchung von 166 Dokumentationen von ACP-Gesprächen zwischen Patient*innen und Gesprächsbegleiter*innen, die im Rahmen des von der Deutschen Krebshilfe geförderten Verbundprojekts ONCOnnect durchgeführt wurde. Die Daten wurden von uns mittels qualitativer Inhaltsanalyse nach Mayring (2015), mit Adaptionen nach Hsieh (2005) und Corbin (2014), analysiert. Nach induktivem Kodieren und Anwendung der konstanten Vergleichsmethode wurden initiale Konzepte durch quantitative Analysen überprüft. Die iterative Theoriebildung mündete in zwei expert*innenvalidierte Modelle, die zu einem umfassenderen Verständnis individueller Willensbildung im ACP-Prozess beitragen. 

Patient*innen äußern ihren Willen in ACP-Gesprächen nicht primär durch Ablehnung von oder Zustimmung zu medizinischen Maßnahmen, sondern über das Benennen von Lebenskonzepten, über die ein Abgleich individueller Vorstellungen von Lebensqualität mit hypothetischen Szenarien stattfindet. Es zeigen sich drei Abstufungen: optimale, akzeptable und inakzeptable Lebenskonzepte, die wertebasierte Therapiepräferenzen bestimmen. Die Aufrechterhaltung von Selbstbestimmung und sozialen Beziehungen erscheinen dabei als zentrale Entscheidungsfaktoren. 

Frühere krankheitsbezogene Erfahrungen haben einen zentralen Einfluss auf Entscheidungen für das eigene Lebensende. Dabei spielen v.a. die Faktoren eine Rolle, wer die Erfahrung macht, wie diese Erfahrung bewertet wird und welche Anpassung an sie erfolgt. Selbst erlebte und im nahen Umfeld beobachtete Erfahrungen führen jeweils zu unterschiedlichen Anpassungsreaktionen und verschiedenen Behandlungspräferenzen. Dies ist ein zirkulärer Prozess, der immer wieder durchlaufen werden kann. 

Im Rahmen von ACP stehen Menschen vor der über-fordernden Aufgabe, ihren Willen für ein zukünftiges Ich und im Hinblick auf ungewisse, medizinisch komplexe Situationen bilden und zum Ausdruck bringen zu müssen. Unsere empirisch fundierten Modelle beleuchten erstmals tiefgreifend, wie Patient*innen dieser grundlegenden Problematik begegnen, und dass Willensbildungsprozesse nicht etwa willkürlich ablaufen, sondern auf Konzeptionen von Lebensqualität und auf biografischen Erfahrungen aufbauen.

Internetkoordinator (Stand: 24.06.2026)  Kurz-URL:Shortlink: https://uol.de/p119969
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