Liberalisierung und Normalisierung der Sterbehilfe in Kanada – ethische, soziale und gesundheitspolitische Implikationen für die deutsche Debatte um den assistierten Suizid
Liberalisierung und Normalisierung der Sterbehilfe in Kanada – ethische, soziale und gesundheitspolitische Implikationen für die deutsche Debatte um den assistierten Suizid
Niklas Petersen
Institut für Ethik und Geschichte der Medizin, Universitätsmedizin Göttingen
Der assistierte Suizid ist in Deutschland zwar erlaubt, jedoch ungeregelt, nachdem das Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung vom Bundesverfassungsgericht im Jahr 2020 für verfassungswidrig erklärt worden war. Die Selbsttötung sei Ausdruck individueller Selbstbestimmung, so die richterliche Argumentation, und dieses Recht schließe auch die Freiheit ein, Hilfe Dritter in Anspruch zu nehmen. Zugleich wurde anerkannt, dass mit einer zunehmenden Normalisierung der Sterbehilfe die Gefahr autonomiegefährdender sozialer Pressionen zur Inanspruchnahme assistierten Suizids einhergehe.
Um die sozialen und ethischen Implikationen einer Liberalisierung der Sterbehilfe differenziert zu beleuchten, lohnt es sich, einen Blick auf Länder zu werfen, die Sterbehilfe in den vergangenen Jahren bereits liberalisiert haben. Der Fall Kanadas ist besonders aufschlussreich, da sich das Land innerhalb eines Jahrzehnts, ausgehend von einem vollständigen Verbot der Sterbehilfe, zu einem der Länder mit der weltweit höchsten Verbreitung von Tötungen auf Verlangen entwickelt hat.
In Kanada erklärte der Supreme Court im Jahr 2015 das Verbot des ärztlich assistierten Suizids für verfassungswidrig, da es die Grundrechte auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person verletze. In der Folge wurde Medical Assistance in Dying (MAiD) legalisiert, zunächst beschränkt auf Personen, deren natürlicher Tod absehbar war, und später – nach einem weiteren Gerichtsurteil – auf alle Personen ausgeweitet, die an einer schwerwiegenden und unheilbaren Erkrankung leiden. Inzwischen sind mehr als fünf Prozent aller Todesfälle auf ärztliche Tötungen auf Verlangen zurückzuführen. Menschenrechtsorganisationen kritisieren, dass insbesondere vulnerable Gruppen im Kontext unzureichender sozialer Absicherung und medizinischer Versorgung durch die Normalisierung der Sterbehilfe faktisch in den assistierten Suizid gedrängt würden.
Ziel des Vortrags ist es, auf Basis der aktuellen bioethischen, gesundheitspolitischen und juristischen Fachdebatten in Kanada herauszuarbeiten, welche Faktoren und institutionellen Arrangements die Normalisierung der Sterbehilfe dort begünstigt haben, und vor dem Hintergrund der deutschen Diskussionen zur Neuregelung des assistierten Suizids die ethischen sowie sozialen Folgen einer Ausweitung der Sterbehilfe kritisch zu diskutieren.