Künstliche Intelligenz und stellvertretende Entscheidungsfindung: Warum Präferenzvorhersage Advance Care Planning nicht ersetzen kann

Künstliche Intelligenz und stellvertretende Entscheidungsfindung: Warum Präferenzvorhersage Advance Care Planning nicht ersetzen kann

Florian Funer1, Christin Hempeler2

1 Institut für Ethik und Geschichte der Medizin, Universität Tübingen 

2 Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, Profilzentrum Gesundheitswissenschaften, Universitätsmedizin Halle, Medizinische Fakultät, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Stellvertretende Behandlungsentscheidungen gehören zum klinischen Alltag, insbesondere in Situationen, in denen Patient:innen ihre Einwilligungsfähigkeit verloren haben. Advance Care Planning (ACP) und Patientenverfügungen sollen in solchen Situationen Orientierung bieten, sind jedoch bislang unzureichend verbreitet. Vor diesem Hintergrund wird zunehmend diskutiert, ob KI-basierte Verfahren zur Vorhersage von Patientenpräferenzen („Patient Preference Predictors“) eine ethisch akzeptable Alternative darstellen können.

Der Beitrag nimmt diese Entwicklung zum Anlass für eine differenzierte ethische Analyse der Rolle KI-basierter Präferenzvorhersage in der stellvertretenden Entscheidungsfindung. Er argumentiert, dass die ethische Legitimität stellvertretender Entscheidungen nicht primär davon abhängt, wie zutreffend mutmaßliche Präferenzen prognostiziert werden, sondern davon, ob Entscheidungen auf einem reflektierten, selbst geäußerten Willen der betroffenen Person beruhen. Auch hochpräzise algorithmische Vorhersagen bleiben epistemisch und normativ von Willensäußerungen zu unterscheiden: Sie rekonstruieren Wahrscheinlichkeiten, nicht Autorenschaft. Präferenzprädiktion droht damit, die Bedeutung von Autonomie auf Übereinstimmung von Entscheidungen mit statistisch abgeleiteten Präferenzen zu verengen und die personale Dimension vorausgehender Willensbildung zu unterlaufen.

Zugleich wird betont, dass digitale Technologien und KI ein erhebliches Potenzial besitzen, ACP-Prozesse zu fördern statt zu ersetzen – etwa durch strukturierte Unterstützung von Gesprächen, niedrigschwellige Dokumentation oder verbesserte Zugänglichkeit. Der Beitrag plädiert daher für eine klare normative Priorisierung: KI-gestützte Präferenzvorhersage kann allenfalls als nachrangiges Hilfsmittel in Situationen völliger Orientierungslosigkeit dienen, darf jedoch nicht an die Stelle von ACP und expliziten Vorausverfügungen treten. Für die klinische Praxis bedeutet dies, technologische Innovation konsequent an der Stärkung vorausgehender Willensbildung auszurichten.

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