KI-Anwendungen in der Onkologie. Ethische und epistemische Dimensionen einer zukünftigen „Patient Journey“
KI-Anwendungen in der Onkologie. Ethische und epistemische Dimensionen einer zukünftigen „Patient Journey“
Lea Nickel1, Silke Schicktanz1
1 Institut für Ethik und Geschichte der Medizin, Universitätsmedizin Göttingen
Die Onkologie gilt aufgrund ihrer bildbasierten Diagnostik und datenintensiven Therapieentscheidungen als wichtiger Anwendungsbereich für künstliche Intelligenz (KI). KI-Tools kommen hier vielfältig zum Einsatz: von automatisierter Bildanalyse über Risikoprognosen bis hin zur Unterstützung bei Therapieentscheidungen.
Im Gegensatz zum Fokus auf einzelne Anwendungen wollen wir in diesem Vortrag KI-Implementationen entlang einer „Patient Journey“ mappen, um die Multiplizität und das Zusammenspiel vieler und verschiedener KI-Anwendungen sowie deren institutionelle Einbettung sichtbar und kritisch diskutierbar zu machen. Dabei geht es sowohl um die Interaktion mit KI-gestützter Medizin aus Sicht einer Patient*innen-Biographie als auch aus Sicht einer soziotechnischen Folgenbewertungen einer solcher Zukunftsversion in der Gesundheitsversorgung.
Im ethischen Fokus steht die Reflexion auf agentielle Bedürfnisse der Patient*innen: Wie können sie zwischen unterschiedlichen KI-Systemen unterscheiden, um informierte Entscheidungen treffen zu können? An welchen Versorgungspunkten sind Opt-Out-Optionen möglich oder sogar geboten? „Patient Journey Mapping“ kann so vernachlässigte biografische und prozessuale Aspekte der Fragen nach Patient*innenautonomie, informierter Entscheidung und epistemischer Unsicherheit einfangen.
Ergänzend diskutieren wir zwei Herausforderungen dieser epistemischen Modellierungsweise: Erstens werden mit verschiedenen Visualisierungsstrategien solcher ‚Journeys‘ oft implizite normative Annahmen und Narrative transportiert, die die Wahrnehmung und auch die ethische Beurteilung beeinflussen können. Eine kritische Reflexion und argumentative Stützen gewählter Strategien sind hier essentiell. Die zweite Herausforderung besteht darin, dass sich die KI-Systeme aktuell in ihrem Implementierungsstatus unterscheiden und sich die Frage stellt, wie aus Sicht einer antizipierenden angewandten Ethik damit methodisch umgegangen werden kann.
Wir plädieren dafür, dass sowohl retrospektive Erfahrungen als auch prospektive, visionäre Perspektiven als Bedürfnisse der Patient*innen konsequent in die ethische Analyse und technische Entwicklung von KI in der Onkologie einzubeziehen sind. Trotz verbleibender epistemischer Limitationen eröffnet dieser Zugang innovative Perspektiven für eine patient*innenzentrierte KI-Integration.