“Losing out on meaningful moments”: Die Dimension von Zeit im Kontext kindlicher Entwicklung.
“Losing out on meaningful moments”: Die Dimension von Zeit im Kontext kindlicher Entwicklung.
Annic Weyersberg1, Simone Böhm-González1
1 Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, Universitätsklinik Köln
Zeit ist nicht nur ein physikalisches Maß, sondern eine zentrale ethische Kategorie, die besonders im Lebensverlauf eine unterschiedliche Rolle spielen kann. Im Kindesalter besitzt Zeit eine besondere Qualität, da die kindliche Entwicklung an eng begrenzte Zeitfenster gebunden ist. Bestimmte Meilensteine und Erfahrungen – insbesondere Beziehungserfahrungen, Übergänge und Entwicklungsschritte – können nicht beliebig verschoben, wiederholt oder bei Ausfall kompensiert werden. Verpasste Zeit bedeutet für Kinder daher nicht lediglich temporärer Verlust, sondern potenziell dauerhafter Verzicht und Einschränkung von Entwicklungsmöglichkeiten.
Die COVID-19-Pandemie hat diese spezifische Zeitdimension des Kindesalters in besonderer Weise offengelegt. Pandemiebedingte Maßnahmen folgten vielfach einer erwachsenen Zeitlogik, in der Einschränkungen als vorübergehend und prinzipiell aufholbar gedacht wurden. Für Kinder hingegen bedeuteten dieselben Maßnahmen den Verlust einmaliger Lebensmomente und irreversibler Entwicklungsschritte. Damit wurde eine zeitethische Asymmetrie zwischen Generationen sichtbar, die Fragen nach intergenerationeller Gerechtigkeit und Verantwortung aufwirft.
Besonders eindrücklich zeigt sich dies bei frühgeborenen Kindern und ihren Familien. Der Vortrag erarbeitet die besondere Dimension von Zeit im Kontext kindlicher Entwicklung anhand eigener Ergebnisse qualitativer Studien zu Erfahrungen von Eltern frühgeborener Kinder während des ersten COVID-19-Lockdowns sowie von den Erfahrungen von SchülerInnen und Schülern während der Schulschließungen in Deutschland. Einsamkeit, Isolation und das Verpassen einmaliger Momente und Erfahrungen haben hier eine zentrale Bedeutung. Erfahrungen und Erlebnisse rund um die Geburt und Neugeborenenperiode sowie im weiteren Lebensverlauf wurden als zeitlich begrenzte und unwiederbringliche Möglichkeiten erfahren, deren Einschränkung langfristig nachwirken.
Aus pädiatrisch-ethischer Perspektive macht der Beitrag deutlich, dass kindliche Zeitlichkeit in individuellen und kollektiven Krisensituationen bislang unzureichend berücksichtigt wurde. Der Vortrag plädiert dafür, zeitliche Dimensionen des Kindesalters als eigenständige ethische Kategorie anzuerkennen und in zukünftigen klinischen, politischen und gesellschaftlichen Abwägungsprozessen systematischer mitzudenken.